Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020896--00934-3024948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46 Oefleiieichischr Wochenschrift- Seile 8S7 stand unv hinaus ging. Kaum war aber die Thüre hinter ihm zu, sagte einer der jungen Leute: „Herr Oberlehrer, Sie haben aus Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse bei ... . einen wunden Punkt berührt. Er hat einen Onkel, der als schlechter Jude in der Welt herumirrt, die Eltern ins Grab brachte, und noch niemals aus Kewer-O.wes hier war. Beschämt über meine Unvorsichtigkeit, verließ ich diesen Gegenstand und ging zu einem andern über. Der junge Mann kam auch bald zurück und nahm seinen Platz wieder ein. Wir waren diesmal etwas länger als sonst beisammen, und als meine Gäste endlich nach Hause gingen, nickte ich, müde in meinen Lehnstuhl zurückgefunken, ein wenig ein und begann leicht zu träumen. Ich hatte nicht lange so gesessen, als ich durch ein Klopsen an eines meiner Fenster aus dem Halbschlummer emporgeschreckt wurde. Schlaftrunken erkannte ich doch sofort Mandel Bast, der mehrere Aemter in der Gemeinde kumulirte, das eine, das sein Name andeutet, dann war er Schulklopfer Liberer* **)) und Schlafstattvater?*) Nachdem ich einen Fensterflügel geöffnet hatte, brachte er unter tausend Entschuldigungen vor: Es sei bei ihm ein Armer schwer krank; der Doktor wäre schwer zu einer Nachtvisite zu bewegen, mir jedoch würde er gewiß folgen, ich möge daher zu ihm gehen. Ich besann mich auch nicht lange, und ehe eine Viertelstunde verging, stand ich mit dem Dottor, der ein menschenfreundlicher Herr war, nur weil der Arzt bei Juden wegen unglaublicher Kleinigkeiten oft in seiner nächtlichen Ruhe gestört wird, nicht selten einem Rufe in der Stacht keine Folge leistete, vor dem Lager des Kranken in der Schlafstatt. Die Diagnose war nicht schwer zu stellen. Der Patient war ein Schwindsüchtiger im letzten Stadium. Er starrte uns mit seinen glühenden Augen an, ohne sich unserer Anwesenheit bewußt zu werden. Mitleidig betrachtete ich den Armen. Es war ein feingeschnittenes Antlitz auf welches der herannahende Tod seine Schatten warf. Ich wußte nicht recht, warum ich immer wieder den Blick darauf heften mußte. Fast schien es mir, als käme er mir bekannt vor. Dann durchzuckte mich plötzlich eine Ahnung - das röthliche Kopfhaar untrüglich — er ist's — mein ehemaliger Studien- und Ouartiergenosfe auf der Preßburger Jeschiwah. „Kennen Sie den Kranken da?" fragte mich der Arzt leise, als er meine Aufregung merkte. „Ob ich ihn kenne!" sagte ich schmerzerfüllt, und ohne daß ich es beabsichtigte, entfuhr mir sein Spitzname unter den Kollegen. „R ad a g!"*) rief ich. Der Kranke riß die Augen auf, starrte mich entsetzt an und streckte wie abwehrend die Hände aus. Er schien das Bewußtsein wieder erlangt und auch mich erkannt zu haben, und vom Gefühl der Scham überwältigt, barg er schluchzend das welke Gesicht in den Kissen. Der Arzt ging, nachdem er seine Verordnungen gegeben, wieder weg; ich aber saß bei dem Kranken und ließ mir erzählen, wie er hieher gekommen. Es war eine traurige Geschichte, die mir umsomehr in's Herz schnitt, als der Erzähler zuweilen in einem bitteren Humor verfiel, der deutlich seinen seelischen Zustand verrieth. Roth David-Galantha war ein ausgezeichnet guter Kopf, aber durch und durch Skeptiker. Er machte mit die Wandlung vom Bachur zum Studenten, aber er studierte ziel- und planlos, so daß er sich eigentlich für gar keinen Beruf ausbildete. Die Noch drängte ihn Privatlehrer zu werden und er mußte von Halbjahr zu Halbjahr seinen Posten wechseln. Anfangs war er überall wegen seines reichen Wissens geschätzt, aber man wurde bald seiner überdrüssig, als man feine