Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 49 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 906 Oesterrrichifche Wochrnschrift. sJ*r. 49 Deutsche Humoristen über den .Antisemitismus. Der Sündenbock. Unciiigtftanbciic gebauten eines schle > i s ch cn Konsciv a: i v e n. Faul sleht's mit mir; tagtäglich wird es schlechter, Und leerer stets wird Gcldschrank mir und Pult. Vo kommt das her? —Hm — wie? Herr Gon, gerechter, Jetzt weiß ich's: daran sind die Juden schuld! Acht Werde halt' ich nur und drei, vier Vagen, Und höchstens Sonntags wird mal Sekt riskirt, Und dennoch muß ich mich mit <*eldnoth plagen — — Natürlich, weil der Jud' emanüpirr. Wenn ich des Abends mal ein Bänkchen lege, Wie Nichts sind tausend Mark im '.'in entgleist. Da sieht man deutlich, wie in alle Vege Dringt überwuchernd dieser jüd'schc Geist. Mein Junge schreibt ans Bonn, den Kneipenschulden Hielt' er tron aller Müh' nicht länger Stand. D'rum frag ich blos: Wie lange null man dulden Die Juden noch in nnserm deutschen Land?! Mein Schwiegersohn, der Leutnant, hat Beschwerden Veil ihn's N'cnienl zn großem Auswand zwingt. Auch dies wird sicherlich nicht besser werden, Als bis man auf den Schub die Inden bringt. Steht uns bei schlechter lernte leer die Bude, Und ist bei guter, ack, der Preis gedrückt, In jedem Falle wird von tuis der Jude Als Duell all der Fatalität erblickt. Der höchste Adel, stolz voir uns sich trennend, Die Sorgen, die uns drücken, nicht ermißt; Daraus erhellt doch deutlich schon, wie brennend Die Judensrage heut geworden nt. Und wenn ich auf die Juden nicht könnt' schieben Die Schuld davon, daß wir so schlecht gedieh'n, Dann war' mir — äh'. — nichts übrig sonst geblieben, Als an der eignen 'Nase mich zu zich'n. Ult. Ter Gauner zweiter Claffe. '.'i ach Stöcker. Venn ein Bankier sein (*clb verschwendet Und die Depots für sich verwendet, Die ihr ihm arglos anverlranr, So wird's, falls ihr ihm recht beschaut, Sich zeigen bald, daß er kein <Christ, Daß er vielmehr ein Jude in. Per Pcuscl weiß zu überlisten Bankiers auch, die geborene Ehrisleii, Poch sind die Fälle immer selten, Und als Entschuldigung läßt man gelten, Daß das» was sie von andern sehn, Sie hat verführt zu dcul Bergehen. Venn durch ihr wüstes Schlemnicr-lebttt Uns stets ein schlechtes Beispiel geben Die Juden, so wird nach und nach Auch mancher von irns Ghristcn schwach; Doch nie — das mag ein Prost uns sein — Vird in Betrug und Gaunereien Der Ehrist dem Juden völlig gleichen, 'Nie wird sein Borbild er erreichen. Vic arg und sündhaft er es treibt, Auch bei dem besten Villen bleibt Er stets ein Gauner zweiter «lasse. Geringer ist bei ihm die Masse Per unterschlag neu Gelder stets, -N'icht gleich in die Millionen geht's Bei ihm, er zeigt sich schon zufrieden Und dankbar, wenn ihm nur beschieden Gering re Summen. Allezeit Ist löblich die Bescheidenheit. Bcrbriugl ein christlicher Bankier Den Sommer an der schönen See, Und läßt er dann die Voche zwier Des schuld'gen Hauptes falsche .Fier Sich ordnen durch den Lcibsriseur, Den von der fernen Hauptstadt her Gr kommen läßt für srenldes Geld, So thut er, was mir nicht gefällt. Auch find' ich es ein bischen stark, Daß er im Monat hundert Mark Für seine Stiefel braucht und Schuh'. Bedenk' ich ferner noch dazu, Daß er aus fremdem Leder schneidet Sein Schnhwerk sich, so tvird verleidet Gr völlig mir, ich räume ein, Des Mannes Sünden sind nicht klein. Poch mag ich einen Schuft ihn nennen, (*«11 will dabei ich anerkennen, Paß in gewissen Grenzen immer, «t als Bcrschwcnder bleibt. Biel schlimmer, Ihr könnt mir's glauben, meine Lieben, Hätt' er's als Jude noch getrieben! Greift, wie es vorkommt, solch ein Manu Nnn gar noch.