Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 49 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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"il 'ßwmmm »KS Seite 904 Orstrrrrichifchr Wochenschrifk. Nr. 49 Ferner schrieb ich damals a. a. £).: „Auch an Zunzens , Doctortttel nörgelt er wie ein akademischer Detective herum,! will genau wissen, von welcher Facultät er sei, und versieht I ihn überall, wo er ihn anführt, mit Gänsefüßchen, was in dem! Leser natürlich den Glauben erwecken muß, daß es damit einen Hacken habe. Was berechtigt Hcnir de Lagarde zu solcher ebenso lächerlichen als boshaften Insinuation einem Verstorbenen gegenüber?" Ab?r Herr de Lagarde läßt ein Thema, das seinem Hasses-Bedürfnisse Nahrung spendet, nicht so leicht fahren, und so kommt er in den eben erschienenen Mitiheilungen IV 153 wieder darauf zurück mit den Worten: „Meine Frage, wo und wann ,,„Dr. Zunz promovirt worden, Hanl noch der Antwort" (und, fügen wir hinzu, rvird noch länger harren.) „Israel würde gewiß die Facultät und das Jahr nennen, wenn es das verwöchte. Also —Auf dieses logisch und sachlich gleich verwerfliche „Also" sagen wir: Nein, und tausendmal nein! „Israel" wird dem Manne, der ein ganzes Leben den idealen Interessen seiner Glaubensgenossen in so uneigennütziger und hervorragender Weise gedient und der Wissenschaft neue Wege gebahnt bat, das nicht anthun, daß es ihn gegen eine so gehässige und grundlose Insinuation, deren vernichtende Wirkung auf ihren Urheber zurückfällt, verlheidigen würde. Herr de Lagarde mag sich immerhin als der praeeepkor germaniae gerne«, und alle Welt vor seinen Richterstuhl laden, für uns liegt kein Grund vor, ihm das Recht zu dieser Rolle zuzuerkennen. „Ware „„Tr."" Zunz", so heißt es weiter, „überhaupt jemals und irgendwo promovirt tvotden, so würde ohne Frage ein Jubiläum gefeiert worden sein. Ties ist nicht geschehen, so jubiläiimssüchtig unsere Zeit ist. Also —." Dieses „Also" ifi schon berechtigter, aber zum Unglück für Herrn de Lagarde sind die Prämissen falsch. In der That i st ein Jubiläum dieser Promotion begangen worden, und ich könnte das genaue, Jahr und Tag angebende Datum des Renovations- Diploms, das mir Herr Professor Kaufmann mitgetheilt hat, an führen, könnte auch die altberühmte, preussische Universität nennen, die es ausgestellt hat; aber ich werde mich hüten, es zu thun und damit Heran de Lagarde auch nur einen Schein von Recht zu solchen Fragen zuzuertennen. In kurzer Zeit wird die neue Ausgabe der „Gottcsdienstlichcrr Vorträge" erscheinen, in der Vorrede zu .derselben wird Herr Tr. Steinschneider, wie er mir schreibt, das Nähere über Zunz mittheilen, ohne das Buch durch ein Eingehen auf diese Angriffe hcrabznwürdigen. Hätte nun Herr de Lagarde sich mit den oben angeführten Worten begnügt, so hätte man sein Vorgehen,. so . schlimm es an und für sich ist, mit Rücksicht auf seine grenzenlose Verbitterung und sein Mißtrauen gegen alle Welt, doch noch etwas nachsichtiger beurcheilen können. Uird damit wäre Niemand so froh gewesen, als der Schreiber dieser Zeilen, dem es nicht gerade leicht wird, einem bedeutenden Gelehrten, einem alten, und offenbar sehr unglücklichen Manne zurufen zu müssen, daß er sich einer böswllligen und vollständig unbegründeten Verleumdung schuldig gemacht hat. Oder ist es etwas anderes, wenn Her-r de Lagarde die Kühnheit hat, a. a. O. kurz und apodiktisch den Satz auszusprechen: „Siebenzig Jahre nannte sich Zunz „„Doctor"", ohne es zu sein. Unbehelligt"!! Im Talmud heißt es, die Liebe, die man einem Todten erweist, das ist die wahre Liebe, denn sie kann nicht auf Wiedervergeltung rechnen. Wie müßte man demenffprechend eine Verleumdung charakterisiren, wenn sie gegeir einen wehrlosen Todten sich richtet! Herr de Lagarde druckt dann weiter den Briefwechsel zwischen dem Gablonzer Rabbiner Schwarz und der philosophischen Facultät in Zürich, der von der letzteren eincn Dispens von den Bedingungen zur Erlangung der Doctorswürde erbeten hatte, in extenso ab, „zur Klarlegung", wie er sagt, „des in Deutschland und Oesterreich-Ungarn von „„Rabbinern"" mit Zeugnissen und Diplomen getriebenen