gottesläugnerischen Ideen erfuhr, die er gar nicht zurückzuhatten sich bestrebte. Mil dem Glauben an Gott verlor er auch den Glauben an die Menschen. Mit seinen pessimistischen Anschaungen gar nicht hinterm Berg haltend, inachte er sich bei Allen verhaßt, selbst bei denen, die tolerant gegen seine religiösen Ansichten und sein gottloses Leben waren. Und als er kein Haus mehr fand, das ihm die Kinder anverttaute, warf er sich aus die Schriftstellerei. Er ließ von Zeit zu Zeit ein Buch oder eine Broschüre, in hebräischer oder deutscher Sprache erscheinen, bald theologischen, bald sozialen Inhaltes, worin er seine Gedanken über Gott und Welt in einer zwar weniger drastischen Weise, als er es im Gespräche that, aber ebenso frei und offen entwickelte. Und mit diesen Schriften wanderte er von Ort zu Ort, sie Rabbinern, katholischen Geistlichen oder protestantischen Pastoren, jüdischen oder christlichen Literaturfreunden zum Kaufe anbietend. Wo er merkte daß man ihm mehr aus Mitleid als aus Werthschätzung seiner Arbeit etwas geben wollte nahm er's nicht an, und er trotzte auch überall, wohin er kam, dem gesellschaftlichen und religiösen Herkommen, damit ja kein Mitleid für ihn aufkommen sollte. Auch dieses unstäten Lebens müde und von der Literatur als Broterwerb angeeckelt, wollte er sich in der Hauptstadt ständig niederlassen und durch Stundengeben sein Leben fristen, allein da er für kein bestimmtes Fach-Zeugniß besaß, wurde er überall, wo er sich offerirte, in höflichster Form zurückgewiesen. Es gibt in der Großstadt ein geistiges Proletariat, das von heute auf morgen nicht zu leben hat, in der Früh *) Diener der Chewra Eadischa. **) Die Schlafstatt war eine Gemeindeanstalr zur Beherbergung dllrchreisender Armer. *) Bei den 600 bis 700 Bachurum der Jeschiwah waren viele gleichen Namens, um sie von einander zu unterscheiden, setzte man zu den Namen noch Heimatsort und ein anderes Attribut und verband der Kürze halber die Anfangsbuchstaben aller drei zn einem Wort, das desto ironisireuder war, jemehr es an einem bekannten literarischen -Kamen flnklang; so bedeutete R. d. g.: Roth David Galanlha. aufsteht, ohne zu wissen, wo es die paar Kreuzer für ein Mitkagma hernehmen wird, — und doch lebt, Es gibt sich wie die Eckensteher zn jeder Beschäftigung her, und man weiß es auszusuchen. Heute bestellt der Herausgeber eines Winkelblättchens einen gepfefferten Artikel bei ihm. morgen läßt sich ein Advokat eine mehr Phrasen erforderliche Satzschrift von ihm ausfertigen, und übermorgen hat er einen warmen Liebesbrief für einen Eommis zu schreiben, u. ä. So lebt der mit dem Tode ringende seit zehn Jahren in dem von den Leidenschaften des Erwerbens und Genießens fottwährend gepeitschten Menschengewoge der Residenz. „Seit zehn Jahren," sagte er, mich bei meinen Namen nennend, „habe ich keine zwei Tage hintereinander ohne Sorge nm Brot gelebt" ist's da eine Wunder, wenn man bei der kräftigsten Eonstitution den Todrskeim empfängt und sich auch mit den Todesgedanken vertraut macht. Ich habe seit Jahren jede Lebenslust aufgegeben. Nur ein brennendes Verlangen hatte ich, wirst Du es glauben? Ich kann mirs ja bei meiner Religionslosigkeit selbst nicht erklären — nur einmal aus Kewcrowes zu gehen und mich so herzlich auszuweinen. Jeden Frühling nahm ich mirs vor und niemals konnte ich cs ausführen, weil mir die paar Gulden dazu fehlten. Aber dieser Tage konnte ich dem so heißen Verlangen nicht widerstehen. Ich machte mich mit zehn Kreuzern in der Tasche auf den Weg hieher. Heute kam ich hier an, aber ich habe eine Dllmmheit begangen, ich hätte von der Landstraße aus sofort auf den Friedhof gehen sollen"- Tief ergriffen hatte ich ihm zugehört. Aber jetzt hieß es handeln Viel zu thun