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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-11 · 49 (11.12.1891) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
49 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 Oestrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 907 Hinsichtlich der Beschäftigung unterscheiden sich die Pariser Juden kaum von ihren Brüdern im übrigen Europa; Kramerei und Trödlerkram bildete ihr ureigenstes Gewerbe, es sei nun, daß dev Polizeibericht es für nöhig halte, diesen Kram in die Rubriken quincaillerie, mercerie und friperie zu tbeilen. Doch hatten die Juden auch Lager von Spiel- und Seidenwaren; vier portugiesische Juden fabrizirten und verkauften Ehocolade, der Pole Hirsch Rathan verkaufte Liqueurs. Elias Karlbach war Schlächter, Gasthäuser für Juden unterhielten Roset Benjamin, Hirsch Israel und Seligmann Nathan aus Mainz. Die Elsässer Aron Mayer, Moses und Salomon Bliene, der Messiner Lyon Eahen sind baierische Armeepfleger. Aron Ravel aus Avignon und Isaak Polack aus Limburg sind Fournisseure der Rheinarmee. Blos drei Juden haben Bankhäuser inne. Moses Isaak Levy, Jacob Levy aus Bischem (Elsaß). Jacob Goldschmidt aus Atetz. Kohmann Lemann aus Dresden hat die Absicht in Frankreich eine großartige mallukaeture de calemande, fagon anglaise, zu errichten. Im Staatsdienst stehen drei Juden: Israel Bernnrd aus Balabregue war conseiller-secrötaire und Interpret an der Bibliothek des Königs, die Holländer Salomon Benjamin und sein Sohn Hirsch Benjamin waren Dirccteurs der Tabak-Manusactur „par ordre de M. M. les fermiers generaux“. Als Rabbiner wird blos ein gewisser Simon de 0ueldre8 aus Düsseldorf bezeichnet, den der rapportirende Polizei-Jnspector einen „aventuriei“ nennt. Eine Anzahl Juden hält sich nur vorübergehend in Paris auf; so die Spanier David Rodrigues Perei ra, die mii' zu dem Iw ecke nach Paris gekommen sind, um die Kunst zu erlernen, mit Laubstummen sprechen zu können; Michel Gondchaux aus Nancy weiltin Paris als Syndicus der jüdischen Gemeinden von Lothringen; Isaak Levy aus Bischem will in Paris blos französisch lernen. Payan Piovencal aus Kairo hält sich in Paris auf wegen Behandlung seiner Augen durch David, den Dculisten des Königs. Payan Provencal ist ein grand-seigneur, er char ein zahlreiches Gefolge, in seiner Begleitung besindei sich David Eohen, Doctor der Medicin aus Livorno, feiner Palombo, ein E'.etenser, Domestik bei David Eohen. Die Juden wohnen zumeist dicht beisammen in entlegenen Straßen, blos die portugiesischen Juden suchen mit Borliebe schönere Stadicheile auf. Die Polizei führt gegen die portugiesischen Juden eine beständige Klage: sie spielen die petit niaitres, tragen ein Schwert, machen den Mädchen den Hof, „welches Privilegium immer nur den herrschenden Ständen Vorbehalten bleiben sollte". Im Allgemeinen stellt der Polizei - Jnspector für die Pariser Juden ein günstiges Jeugniß aus; sie ernähren sich redlich, verhallen sich ruhig, haben eine moralische Aufführung. Doch gibt es Individuen unter ihnen, zu deren Namen er den Bormerk mauvais sujet hinzussigt; einige von ihnen treiben sich ohne Beschäftigung herum, machen Bankerotte, lassen. Schulden zurück und kehren der Stadt den Rücken. Isaak Levy hat in England und Holland eine doppeltes Falliment hinter sich. Isaak Josef wurde in London zweimal bankerott. Raphael Isaak aus Constantinopel ist ein charlatan empirique, üb erden alle Welt zu klagen hat. Unter den fernmes du monde befanden sich auch jüdische Frauen. Wittwe Benjamin aus Mannheim wurde wegen ihres unzüchtigen Lebenswandels schon des Landes verwiesen, auf Fürsprache des Kurfürsten von Eöln wurde ihr jedoch der Aufenthalt in Paris wieder gestattet. Unter ihren zahlreichen Liebhabern war Assure Mayer, Factor des Kurfürsten von Eöln der berüchtigtste, aber auch der letzte: seit sich dieser von Paris entfernen mußte, führt sich genannte Frau sehr sittsam auf. — Rachel, Tochter des Israel Abraham, zählt kaum 15 Jahre und hat