Unfugs". Das Vorgchen des Herrn Schwarz ist nirgends schärfer verurtheitt worden, als in jüdischen Kreisen; aber die citirte Aeußerung enthält eine Pauschal-Verdächtigung, die energisch zurückgewiesen werden muß. Herr de Lagarde soll nur immer, wenn ihm ein solcher Fall bekannt wird, diesen ungeschent brandmarken, dagegen haben wir nichts einzuwenden; aber jede daran sich knüpfende Einschränkung solcher Vorkommnisse auf unsere Kreise müssen wir entschieden abwehren. Was würde man dazu sagen, weil« man beit Fall Peratoner's, der mit einem gefälschten Diplome längere Heit als Secundararzt in einem großen Wiener Krankenhause fungirte, national oder confessionell verallgemeinern würde? Wie streng und conect man in jüdischen Kreisen über solche Dinge denkt, davon möge zum Schlüße ein Zug aus dem Leben des verstorbenen hiesigen Predigers Mannheimer, den mir ein gleichfalls verstorbener Freund desselben vor vielen Jahren mitgetheilt hat, Zeugniß ablegen. Ein jüdischer Gelehrter hatte sich an eine deutsche Universität mit dem Ersuchen gewendet, ihm auf Grund seiner jüdisch - theologischen Kenntnisse das Doctor-Diplom zu ertheilen, da er, in einer kleinen österreichischen Provinzstadt lebend, nicht mehr in der Lage sei, die versäumten Gymnasial- und Universitätsstudien nachzuholen; (den Namen des Gelehrten, wie den der Universität hatte Mannheimer meinem Gewährsmann verschwiegen); die betreffende Facultät wandte sich nun an Mannheimer mit der Bitte um ein Gutachten über dieses Gesuch. Mannheimer antwortete sofort, er könne zwar das reiche Fachwissen des Petenten bestätigen, sei aber cntschieden dagegen, daß man uns Juden „eine Extrawurst brate". Keine Zurücksetzung, aber auch keine Vorrechte! Der Jude, der einen akademischen Grad erlangen wolle, solle genau dieselben Vorbedingungen erfüllen, wie ein Nichtjude! Ern Brief aus Nutzland. St. Petersburg Anfang December. Eine Fahrt in einem Eifenbahncoups, im Gespräch, das bei seinem Thema bleibt, wie die Räder des Waggons auf der Schiene, eine blendende Dialektik, glänzende Phrasen, dann eine Entgleisung, glücklicherweise des Gesprächs und nicht des Zugs, ein jäher Sprung zu paradoxen Behauptungen, welche Niemand bezweifeln darf und welche die unfehlbare Wahrheit in sich schließen — man liebt das in Rußland und da man nicht nur von der Ehe sprechen kann wie Tolstoi in seinem in allen Sprachen gelesenen, in allen Sprachen kritifirten Buche, so spricht man auch von anderen Dingen, von Eisenbahnunfällen, von Plünderungen der Züge, von Hunger und — von den Juden. Unser Rußland ist von schweren ernsten Fragen, die in den Körper des Staates hineinbrennen, wie das glühende Eisen, mit dem man Thiere und zuweilen auch die Menschen markirt, nicht verschont geblieben, trotz der Herrschaft einer unerschütterlichen Orthodoxie bezüglich der Dinge des Himmels wie der Erde und obgleich es in der Abtödtung des politischen Gedankens wie in der Verachtung aller Freiheitsprincipien, welche kleine Nationen, die Engländer beispielsweise und die Nordamerikaner in geschichtlichen Aberglauben noch festhalten, ein Ideal erreicht hat, das russische Ideal, welches noch vollkommener ist, als das Ideal des Fürsten Bismarck. Der Hunger stigmatisirt die russischen Verhältnisse, nach meiner Ansicht thuts auch die Judenfrage, aber nicht für Alle, denn da drüben im Ihrem aufgeklärten Westen fehlt es ja auch nicht an Leuten, welche die Freiheit verrathen und die Vernunft beschimpfen — und ich erkläre, daß der russische Polizeidiener, der den Juden malttätirt, noch immer milder zu beurcheilen ist, als der hochgelehrte deutsche Professor, der von der Universitatskanzel aus die Jugend verführt, die Wifsenschaft mißbraucht und entehrt. Es wird jetzt mehr vom Hunger gesprochen, als von den Juden. Ich bin^ weit entfernt, das Zürnen der Nattlr als einen Ausdruck moralischer Entrüstung über die Grausamkeit der Menschen zu deuten und ich fühle russisch genug, um aufs Tiefste das schreckliche Elend zu beklagen, von welchem Gebiete getroffen sind, die an Ausdehnung jeden europäischen Staat weit überragen. Aber die Grausamkeit der Nattlr erinnert die Menschen wenig-