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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-11 · 49 (11.12.1891) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
49 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 Oestrrrrichischr Wochenschrift. Seite 905 stens daran, das; sie eine höhere Ausgabe haben, als durch wilde Feindseligkeit die schmerzlichen Erscheinungen des Daseins zu vermehren, daß es vielmehr ihre Pflicht ist, durch Barmherzigkeit und Milde sich gegenseitig zu schonen und zu schützen. Man spricht vom Hunger mehr als von den Juden — und würde der arabische Geschichtschreiber Jbn Arabschah aus der Zeit Timurs noch leben, so würde er den Hunger zum Judenhasse sprechen lassen: „Bist du der verdammten Geister Einer — wohl ich bin der Andre'. Erstarren machen wir so Land als Menschen. Und wenn Du die Seelen tödtest, so sind meine Boten noch grausau,er als Deine Schergen, welche ihre Opfer mit tausend Martern quälen." Ist schon das richtige Wort über die Judenfrage in ihrer historischen Gestalt, über den Blutstrom der durch die Jahrtausende fließt, und ist das richtige Wort über die Judenfrage im gegenwärtigen Rußland gesprochen worden? Jedenfalls ist das nur selten geschehen; die Gewohnheit, sie erklärt Alles, man gewöhnt sich an das Versolgtwerden, und man gewöhnt sich an das Verfolgen. Die Juden hallen ja das Bon-echt, der Welt eine in der Geschichte der Religionen unerreichte Offenbarung bieten zu dürfen; die Begründung der Weltreligion und Weltmoral war ihnen gelungen und wie kein zweites Buch ist ihre Bibel das Buch der Welt geworden; als Compensation ließ man sie ein Märtyrerlhuln erleiden, das in der Verherrlichung des religiösen Gefühls auch das Höchste leistet. Das war die Rache der entthronten Heidengötter, es handelt sich ja nur um Juden. Bor zwanzig Jahren ungefähr hielt Emil Castelar in der Deputirtenkammer zu Madrid eine Rede über die Judenverfolgungen in Spanien und diese Rede kann in ihrer Kraft und Wahrheit als unvergleichlich bezeichnet werden. Die Juden, wenn sie über ihre Leiden klagten, wandten sich an den Herrn des Himmels und der Erde, und nicht an das Forum der Weltgeschichte. Rur Wenige gibt es, die bei der Vertheidigung der Juden sich mitten in ben Kugelregen stellen und mit Math und Entschiedenheit die Waffe führen. Wir haben kein Parlament, sonst würde sich vielleicht auch bei uns Einer finden, der eineuk fremden Beispiele sich anzureihen, und das richtige Wort über die Judenfrage zu sprechen vermöchte. Und jetzt folgen Sie mir wieder in das Eisenbahneouptz' Ein Rachbar fragt: „Haben Sie die „Wjedmosti" gelesen, die Petersburger nämlich, die Artikel „Lüge und Wahrheit"? Alle haben die Artikel gelesen. „Es ist sonderbar — bemerkte ein Zweiter — wenn das wahr ist, was in den Artikeln steht, so hat man über unsere Juden viel Lügenhaftes gesagt und es ist ihnen viel llnrecht geschehen." Eine Stimme aus der Ecke siel ironisch ein: „Es ist wirklich sonderbar. Ist denn jemals über Juden eine Lüge gesagt, ist ihnen jemals ein Unrecht widerfahren?" Wir alle kannten den Sprecher, er war vor einem Jahre zur orthodoxen Kirche übergetreten; er hatte sich russisizirt. Der Sprecher fuhr fort mit jener Bitterkeit, welche entsteht, wenn man unter der Ungerechtigkeit leidet von der Wiege- bis zum Grabe. „Sind die Juden nicht an allem Unglücke schuld. Haben die Länder, wo »um die Juden verfolgte, sich nicht sofort in Paradiese verwandelt? Sie lesen die Geschichte der Vergangenheit, Sie betrachten die Verhältnisse der Gegenwart und jagen: „Das Gegentheil ist wahr!" Das hat Sie aber nicht gehindert, an die Schandschriften der deutschen Antisemiten zu glauben und die Maßregeln gegen die Juden mit Beifall zu begrüßen. Die Juden sind schuld, wenn der Bauer Branntwein trinkt, die Juden auch, wenn der Gutsherr sein Geld am Spieltische verliert. Die Unwissenheit des Volkes, die Unwissenheit der Popen, die Eon-uption unserer Beamten, die Institutionen unseres Staates, das Alles ist Nebensache. Wenn man dieJudennurquälte, wenn man ihnen die Möglichkeit abschnitt, sich ihr kärgliches Brod zu erwerben, dann war das Heil der Zukunft gesichert. Es war nicht genug an den Vexationen