Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Ät.’4S Orstsrrstchi^che Wochenschrift. Seite 993 Gulden eine Frau uitb mehrere Kinder ernähren — ein.Kind schwer krank darnieder, ohne daß derselbe seinem mit dem Tode ringenden Kinde ärztliche Hilfe angedeihen zu lassen imstande gewesen wäre. Als nun derselbe in Erfahrung gebracht, daß Herr Dr. K. . . r sich im nächsten Hause bei einem Patienten befindet, war er über diesen glücklichen Zufall höchst erfreut unb begab sich sofort zu Herrn Dr. K .. . r mit der Bitte, erwöge die Güte haben, zu ihm herüber zukommen unb auch seinem Kinde etwas zu verschreiben. Herr Dr. K. .. r ließ es gleich geschehen und nachdem er mit dem Recepte fertig war, überreichte ihm der arme Mann einen halben Gulden mit dem Bemerken, der Herr Doctor »löge ihm entschuldigen, daß er ihn nicht besser honorire, da er nicht einmal die paar Kreuzer zur Beschaffung des verschriebenen Receptes für sein schwer krankes Kind habe. Herr Dr. K . . , r schleuderte aber dieses ihm dnrgebotene Honorar in brüskem Tone zu Boden mit der Drohung, wenn ihm nicht sofort der Betrag von zwei Gulden ausgezahlt wird, er das geschriebene Recept zerreißen werde. Der unglückliche Mann über diese Drohung ganz bestürzt, flehte nun den Herrn Doctor thränenden Auges an, er möge doch seine bedauernswerthe Lage berücksichtigen und seine Drohung zurückziehen, aber — vergeblich. Der gestrenge Herr Doctor ist unerbittlich, er besitzt einen zu ehrenhaften Charakter um sein Wort brechen. Dem armen Manne blieb nun in seiner Verzweiflung lüchts anderes übrig, als den Polster, woraus er schlief, in aller Eile bei einem Nachbarn in Versatz zu geben, um aus diese Weise der von Humanität strotzenden Forderung des biederen Herrn Doctor gerecht zu werden. Sapieuti sat. Frankfurt a. M. Der Israelit mul Jeschurnn brachte in einer seiner jüngsten Nummern einen Artikel unter der Ueberschrift: „Die Eröffnung der Frankfurter Jeschibah", welcher in seiner Uebcrschwänglichkeit die Kritik so sehr heraussordert, daß ich einige zahme Bemerkungen nicht unierdrücken kann: Eine kleine Abkühlung, die nicht verschnupfen soll, sondern nur den Zweck hat, die krankhafte Fiebergluth der Artikelschreiber auf eine normale, gesunde Wärme zurückzubringen. Seine „Hand zittert vor freudiger Erregung" und so mag es gekommen sein, daß seine Worte etwas kraus sind, eilte „Fluth von Gedanken und Empfindungen, Hossnungen und Aussichten" stürmt auf ihn ein, die ihm wohl den Kops etwas verwirrt hat, ltnd die „Bedeutsamkeit des Wendepunktes in unserem jüdischen Leben und Streben, die er nur ahnen kann", gibt wohl seinen Gedanken einen phantastischen Anstrich. Mir ahnt auch etwas, nämlich daß der Verfasser kein Frankfurter ist, denn sonst würde er einen weit ruhigeren und mehr sachlichen Ausdruck seiner Freude gefunden haben und wissen, daß die Gründung der Frankfurter Jeschibah vielmehr eine Rücksichtnahme auf einen persönlichen Wunsch des Herrn Rabbiner- Breuer der seine frühere Beschäftigung rurücksehnt, als ein Ausdruck der Stimmung seiner Gemeinde ist, deren Vertreter sich nur langsam und schwer zu dieser Gründung haben drängen lassen. Es gibt wohl keilten orthodoren Juden, der die Errichtung der Jeschibah nicht freudig begrüßen wird. Jede Institution, welche zur Verbreitllng der Thora-Wissenschaft beiträgt, ist ein gottgefälliges Werk nnd segensreich. Nur wenn bereits in einem Raume 20 Lichter brennen, und man steckt noch ein Gleiches an, so sage man nicht, dieses 21. mach e erst Helle. Es war nicht dunkel vorher und