Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 898 Oestrrreichische Wochenschrift. Nr. 48 Haus, desseu Name einem halbwegs dankbaren Gemüthc sich besser eingeprägt hätte als mir. Das nächste Ziel unseres Ausflugs war die berühinie alte Burg von Seebenstein, deren Besichtigung wegen der schönen Lage und Baulichkeit sowie durch recht viele in diesem Schlosse angehänstcn Kunstschätzt lohnend ist. Ein wenig anregend wirken alle diese elten Schlösser und Ruinen aus die Phantasie, selbst wenn ihre Lage aller Romantik entbehrt. Ihr Re«; liegt eben schon in dem ausgesprochenen, historischen Charakter der sie ewig umschwebt. Immer glauben wir noch in solcher Nähe das heitere Treiben der Knappen und Spiellcute, das Wafsentlirrcn lustiger Turniere;u hören, nvr die Ritter selbst kann ich mir nie recht heiter denken, und was sie gelhan. mag wohl mehr Thräncn und Fluch als Lächeln und Segen geschafft«« haben. Sie sind historische Marksteine, diese Schlösser und Burgen, Marksteine, an denen die Geschichte der Menschen leider allzu lange ausgcruht hat, statt ruhig vorwärts zu schreiten in dem ewigen Kampfe der Schwachen gegen die Starken. Bevor wir eingelassen wurden, — es besichtigen stets gegen sünfzig Menschen zugleich das Interieur, — durchstöberten auch wir das Erdgeschoß eines alten Thurmes und richttg war ein Fragment eines menschlichen Skelettes, dessen Glieder kunstgerecht durch gelben Draht miteinander verbunden waren, in demselben zur allgemeinen Ansicht — verborgen — die Schande«puppe erregte nur allgemeine Heiterkeit, und «vir traten «vohlgemuth in die saubere, «veißgetünchte Wassenhalle, «vo ein schlanker, fünfzehnjähriger Bursche die Merkwürdigkeiten der alten Kriegsgeräthe ynb Fahnen erklärte. In einem der oberen Säle, «vo ein Eastellan in etwas italienischer Mundart den Cicerone machte, wurde«« uns nebst kunstvollen Holzschnitzereien, Helme und Rüstungen gezeigt, darunter auch ein Helin «nit ganz geschlossenem Visir, der dazu gedient haben soll, Frauen, die sich einer Untreue schuldig gemacht haben, zu „verhungern". Zur Erhöhung der Dual der Berurtheiltcn wurde am Kopstheil des Helmes ein Stück eines Bratens so angehängt, dcß die Büßerin den Dust desselben riechen «nußte. Unser gesprächiger Führer knüpfte an diese Demonstration einige Bemerkungen über die eheliche Treue in der Gegenwart, und gratulirte den Frauen, daß die Strafen jetzt so viel milder seien. Im nächstfolgenden Saale erfuhren wir, daß hier im fünfzehnten (oder sechzehnten) Jahrhundert alle Juden aus der Gegend verhungert (sie!) worden sind, aber „Alle", fuhr der lustige Führer fort, können es doch nicht getvesen sein, «veil sind immer noch Juden da. „Ist vielleicht ein Jud hier?,, „Ja, ich bin einer", sagte ich laut. „Gut, so werden wir Jhnen-auch verhungern" entgegnete der Kämmerer von Seebenstein, was allgemeine Hefterkeit hrrvorrief. Einige „Bravo" ertönten hinter inir, die Erläuterungen unseres Führers wurden vorläufig fortgesetzt, aber ich konnte mich nicht enthalten, noch ehe «vir den bösen Rauin verließen, meinen Unwillen Ausdruck zu geben. Ich ging auf den Sprecher zu urrd sagte ihm laut, er habe gar kein Recht und keine Ursache hier über die Juden Witze zu «nachen; er «nöge erzählen, «vas im Schlosse sich zugctragen, aber «vas seine Absichten gegen uns seien, sei uns ganz gteichgiltig. „San sie denn «virklich Jud? Hab' ich denn was gesagt? Ich Hab Ihnen nicht beleidigt!" polterte er jetzt hervor; es klang doch halb und halb «vie eine Entschuldigung, ohne daß er direkt dieses Wort gebraucht hätte, und als er sich in seiner Verlegenheit an die zunächst Stehenden mit' der Frage wandte: „Jse «virklich Jud?" da hörte ich auch schon die Srinnne der Mißbilligung für mein Borgehen. „Häst's gehn gelassen", sagte mir ein Unbekannter i,«s Ohr, während ein junger Mann hinter mir meinte: „Wenn der Jud keck wird, «verfen «vir ihn heut noch ins Wasser!" Ich hatte z«var bis