üirchcngcldcr an, So machst du deinem Ingrimm Lust Und rufst: „Per Kerl ist ja ein Schuft!" Poch wann dein Zorn sich dann gelegt, Fühlst du von Zweifeln dich bewegt, Pb nicht im Eifer allzuhart Per Mann von dir beurtheilt ward. Vie schwer wohl ist's ihm angekommen! Für einen, der mit andern Frommen Andächtig oft zijr Kirche ging, Ist das gewiß kein leichtes Ding! Gewiß hat lang' er sich bedacht, Bis er die schwere rhat vollbracht; Und als ste dann gescheh'n, glaub' es, Ward nie recht froh er seines Raubes. Pst, wenn er an der rascl saß Und ruhig seine Austern aß, Fiel's auf das Herz ihm zentnerschwer: Pas stammt vom Kirchenraubc her! Dem Sünder blieb im jähen Schrecken Pas Sccthicr dann im Halse stecken, Bis er sich endlich kurz entschloß Und ein Glas Seci hinuntergoß. Bedenkst du das, so fühlst du dich Gestimmt zur Milde sicherlich; Du sichst den schuldbeladenen Mauu lUit Ernst, doch auch mit Vehmuth an Und sprichst von Mitleid tief gerührt: „Pie Juden haben ihn verführt." Kladderadatsch. Pariser Juden unter Ludwig XV. Die Revue meusnelle äu mode latin bringt tu ihrer jüngsten Nummer vom 1. October 1891 den Abschluß einer Artikelserie über „Die Juden von Paris unter der Regierung Ludwig XV." vo>t M. Paul d'Gstrees. Der Verfasser des Artikels schobst seine Daten durchaus aus authentischen, bisher unbenutzten amtlichen Docllmentcn, lvelche voll den jeiveiligen Polizei- Juspectorcn von Paris herrühren, indem diese die Weisung hatten, das Leben uitd Treiben der Juden von Paris genau zu überwachen, ihre Herkunst, Beschäftigung, dermalige Wohnung, ihr sittliches Betragen ilnd ihre eommerziellen Verbindungen stets im Auge zu behalten und über die Erfahrungen, die sie in dieser Beziehung gemacht harten, dcrn Ministerium nach Ablauf eines jeden Semesters Rapport zn erstatten. Diese Rapports erstreckten sich nun über die denkbar möglichsten Einzelheiten lmd Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens, so daß sie uns in den Stand setzen, das Leben der Pariser Juden vor 150 Jahren in allen seinen Erscheinungen auf's eingehendste kennen zll lernen. Die jüdische Bevölkerung von Paris rekrutirte sich durchwegs aus fremden Zuzüglern, ein großes Eoutingent lieferte Lothringen, namentlich die Städte Nancy und Metz, desgleichetr auch Elsaß; sogenannte portugiesische Juden tarnen aus Bordeaux und Avignon: eine kleine Anzahl stammte aus Bayonne und der Norlnandie, besonders aus Havre. Deutschland schickte Juden aus Manheim, Frankfurt, Hamburg, Dresden, Köln und Berlin; England irr beträchtlicher Zähl aus London und Salisbury. Aber mich Holland, Dänemark, Portugal und Spanien hatten Antheil an dem Zurvachs der jüdischeir Bevölkerung von Paris; Oesterreich war vertreten durch die Oppenheim'schen aus Salzburg, Polen dlrrch Eerf (Hirsch) Nathan, Italien durch Josef Lmntini ans Livorno; aus Eonstantinopel stammte der angesehene Raphael Isaak.