Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020896--00926-3024940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i*tr. 48 Vrsterreichifchr Wochenschrift, Seile 889 man, wie selbst R. Andree sa. a. O. S. 39) zugibt, annehmen, daß hier zivei Typm vorhanden sind, die, da sie so diametral verschieden sind, nie und nimmer eines Stammes sein können, und von denen der eine, sagen wir kurz der osteuropäische, nur durch Kreuzungen und Blntmischungen mit allophylen Stämmen entstanden ju erklären ist. Wenn aber Andree gerade auf die Konstanz der beiden Typen so viel Gewicht legt und immer und immer wieder von dem noch heute herrschenden „monumentalen Typus der Juden" spricht, so ist jene daher zu erklären, daß allerdings feit mehreren Jahrhunderten bei beiden Typen Vermischungen mit Nicht-Juden selten oder gar nicht stattgesunden haben, und was den „monumentalen Typus" betrifft, so ist er irur cum grano salis zu verstehen: er gilt eben nur für den und deckt sich mit dem, den wir oben mit dem Typus der „Spagnuoli" oder der Sephardim (im Gegensatz zu dem der Aschkenasim) bezeichnet haben. Aber auch schon vor Jkow haben andere Anthropologen dasselbe, wie er, beobachtet. So sagt der Engländer B. Davis: „I believe there is more diversity in the configuration of the Jewish skull than has been generally admitted“ ( )'. Jkow a. a. O. S. 379). Ebenso hält Darwin (a. a. O. I, 213) die Annahme der Gleichförmigkeit der Juden für überlrieben, was er von den Zigeunern nicht behauptet, und was micl) nicht behauptet werden kann, da noch niemand große Verschiedenheiten iil der physischen Beschaffenheit der Zigeuner, z. B. Spaniens einerseits und Ungarns oder Galiziens andererseits, entdeckt har, die doch ebenfalls in aller Welt zerstreut sind und von Verntischungen soviel wie inöglich sich frei gehalten haben. Wenn daher Andree (a. a. O. S. 41 ff.) „vorurtheilsfreie Beobachter" anführt, die ihn zur Ueberzeugung führen „von der überraschenden Gleichartigkeit der körperlichen Erscheinung der Juden unter allen Völkern," so bin ich fest überzeugt, daß vielfach dieselben „vorurth eilslosen Beobachter" die Juden als solche, ich meine schon aus ihrem rein physischen Habitus, insofern sie nicht dirrch ihre Tracht und die bekannten Seitenlockcn zu erkennen tvaren, wie im Orient und im europäischen Osten, nie und nimmer angesehen hätten, wenn sie nicht hütterher erfahren Hütten, daß es Juden waren. „In Asien," sagt dagegen Jkow (a. a. O. S. 387), „bieten alle den Kontinent bcrvohnenden Völker... die größte Aehnlichkeit im Typus der Gesichtsbildung mit den russischen Juden. Außer der gleichen Kopsbildung und einer ganzen Gruppe von Kennzeichen der knöchernen Gesichtsbildung erscheint oft das Gesicht eines Tadschiks, Asbekcs, Afghanen und Armeniers wie das eines Juden." Eilt anderer bedeutender Anthropolog, Karl Vogt, kommt beinahe zu demselben Resultat, wie jener. „In der That," heißt es bei ihm (Vorlesungen über den Menschen kl, S. 238) „findet man hauptsächlich im Norden in Rußland und Polen, Deutschland und Böhnieit einen jüdischen Stamm mit oft rothen Haaren, kurzem Bart, etwas aufgeworfener Stumpsnase, Keinen, grauen listigen Augen und von mehr gedrungenem Körperbau, mit rundem Gesicht mir meist breiten Backenknocheit, der mit mancheit slavischen Stämmen nainentlich des Nordens viele Aehnlichkeit bat. Im Orient dagegen und in der Umgebung des Mittelmeeres, sowie von dort hiltaus nach Portugal unb Holland verbreitet, erblicken wir jenen semitischen otaimn mit langem, schwarzen Haare und Bart, großen, mandelförmig geschlitzten, schwarzeil Augen melancholischen Ausdrucks, mit länglichen Gesichterll, erhabener Nase, kurz jenem Typus, wie mir ihn in Rembrandts Porträts wiedersinden." Andree, der diese Stelle (S. 40) citirt, macht zu der Behauptung Vogts von der Aehnlichkeit der russischen und polnischen Juden 'mit den Slaven des Nordens ein Fragezeichen, zweifelt also daran. Es ist aber historisch erwiesen, daß einerseits eine Vermischung der im heurigen europäischen Rußland wohnenden Slaven mit nicht-arischen Völkern, andererseits der dortigeit Juden sowohl mit Slaven, als mit Mongolen stattgefunden hat. Eilt russischer Gelehrter jüdischer Abstammung, A. Harkavy in Petersburg, hat