war freilich nicht mehr für den Armen, jedoch seine letzten Stunden zu erleichtern, erschien mir als heilige Pflicht. Ich ordnete das Nothwendl'gsie an und redete ihm gut zu, es könne ja noch Alles besser werden, er solle nur den Muth nicht sinken lassen. lnsah mich mit großen Augen an, als wollte er sagen: „Mach' mir nichts vor, ich weiß, woran ich bin." Ich sagte ihin zu, am nächsten Morgen wieder zu kommen und seine Ueberfiedlung an einen geeigneteren Orte zu bewerkstelligen. „Ja, an den „Guten Ort," lächelte er, und drückte mir zum Abschiede die Hand." Am nächsten Morgen noch vor dem „Schulklopfen" eilte ich zn dein Kranken. Als mich Mandel Baß, der eben im Begriffe, mit dem Hammer in der Hand seine Runde durch die Gasse anzntreten, erblickte. winkte er mir leise: „Er schläft" sagte er." Ich trat zum Bette hin. Allerdings schlief er, aber es war der ewige Schlaf, von welchem es kein Erwachen gibt. Friede lag auf dem Gesichte; er mußte ohne Kampf verschieden-sein. „Legen Sie den Hammer aus der Hand," sagte ich zu Mandel. Sie müssen schulrusen, der Arme ist wdt." Am nächsten Tage gaben wir ihm das letzte Geleite. Ich sage wir, denn es wohnte die ganze Gemeinde dem Leichenbegängnisse bei. Mit Erlaubniß des Vorstandes der Edewra Kadjscha durfte ich am offenen Grabe einige Worte sprechen. Es war eine Fortsetzung meines Bortrages vom vorletzten Abend vor meinen Gästen und kulminirte in dem Leben des Todten der da starb in der süßen Pflichterfüllung des Besuches aus K ew er - Owes. Eine verstörte Landpartie. Das war ein herrlicher Pfingstsonntag, der 9. Juni 1889. Am frühen Morgen eilte ich mit meinem Freunde zur Afpangbahn; in einer Tabaktrafik am Rennweg wurde Halt gemacht, um den Tagesbedarf an Lese- und Rauchmaterial zu decken. Mit erstaunlicher Flinkheit bediente da eine bejahrte Frau die stürmenden Gäste, von denen unter Anderem auch das Deutsche Volksblatt, aber vergebens begehrt wurde. Als Surrogat wurde „Vaterland" geboten und auch angenommen. In der Bahnhof-Restauration nahmen wir noch hastig eine Melange, deren Bestandtheile auch nicht ohne Surrogat waren, doch die frohe Stimmung des festlichen Morgens hielt Stand. Wir warelt glücklich, zum Zuge zurecht gekommen zu fein und genossen bereits im Vorgefühle die lieben Land fchaftsbilder in der „buckligen Welt." Ich wählte mir mit gewohnter Vorsicht mein Plätzchen auf der Schattensette, unbjnit gewohntem Mißgeschick mußte ich den halben Vormittag in der Sonne sitzen, denn — der Schatten war unter dem Perrondache am Bahnhose zurückgeblieben. Unter den Passagieren wurden bald jene gleichgiltigen Gesprächsformen ausgetauscht, welche für die Dauer der Fahrt freundnachbarliche Beziehungen vorbengen sollen, sonst aber zu nichts, am Wenigsten zum Denken verpflichten, dann wurde das Morgenblatt hervor- und das Morgenschläfchen nachgeholt, auch die Gruppe mtt dem „Vaterland" in unserem Eoupö lenkte nur ein einzigesmal durch ihre Parteipolitik, die sie scharf betonte, die Aufmerksamkeit auf sich. Endlich hcüten wir die große Zahl kleiner Stationen hinter uns, und in Seebenstein verließm wir und mtt uns fast alle Fahrgäste den Zug, indem wir einigen Kohlweißlingen folgten, die uns vorangaukelnd, den Weg zum Gasthause wiesen. Es ist ein großes Einkehrwirthshaus, mit Glassalon und weiten Hofe, doch waren alle diese Räume für die große Zahl der Ausflügler nöthig, und jetzt erst freuten wir uns recht des Hellen, warmen Frühsommermorgens. Wie alle Großstädter verlangten wir Alle zugleich unfern Imbiß, unser Bier, begehrten auch in derselben Vierlelpunde zu zahlen, doch unsere ländlichen Nachbarn sind auf solche Ansprüche oft erstaunlich gut! vort-ereitet, und iu jeder Hinsicht befriedigt verließen wir das gastliche