dahin kein Wasser in Seebenstein gesehen, ich schwiminc auch recht gut, aber mit der Freude an dem alten Schlosse und seinen Antiquitäten war es einmal vorbei. Mein Glaubens- und Reisegenosse «var während der geschilderten Scene durch die Menge von mir getrennt worden, er warf mir aus feinem blutrothen Gesichte einen traurigen, vorwurfsvollen Blick zu, der genau dasselbe ausdrückte, «vas mir der Unbekannte zugeslüstert hatte. Es «var jetzt zu spät. Wir konnten ,«icht mehr zurück und mußten die Reihe der Ziinmer mit den Uebrigeu in Augenscheii« nehinen. Es «väre ungerecht, hier nicht anzr«inerkei«, daß .sich das Publikum fast ausnahmslos gegen uns jeder Beinerkung enthielt. So peinlich mir auch der weitere Aufenthalt in, Schlosse «vurde, ich wurde durch kein Wort, durch keinen Blick behelligt, und «vieder «vurde ich in meiner Ueberzeugung bestärk, daß unser Publicun« iin Ganzen zu selbststä««dig dentt, um der rohen Verführung nachzugeben, daß es zu gutmüthig ist, seine Uebermacht auf der Seite des Unrechtes geltend zu machen, daß es endlich jeder Mensch instinctiv anerkennt, «venn der Beleidigte sein Recht vertritt, statt, was freilich bequemer ist, über getvisse Fiagen sich immer und überall gründlich auszuschweigen. Es wurde uns sonderbarer Weise noch ein drittes Schauergeinach gezeigt. In einen« kleinen Erkerstübchen lag der Rumpf einer lebensgroßen Puppe am Boden, welche daran erinnern sollte, daß „hier der Meister, der das Schloß erbaut hatte, verhungert worden sei, damit er nichts von den Geheimnissen des Planes verrathe". Heilige Geruhügkeü, in was für Händen hast du einst geschmachtet! Endlich gelangten «vir ins Freie. Wir traten «vieder in den Hof, der durch seinen schönen Brunnen sowie durch den vielhuudertjährigen Epheu berühmt ist; ich ließ dem Interpreter des ttaurigen Ortes, «vie jeder Andere meine«« Obulus in die offene Hand gleiten undra,cher als unsere Genossen gingen «vir z«vci Juden den steilen Weg zum Türkensprung hinan. So wenig drohend die Haltung des Publicums gegen mich gewesen, «vollten wir uns doch nicht -einer nochmaligen Reise ii« dieser Gesellschaft aussetzen, die tagsüber vielleicht unter beständigen Zusätzen sich das kleine Abenteuer gegenseitig erzählte, und «venn .sie an den, heißen Tage erst eininal nur nach Durst getrunken, so «väre doch bei vielleicht Manchem die Schleuße gefallen, die bei voller Zurechnungsfähigkeit gegen den Ansturin der niedrigen Jnstincte eine Wehr bildet^ In« Walde gesellte sich ein Tonrist zu uns, der den ganzen Tag nicht inehr unsere Gesellschaft verließ. Als «vir ihm, unser Zwiegespräch erläuternd, das in« Schlosse Borgefallene erzählen wollten, erklärte er zu unseren« Staunen, er sei Zeuge jenes Borganges gewesen, und gab seiner Mißbilligung über diese Verletzung der Gastfreundschaft entschieden Ausdruck. Auf dein Rückwege von« aussichtsreichen 'Türkensprung hatten «vir noch eine letzte Begegnung mi« unseren Gefährten aus den Ziinmer« der Burg. Sie hielten an, als sie u««s erblickten, „Das ist der," hieß es, ein anderer gab mir gar den schmeichelhaften Titel „Judenheld", und als wir die kleinen Gruppen glücklich passirt hatten, scholl cs hinter uns her: „Gebts ihnen das Deutsche Bollsblatt zu lesen!" Ohne eine «veitere Undill zu erleiden, langten «vir «nit den« Vertreter des judensreundlichen Burgerthums in Pitten an, wo «vir beim »Jägerhorn", von einer liebreizenden Kellnerin bewirthet, uns aus's Beste resta««rirten. Möchte es unseren armen russischen Glaubensgenossen auf ihrer furchtbaren Wanderschaft nicht schliinmcr ergehen! vr. 8. TI. Wochrnkalrnder. Wochen- Dezember 1891 Kisletv 5652 Kalender Freitag Samstag 4 5 3 4 rn-frin Sonntag 6 5 Montag 7 6 Dienstag 8 7 Mittwoch 9 8 Donnerstag 10 9 Freitag 11 10 Eingesendet. „The Mutual“ die grösste u, reichste Versicherungs-Gesellschaft der Welt, Garantiefonds 36774 Millionen Gulden. 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