nämlich nachgewiesen, daß die russischen Juden, llicht wie vielfach angenommen wurde, und auch Blechmann (o. a. O. S. 59) glaubt, Abkömmlinge deutscher Juden sind, was man daraus schließen zu dürfen meinte, daß sie noch heute sammt und sonders deutsch reden. Dies geschieht aber, wie Harkavy m seinem Buch: „Die Juden und die slavischen Sprachen. Wilna, 1867" (hebr.) gezeigt har, erst seit der Zeit der Kreuzzüge, als die deutschen Juden in Deutschland verfolgt und daraus vertrieben, nach Polen und Rußland auswanderten. Da sie geistig den einheimischen Juden überlegen waren, drängten sie diesen ihre Sprache aus, und so stammen die russischen Juden nicht von deutschen, sondern von solchen ab, die aus der Krim, dem südlichen und dem südöstlichen Rußland, wo Juden bereits im 1. Jahrhundert n. Ehr. fassen, die viel früher noch in Persien, Kaukasien und Transkaukasien (Armenien) ihre Heimstätten hatten. Ebenda ist auch, nach Jkow, die Heimat des brachycephalen Typus, während der mit schmalem Gesicht, langem flachem, kleinem Kopse u. s. w. der Grundtypus ist „aller nordasrikanischen Stämme und Völle.', d. h. der Berber, Kabylen, Araber, Aegyptier, Juden u. s. w.", denen ihrer physischen Beschaffenheit nach die Juden der transbalkanischen Türkei „und ebenso auch die, welche längs der ganzen Küste des Mittelländischen Meeres zerstreut sind", am nächsten verwandt sind, d. h. die wirklichen Semiten von allophylem Blute unberührt geblieben sind. Daß aber auch hier namentlich in Spanien, in den ersten Jahrhunderten nach Ehr. Mischungen stattgefunden haben, ist bereits oben bemerkt worden. Doch weit stärker waren diese im Osten Europas, wo ein mächtiges Reich, das der Ehasaren, welches unter feiner Botmäßigkeit eine große Ländermasse am Kaukasus, in der Krim, am Don und an der 'Wolga hatte, über zwei Jahrhunderte hindurch von Königen regiert tvurde, die mit einem Theile ihrer Unlerthanen, — alle finnischen Stammes — zum Judenthum übergetreten waren, wie historisch feststeht. Wir besitzen nämlich aus der ziveiten Hälfte des 10. Jahrhunderts nach Ehr einen Briefwechsel zwischen einem hochgestellten spanischen Juden am Hose des mächtigen Chalifen Abdurrahman IIL in Eordova, Ehasdai Jbn-Schafrut, und dem Könige der Ehasaren, Joseph, Sohne Aarons, welch letzterer jenem nrittheilt, daß sein Urahn, König Butan, alle Fürsten, Diener und sein ganzes Volk das Judentbum angenommen hätten (f. Harkavy in der Russischen Revue Bd. VI, St. Petersburg, 1875, S. 69 ff. und Grätz, Geschichte der Juden Y'; S. 186 ff.) Daß ferner in der ersten Zeit der Bekehrung der Slaven mie der Ungarn zum Ehristenthum, als letzteres bei ihnen noch nicht tiefe Wurzeln gefaßt hatte, Ehen zwischen ihnen und Juden ftattgefunden haben, ist oben schon bemerkt worderr und dies wird um so glaublicher', wenn man bedenkt, daß die Juden im Gebiete des Kaspischen und Schrvarzen Meeres, wo sie scholl im 6. und 7. Jahrhundert nach Ebr. ansässig waren, sowie im 10. und 11. Jahrhundert im Süden und Südwesten, vom Talmud und der ganzen rabbinifchen Literatur kaum irgend welche Kenntniß hatten, so daß es zweifelhaft ist, ob die ältesten Juden in Rußland zu den Rabbaniten oder den Karäern gehört haben (s. Grätz a. a. O. VP S. 62). Doch würden diese eben errvähnten, ethnischen Mischungen alleilt llicht ausreichen, tim die diametral verschiedene körperliche Erscheinung der Juden Rußlands, Polens und Deutschlands einerseits und der „Spagnttoli" andererseits genügend zu erklären, sowenig, tvie die abweicheltde Schädelsorm allein hinreichte, daß man zwei verschiedene Rassen anzunehmen berechtigt wäre. Denn mit Recht sagt H. v. Jhering (Westermanns Monatshefte 1874, S. 610) : „Gleiche Form des Schädels beweist ebensowenig Identität der Rasse, wie Verschiedenheit der Schädelsorm zur Uirterscheidung verschiedener Rassen nötigt," wenn nicht die ganze physische Beschaffenheit der genannten beiden Typen, wie außer dem Schädel, noch die ganze Gesichtsbildung u. s. w., uns ein Recht zur Annahme gibt, daß schon in sehr alter Zeit, lange bevor die Juden nach Rußland kamen, in Kleinasien, Armenien, Babylonien und Persien Raffenkreuzungen mit allophylen Stämmen stattgefunden haben. Es soll aber nicht in Abrede gestellt werden daß ein endgiltiges