Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 49 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 910 Oesterreichifchr Wochenschrift. Nr>49 damit, fielen sie über ihn her und schoren ihm gewaltsam das Haupthaar ab — Mi großen Gaudium des biederen Wirlhes und der anwesenden Gäste, unter deneit sich auch der > Bürgermeister von Kagran befand. Keiner hatte ein abmahncndcs, abwehrendcs Wort für die rohen Bursche, alle sahen vielmehr vergnügt zu, ivie ein Brensch, der stciemandem etwas zu Vcibe gethan, in der brutalsten, nichlswürdigsten Beeise mißhandelt wurde. vsü es da et» Wunder, daß die rüden Bierjitngen sich ihrer Heldcnthat itoch rühmen und dieselbe selbst erzählen? 0. 6. Lemberg. 6. December. „Alles im Alainen des Baterlandes" rufen wir aus, tvenn tvir auf den Heidenlärm zurückblicke t, den die Verpachtung des Podhajeer Gütercomplcxes an die Gebrüder Lilienfeld blos aus detn Grunde erzeugte, weil dieselben Juden sind. Die (Gebrüder Vilicnfclb traten von der Gcneralpachtung zurück, und ein rein christlich-katholisches Konsortium ivill an ihre Stelle treten. Älerkwürdiger Weise befinden sich als Eonsortial-Blitglieder neben manchen bisherigen Pächtern, die du rch eine erorbitatttc Pünktlichkeit sich hervorthateit, daß die srühereit Gigcnthütuer die Güter gegen eine Leibrente der Krakauer wechselseitigcit Assecutanzgesellschaft verkaufteit, auch ein ehemaliger Bezirksrichler gegeinvärtiger (Gutsbesitzer, Sohn eines ehemaligen deutschen Statthaltcrcirathes der Germanisirungs- .^cit der ersten Goluchowski'schcn Statthalter-Periode, einAdvocat und ein Notar, die beiden letztgenannten Mitrcgisseure der luüften Agitation. Armes Vaterland; zu welchen selbstsüchtigen .Ztvecken wird den: heiliger 'Name mißbraucht! Seil mehreren Wochcit batten Kandidaten aus den erledigten Naübiner-Posten Vorträge in der Synagoge. Trotzdem läßt sich das Endresultat nicht voranssehcn. Es gibt nichts Vollkommenes ebensoiveitig tvie ein Rabbiner, der den öffentlichen und sonstigen Interessen gerecht werden kann. — Vedereuio! Berlin. In einem Artikel: „Das junge Deutschland" schreibt Professor Steinthal: „Mau nennt allgemein Börne und Heine, zwei Inden, als die Väter des jungen Deutschland; und zu den letzten Dichtern desselben gehörte der Jude Moritz Hartmailn. Iioch andere Iuven betheiligten sich: nur der Königsberger Arzt Johann Jacoby sei noch genannt. Ja, diese Juden! sagt man. Pes extremes se toudient: dieses allcrkonservalivstc Volk, sagt man, ist die eingefleischte Rcvolntioil und hat nur noch an den 'polen einen schwächeren Genossen. Der echte „Deutsche" aber wird immer den Franzosen als Dritten im Bunde nennen. Doch lassen wir dies. Wem liegt hier ein Räthsel vor? nur dem. der nicht sehen will. Zunächst sei von den beiden erstgenannten Schriftstellern die Rede. Börne war in der Politik ein volles Kind. Bon wem hätte er sie auch lernen können! Von Metternich? Das war für den schinarotzenden Genlz ei» sehr verständlicher Lehrer. — Jene viel getadelte 'Bcrhcrrlichung Napoleons — Vorne hat sie nie gehabt, so wenig wie Beethoven. Heine allerdings hatte sie, wie Goethe und Hegel, aber jeder der drei aus anderem Grunde: Hegel, als echter Sophist, kniet vor der Macht und nennt Napoleon