schon viele Liebschaften durchgemacht; die junge Dame ist aller Welt als Libertine bekannt, ist wunderschön, kleidet sich sehrhübsch und läßt sich oft sehen; Joses O linier aus Amsterdam, der in Paris französisch lernen wollte, zieht es vor bei der Rachel Lectionen zu nehmen. — Ueber Anna Hereft Smith aus Berlin laufen von den Juden selbst bittere Klagen ein, Anna läßt sich nicht einschüchtern und macht kein Hehl daraus, daß sie bald zum Ehriftenthume übertreten werde. Man sieht, daß das Zeitalter Ludwig XV auch unter den Juden saubere Früchtel gezeigt hat und der pflichtbewußte Polizei-Jnspector tbat ganz recht daran, wenn er die Juden vom (Gebiete der schamlosen Unzucht, das nur den „herrschenden" Ständen Vorbehalten bleiben sollte, mit aller Gewalt zurückhalten wollte. Doch dieser kleine Auszug möge genügen, das Interesse des jüdischen Lesepublikums, insbesondere das der jüdischen Forscher jenem Aufsatze zuzuwenden, der ganz danach angelhan ist, ein Moment jüdischer Bergangenheit uns zu vergegenwärtigen. 8. X. öfurmpmlenzen. Wien. (Bom Wiener Antisemitenmarkt.) Das Ereigniß der abgelaufenen Woche war das Auftreten des berüchtigten Berliner Agitators Ahlwardt in Wien. Ein antisemitisches Blatt meto.-i über die Bersammlung: „Ter Saal war gedrängt voll, als der verehrte Gast mit seiner Frau Gemahlin in Begleitung des Herrn Reichsrcnhsabgcordneten Schneider den Saal beirat. Hochrufe erschollen und lange wollten sich die Freuvestuudgcbinigeil nicht legen. Rector Ahlwardt ist eine snmpathische Erscheinung mit vollem runden Gesichre, ein Bild kraftstrotzender Gesundheit. Rur eine solche Eouüiniriou, wie sich deren Rector Ahlwardt erfreut tonine alle die roriuren ungebrochen überstehen, welche die Judenbande über ihn verhängte. Tie Faden, welchen in Ahlwardt einer der gefnrchlctsten Gegner, der scharfe Waffen führt, erstand, täuschen sich sehr wenn sie glauben, diesen Mann sobald zu Grunde richten zu können. An seiner Seite säst dessen Gemahlin, eine echte deutsche Frau, welche in treuer Hingebung in allen den Leidensepochen ansharrte, von denen Ahlwardls Buch „Ter Derzweislungskamps der arischen Böller mir dem Judenthume" Kunde gibr. Ter Bcreinspräfident Tr. Ludwig Vienner erössnele die Versammlung, stellte den Herrn Tr. Fron; vor, übergab den Vorsitz an den Herrn Fuhrmann und hielt einen lies durchdachten Torr rag über die wirthschafilichen Systeme, welcher von den Versammelten sehr beifällig ausgenommen wurde. Während der Rede des Herrn Dr. tzsenner erschien Herr Reichoralhsabgeordnerer Dr. L u e g e r, welcher durch Sitzungen solange zurückgehalien worden war. Erst als die Hochrufe verklungen waren, mit welchen die Versammelten den gefeierten Volksnraiin begrüstien, konnte Tr. V'enner seine Rede beendigen. Reicher Beifall folgte den Ausführungen dieses wahren Volkssrenndes. Run betrat unrer grösster Spannung Tr. Ahlwardt die Rednerbühne: fein Erscheinen weckce einen Sturm der Begeisterung. Als er mir klangvoller Stimme seinen Vortrag begonnen hatte und aus jedem Worte der Brustton der Ueberzeugung hervorging, da haue er bereits alle Herzen gewonnen." Die Berichte ander:r antisemitischer Blätter stimmen mit dem Borftehenden überein. Herr Ahlwardt hat sich die Herzen der Wiener Antisemiten i,n Sturm erobert nicht etwa mit Hilfe einer genialen Beredsamkeit, sondern durch den — Ruf, welcher ihm vorangiug. Schon bei feinem Erscheinen auf der Tribüne wurde er mit stürmischen Beifall überschüttet. Die Herzen flogen ihm entgegen noch bevor ein Wort dem Gehege feiner Zähne entfuhr. Welcher Thatsache dankte aber Herr Ahlwardt diesen großartigen emhusiastischen Empfang? Das „Deutsche Bolksblatt", das ofncielle Organ der Wicner Antisemiten, pubticirte am 1. December ein offtcielles Eommunique aus Berlin, wonach die beiden Parteien des reichsdelltfchen Antisemitismus — in Berlin nach einer gemeinsamen Berathung „aus taktischen Gründen nachstehende Ber- > öffentlichung beschlossen" :

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