und Beschimpfungen, die sie ohnehin ertragen mußten. Man mußte Gesetze und Verordnungen erfinden, die sie zu einem langsameren oder rascheren Dahinsterben verurtheilen. Der Staat mußte das Boycotisiren der Irländer auf die Juden übertragen. Man vertrieb sie aus ihrer Heimat, machte ihre Zufluchtsorte zu ihrem Kerker, man belegte sie mit Acht und Bann, man gab sie dem Hasse und dem Spotte des Pöbels preis, man nahm ihnen Luft, Licht und Leben und Sie, meine Herren, haben das vortrefflich gefunden. Jetzt aber finden Sie es sonderbar, daß die „Wjedmosti" auf Grund unzweifelhafter statistischer Angaben die Lüge aufdecken und den Nachweis liefern, daß in den Provinzen, wo sich Juden befinden, die Wohlhabenheit des Bauernstandes eine weit größere ist, die gesammte wirthschaftliche Basis größere Solidität besitzt als in d e n P r ov in z e n, w o ke in e I u d e n leben. Das ist evident, wie das Einmaleins; es ist wirklich sonderbar. Das drückt sich aus in Millionen von Rubel, in den jüdischen Ansiedlungsrayons vermochten die Bauern bei acht Millionen Rubel mehr für Grundankauf auszugeben als die Bauern in den übkigen Provinzen. Die Steuerrückstände im jüdi schen Ansiedlungsgebietbetragen36MillionenRubel, die S t e u e r r ü ck st ä n d e in den übrigen P r o v i n z e n erreichen die Hohe von 336 Millionen Rubel. Diese Ziffern reden für sich selber und dieser Gegensatz zwischen Lüge- und Wirklichkeit ist wirklich sonderbar. Endlich geben auch die Mortalitätsverhältnisse Aufschluß nicht nur über die physischen, sondern auch über die moralischen und ökonomischen Gesundheitsunterschiede zwischen den beiden Gebieten. Im jüdischen Ansiedlungsrayon ist das Sterblichkeitsverbälrniß um Sieben per Tausend geringer als in den übrige,, Provinzen. Würden Sie die beiden Gebiete, die Provinzen, die von Juden bewohnt sind und die anderen Gouvernements durch verschiedene Farben kennzeichnen, wo wäre dann die stigmatisirende Farbe bezüglich der Steuerrückstände, des Bodenankau.es, der Steuerverhältnisse, bezüglich des Wohlstandes und der Gesundheit der Bevölkerung? Liegen die Maßregeln gegen die Juden im Interesse des Staates oder der Bevölkerung? Sie antworten nicht.; Ihr Schweigen ist wirklich sonderbar." Ein Mitreisender aus einer polnischen Fabriksftadt ergriff das Wort: „Man schreibt mir," sagte er „aus liegenden, wo die Juden ausgetrieben wurden, daß man dort dieselben zurückwünscht. Es stagnirt Handel und Verkehr. Alles ist in Stockung gerathen. Es fehlt der Zwischenhandel; der Bauer kann Nichts an den Mamr bringen; er sieht sich übervönheilt, gedr-ückt und bewuchert und mancher Bauer seufzt in der Stille: Wenn nur ein Jude da wäre. Ich habe ähnliches in meiner Fabriksftadt erfahren; die Ausweisung der Juden erzellgte wesentliche Stockungen in der Production." Sonderbar, wirklich sonderbar, murmelten die Russen; man war bei der Endstation angelangt und beim Aussteigen sah man die Wände mit Plakaten bedeckt, welche zur Mildthätigkeit für die vom Hunger heimgesuchren Gouvemements aufforderten. „Lüge und Wirklichkeit": ist die Lüge nur in Rußland zu suchen. Es ist wahrhaft schrecklich, daß ein Staat, der in zwei Erdtheilen die ungeheuersten Gebiete beherrscht, in unserer Zeit seine eigenen llnterthanen zum Gegenstände einer Verfolgung machen konnte. Hätte Europa das so empfunden, wie es die einfachsten Principien der Gerechtigkeit bedingen, dann wäre das richtige Wort über die russischen Verfolgungsacte gesprochen worden und Rußland hätte ein solches Urtheil respectiren müssen. Aber die Proteste des Westens hatten nicht die gehörige Entschiedenheit; die Philamropie wurde mit einer Tasse Thee abgespeist wie die Armen in einer Wärmeanftalt; man hatte nicht den Muth und nicht den Willen, den Entrüstungsäußerungen die nothwendige praktische Tragweite zu sichern. Jetzt findet die antisemitische Lüge ihre Widerlegung in der russischen Wirklichkeit. Wir haben unsere schweren Leiden und Sorgen; aber auch das westliche Europa hat Ursache Schani und Reue über die Erscheinungen zu empfinden, die seinen Boden geschändet haben und das Angesicht der Zeit noch fortwährend verunstalten.

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