in einem Alhem mit dem Kaiser Alexander von Rußland; «'weihe ehrt die große Persönlichkeit < zumal er in jener geil noch nichts von Napoleons Kleinheit wissen konnte); Heine hat zunächst sein Wohlgefallen an der Armee, dann wie ein echter Backfisch, an den kokttten Bfsizieren, und später an dem Manne, der das morsche deutsche Reich über den Haufen geworfen hatte, und verehrt ihm gerade darum, weil dieses morsche Reich dennoch erhalten geblieben oder wieder hergeslellr worden war. — Wer wird sich darüber lvnndcrn, daß die Juden in 'Napoleon ihren Befreier erkannten? Börne aber war viel zu edel und viel zu weitherzig, um, wenn er „für die Inden" schrieb, etwas anderes zu denken als: für die Deutschen, nämlich „für die Freiheit." Gs gab , und gibt noch) Jllden, welche über die Bedrückung der Juderr^genau so dachten, wie der mecklenburger ländliche Arbeiter über seine «Stellung zum Gutsbesitzer: das ist nun einmal so Gottes Ordnung, wogegen nicht zu murren ist. Diese Inden waren konservativ. Die preußische Regierung wußte sehr wohl, was sic rhat, als sie den großen jüdischen Gemeinden in Berlin und Breslau nicht gestattete, einen wifsenschafttich gebildeten Rabbiner, Männer wie Zun; und Abraham Geiger anzustellen. Wenn die Juden jeden Sonnabend eine Predigt in reinen Deutsch hörten, so würden die bisherigen Manfchler, Lachte der preußische Minister, sehr bald aufhören zu mauscheln und konservativ zu feilt. Unrecht hatte er nicht, konnte aber auf die Dauer doch nicht verhindern, daß auch die Juden wieder wie im Mittelalter reines Deutsch sprachen und in ihren Synagogen hörten. Jene Befürchtung aber erwies sich 1848 doch als übertrieben; es zeigt sich doch so mancher nicht mehr manfchelndc Jude von echt preußischen Konservativismus, wie der Berliner Astronom Wilhelm Beer, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses l Bruder von Mcyerbecr», und die ganze Familie Mendelssohn. Indessen diese Männer rechnet man auch nicht zu Jung-Deutschland; und auch der Hegelianer Professor Gans gehört nicht dazu, wie ich auch nicht einsehe, mit welchem Rechte die für Goethe romantisch schwärmende Rahel hieher gezogen werden kann. Dagegen meine ich, wenn von den Inden des jungen Deutschlands die Rede ist, so dürfe ein Mann nicht ungenannt bleiben, der zu den besten aller Zeiten gehört: Gabriel Rieser aus Hamburg »Mitglied des Parlaments in Frankfurt», „deutsch vom Wirbel bis zur Zehe," — wenn dieser Ausdruck mit Erlaubniß des Herrn Dreitschkc von cinem Ungetauften gebraucht werden darf. Rieser allein darf neben Börne erwähnt werden." Breslau. »Trauer s ei er». Am 29. d. M. war ein Jahr seit dem Hinscheiden des Rabbiners Dr. Joel verflossen. Tie hiesige Gemeinde wählte diesen Dag zu einer erhebenden Erinnerilngsfeier. Um 11 Uhr Morgens versammelten sich in der mit Blumen reich geschmückten ilnd mit Kerzen erleuchteten Halle des israelitischen Friedhofes der Bor- »"tand und die Repräsentanten der Suilagogengemeinde, die Vorsteher vieler Hulnanitätsansralten, sotvie eine große Zahl von Gemeindemitgliedern. Gesang des Gemcindechors leitete die Feier ein. Darauf hielt Rabbiner Dr. Rosenthal die Gedächtnißrede; er schilderte in erhebenden Worten die Wirksamkeit des Verstorbenen in der hiesigen