es wird iticht viel Heller nachher. Der betreffende Artikel beginnt damit, daß einst Rabbi Moscheh Soser s. A. den Geist der Thora nach Ungarn verpflanzte und seitdem 119 Jahre verstoßen find, bis Rabbiner Breuer diesen Geist wieder von Ungarn nach Frankfurt brachte. Der Herr Verfasser fiebert. Er vergißt ganz, daß hier in Frankfurt ein Samson Raphael Hirsch von 1851 bis 1889 lebte, der den Thorageist hier einpslanzte, noch bevor Herr Rabbiner Breuer kam, dessen Aufgabe es ist, gerade diesen specifiisch Hirsch'schen Geist hier weiter zu hegen und' zu pflegen. Nicht ungarischer Thorageist braucht nach Frankfurt zu kommen, besser wäre es, Frankfurter Geist käme nach Ungarn. Was bringen sie denn in Ungarn, Galizien und Rußland so Großes fertig mit dem Talmudlernen, worin ganz allein der Geist ihres Thorakennens besteht. Leider wissen sie nicht, daß, wie Rabbiner Hirsch im Eommentar I S. 86 sagt: „daß für uns Juden Erez und Thora zusammenfällt." Sie haben entweder jüdische Gewissenhaftigkeit, dann aber keine europäische Bildung, oder diese, dann aber nicht jene. Sie werden entweder gebildete Spötter oder gesetzestreue Schlemihls. „Wie das ängstliche Absperren von der Luft das sicherste Mittel ist, sofort bei dem ersten Hinaustreten in die Luft den Schnupfen zu bekommen, so fällt der in völlig abschließender Jsolirung, ohne Berührung mit anders Denkenden erzogene junge Mensch diesen Einflüssen beim ersten Begegnen zur Beute", sagt unser großer verstorbenen Rabbiner im Eomifientar I S. 323. Nein, ein frommer Jude und dabei ein gebildeter Mensch zu sein, das ist Frankfurter Thorageist, das ist, was Hirsch gelehrt uud das der einzige Weg des wahren Fudeiithums. Warum Rabbiner Hirsch keine Jeschibah gründete L Nicht etwa, weil er als „Rabbiner, Director, Redacteur urd Lirerar zu sebr beschäftigt war", wie jener Artikelschreiber uns vormachen möchte. Der Mann, der noch im letzten Jahre seines irdischeil Daseins ein Backhaus für Mazzaus schuf, welches wohl einem Bedürfnis entspricht, aber durchaus keine unumgängliche Nothwendigkeir ist, der Mann Härte Zeit und Energie gehabt, eine Jeschibah, zu deren Gründung weder sehr viel Geld, noch ein Ausmaß von organisatorischen Fähigkeiten gehört, in Frankfurt entstehen zu lassen. Nein, er gründete keine Jeschibah, weil dazu eine dringliche Nothwendigkeit nicht vorlag und die bereits bestehenden Schuten und Vereine, die durch eine Jeschibah zu erreichenden Zwecke längst in aus giebigem Maaße erfüllten. Die Jünglinge, welche die Realschule, wo sie eine grundlegende Kenntniß des Talmud lind Tuach empfangen, nach circa neunjährigem Aufenthalt verlassen, widmen sich fast durchgängig der kaufmännischen Earriere und kommen nicht dazu,, Jeschibah zu besuchen. Daher gründete Hirsch dem Verein Makon Ehaim, der gerade diesen Jünglingen gleichzeitig mit den vielen Talmud-Thora-Vereinen die Weiterbildung und das Fortschreiten im Studium des Talmud und des Tuach möglich macht. Es ist dadurch jedem Lernbegierigen «Gelegenheit geboten an jedem Abend der -Woche und Sabbathuitd Feiertagen an drei verschiedenen Tageszeiten Vorträge von 'dazu engagirten tlnd befähigten Persönlichkeiten zn hören. Hirsch erkannte in seinem klaren Verstände, daß Frankfurt mit seinem meist dem pracuschen Gewerbsleben zugewandten Gemeindemilgliedern nicht den geeigneten Boden bildet, wo eine solche Anstalt starke Wurzeln schlagen könnte. Wenn er gewollt hätte — eine Predigt nur mit seiner packenden Beredlsamkeit, seiner anfeuernden Begeisterung — und die Jeschibah wäre gegründet