Geineinde sowie seine Verdienste um die Wissenschaft des Jndenthuins. Rabbiner Dr. Knoller sprach ein Gebet, welches dem Schmerze um den Verlust, der die ganze Glaubensgemeinschaft betrossen, noch einmal beredten Ausdrllck gab. Eine tiefe Bewegung ging durch die Trauerversammlnng, als der Obcrcantor Deutsch in hebräischer Sprache das Todtengebet in ergreifender Weise vortrug. Eine Tranerliturgic, wie sic bei der Dodtenfcier au hohen Festtagen abgehaltcn wird, schloß die Feier. Hierauf gab sich die Traucrversammlnng zu der Grabstätte des Dr. Joel, welche aus einem Ehrenplave des Friedhofes sich befindet. Das große künstlerisch in rothem Sandstein ausgeführte Monument, welches der Gcmeindevorstand seinem unvergeßlichen Rabbiner pietätsvoll errichtet hat, wurde nunmehr mit einer Ansprache eines 'Vorstandsmitgliedes der Familie und der Gemeinde feierlich übergeben. Ein Sohn des Verstorbenen, Rechtsanwalt Dr. Joel dankte im Namen der Familie der Gemeinde und ihrer Vertretung für die reiche Liebe, die sie allzeit dem Verstorbenen gewährt und die durch diese Feier einen erneuten tiesbewegendcn Ausdruck gefunden habe. Leipzig. Die „Bauhütte, Organ für die Gesammlinteressen der Freimaurerei" enthält in einer ihrer letzten Nummern einen geharnischten Artikel über die „Nichtvereinbarkeit des Freimattrerthums mit antisemitischer Gesinnung". Es heißt darin: - „Ein Vorkommnis; betrübenster Art drückt uns heute die Feder in die Hand. Wir beobachten nämlich seit geraumer Zeit, ivie das Gift des Antisemitismus mehr und mehr auch in Brnderki eisen mit sich greift, ja wir sahen in nllerneuester Zeit, wie Männer, die sich Freimaurer »lernten, die Mitglieder der Hamburger Großloge sind, oder besser bis vor tveuigeu Wochen waren, mit voller Hergabe ihres Namens für die Ansbreitttng einer Lehre wirkten, die im Gegensatz zu dem steht, zu dem sich der Freimaurer bei seiner Aufnahme durch Ablegung eines Hnndgelübdcs an Eidesstatt verpflichtet. Freimaurerei und Antisemitismus sind zwei so gegensätzliche Dinge, daß eines daS andere unbedingt ausschließt, oder aber es tvird eines von beiden zum erbärmlichen Gaukelspiel gestempelt. Damit ist aber auch ausgesprochen, daß es Aufgabe jeder Johannisloge sein muß, wo sich antisemitische Austvüchse zeigen, unbarmherzig und ohne Ansehen der Person mit dem Secirmesser vorzugehen. Wer Rassenhaß predigt und zu gleicher Zeit die Liebe und Toleranz aus den Lippen führt, ist der Wolf in der Fabel. Solche Menschen sollen nimmer den Rainen eines Freimaurers tragen, und für jede Loge, der sie augehöreu, sind sic Schtmuzslecke. Blau sollte kaum glauben, daß es uöthig lväre, eineut wahren Freimaurer dies erst sagen zu müssen. Der Artikel schließt mit den Worten: „Die Loge soll und darf nur Freimaurer als Mitglieder die ihrigen nennen; der Antisemit ist ohne Weiteres auszuschließekt". Offcnbach, 26. November. In der letzten Schössengerichtssilzung stand auch eine Beleidigungsklage zur Verhandlung, welche einen eltvas antisemitischen Untergrund hatte. Fabrikant Fleischhauer von Steinheim soll am i 18. August l. I. den Israeliten Abraham Lindheimer ohne i Ursache ans offener Landstraße durch „Mauscheln" und Redensarten beleidigt haben, in Folge dessen Lindheimer Klage