worden ebenso wie die Realschule, Elementarschule, Töchterschule. Volksschitle und die zahlreichen anderen hiesigen Muster-Anstalten auf seine Initiative hi», entstanden sind. Daß anderseits Hirsch die Einrichtung von Thora Studien-Anstallen wo auch immer sie eiltstehen, freudig willkommen heißt und sie als ein erstrebenswerthes Ziel bezeichnet, ist eine Empfindung, die er mit jedem gesetzestreuen Juden theilt und bedarf es zur Erkenntuiß dieser einfachen Thatsache nicht langer Eitale aus den Schriften des großen Heimgegangenen. Jener Artikelschreiber führt den zj 60 des Statutenentwurfes der Frankfurter Religions-Gesellschaft vom Jahre 1856 an, worin zur Gründung von Vereinen zur Thora-Pflege aufgefordert wird. Dieses Statut ist durch oben erwähnten Mekor Ehaim Verein und durch viele andere ahn liche Vereine lind Stiftungen erfüllt worden. Der -s 61, welcher als letztes Ziel der Unterrichtsanstalten der israel. Religions-Gesellschaft aus spricht, Lehrer und Rabbiner auszubilden, ist seit der Erhöhung der Anforderungen, welche Staat und Gemeinde an Lehrer und Rabbiner stellen, so lange unerfüllbar, solange Frankfurt keine Universitätsstadl ist. Denn keine Gemeinde Deutschlands wird einen Rabbiner, und keine höhere Anstalt einen Lehrer anstellen, der nicht akademische Bildurig besitzt. Daher auch ist es das große Verdienst des Herrn Rabbiner Hildesheimer in Berlin, ein Rabbiner-Seminar gegründet zil haben. welches als jeschibah und als Hochschule für jüdische Lheologie den gesteigerten Anforderungen unserer Zeit entspricht. Der Herr Artikelschreiber, der von der „ersten Jeschibah in Deutschland" schwärmt, scheint diese Tharsache zn iguoriren. In Frankfurt eine Jeschibah zu gründen, konnte deshalb nichr die Absicht des Rabbiners Hirsch sein, wie er ja nudjf feit jener Zeit mit keinem Worte von einem derartigen Plane hatte etwas verlauten lassen. — Sein Ausruf zum Erwecken und Verbreiten der Thora Wissen schaft, wie hat er in Frankfurt diele Wünsche verwirklicht, wie hat er hier das Interesse für das Lernen der Thora gewaltig angeregt. Gerade in diesen Citaten ist eine Stelle, die der Artikelschreiber in seinem blinden Euthufiasnrus nicht merkte. Wörtlich sagt Hirsch daselbst: Ist erst das Interesse für das Lernen in der Gesammtheir in aller Kraft erwacht, dann, ja dann — würde das Studium des göttlichen Gesetzes wieder einen solchen Boden gewonnen haben, aus welchem sich naturwüchsig eine solche Pflege desselben entwickelte, daß besonders geregelte Anstalten, noch immer höchst heilsam sich erweisen, jedoch nicht mehr wie in der Gegenwart als imuin gänzliche Bedingung dastehen würden. „Höchst heilsam", „aber nichr unumgängliche Bedingung." Ich denke, das ist klar. Noch Eins. Unser Samson Raphael Hirsch war ein Manu Goues von so eminenten Geistes und so gewaltigen Fähigkeiten, daß kein Mensch lebt, der ihn uns zu ersetzen vermag. Solch ein Genius raucht leuchtend auf wie ein Planer und Jahrhunderte vergehen, ehe er wiederkehrt. Wenn es schon nicht schön ist, über den Knaben zu spotten, der seines Vaters hinterlassenen viel zu weiten Rock trägt, so ist es doch anderseits geradezu komisch ihm zu sagen: Wie ausgezeichnet steht Dir dieser Rock, wie passend, wie angegossen! Ganz der Papa, der zweite ' Sapieute sat. Wien. tTrau u ng en vom 29. November 1891.» Jnr Tempel der inneren Stadt: Herr Dr. Leo Fenichel mit Frl. Emilie Braun; Herr Dr. Samuel Fränkel mit Frl. Rosalie Baumgartner; Herr Joies Dur mit Fräulein Jda Schnitzer: Herr Arnold Deutsch mit Frl. Hermine Pater.