Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 888 Orsterrrichifchr Wochenschrift. Nr. 48 Ansicht, der bis auf den heutigen Tag namentlich der eben genannte Bastian und de Quatrefages huldigen, während „eine ganze Reche von Gelehrten auf der entgegengesetzten Seite steht, welche keine oder nur untergeordnete Einflüsse der Umgebung zugeben und die Rassen der Hauptsache nach für unveränderlich halten (vgl. Gerland im Geograph. Jahrbuch von Behm VI, 1876, S. 341 ff.). Namentlich der schon genannte französische Anthropolog Topinard leugnet jeden Einfluß örtlicher Umgebung auf die physische Beschaffenheit des Menschen. „Keine Thatsache," sagt er (a. a. O. S. 390 ff.), „beweist, daß beim gegenwärtigen Zustande der Dinge und in dem kurzen Zeitabschnitte, auf den sich unsere Beobachtungen erstrecken, sich jemals eine wesentliche und forterbende Aenderung eines physischen Merkmals unter lokalem Einflüße vollzogen habe." Aber trotzdem kann derselbe Topinard nicht umhin, zuzugeben, „daß Aenderungen physischer Merkmale, wenn auch nicht vor unseren Augen, so doch im Laufe der Zeit sich vollziehen und von Jahrhundert zu Jahrhundert zunehmen können. Bei dieser Annahme würde sich alles physiologisch erklären." Auch Darwin neigt zur Ansicht (Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Carus, I', S. 216), daß man die Wirkung des Klimas nicht ableugnen könne, und er führt (ebenda Anm. 50) einige Beispiele an, die jene Wirkung bezeugen (vgl. auch Virchow, Archiv für Anthropologie XVI, 1886, S. 347). Rur darf man in jener Annahme nicht so weit gehen, wie es Rauch (Die Einheit des Menschengeschlechts, S. 104, Augsburg 1873) thut, die Behauptung aufzustellen, daß die alten Germanen ursprünglich dunkel gewesen und erst „im kalten Norden" blond geworden wären, ebenso wie die Juden in Polen, was nur klimatischen Einflüssen zuzuschreiben sei, da die Annahme einer Vermischung der letzteren mit anderen Stämmen ausgeschlossen sei. Mit welchem Rechte aber das der Fall ist, haben wir oben bereits gesehen. Nun ist meiner Ansicht nach, weder die Farbe des Haares noch die der Augen als Rassenmerkmal von solcher Bedeutung, daß man weitgchende Schlüsse aus ihr zu ziehen berechtigt ist, da nicht blos, wie nicht in Abrede gestellt werden kann, die lokale Umgebung und das Klima überhaupt von Einfluß sind, sondern auch noch ein anderes Moment bei der Farbengebung mit im Spiele ist, daß nicht außer acht gelassen werden darf. Schon von Aristoteles her wissen wir, daß Kinder, die später dunkle Augen hatten, blauäugig zur Welt kamen, und eine alltägliche Erfahrung lehrt, daß vielfach blondhaarig geborene Kinder zur ,8eit der Pubertät oder noch früher braun werden; so waren z. B. nicht weniger als 11.46% der Kinder, die in Deutschland, wie schon erwähnt, auf ihre Farbe hin untersucht wurden, unter 14 Jahren blond, über 14 dagegen bereits braun (s. Virchow im Korrespondenzblatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie u. s. w., Jahrg. 1876, S. 101). Es ist eben nichts weiter, als die „Häufigkeit des Pigmentes," wie Schaaffhausen (ebenda S. 115) hervorhebt, „was die dunkle Farbe gibt," während das Fehlen des Farbstoffes eine „Schwäche der Organisation" ist. In der That ist ja auch wirklicher Albinismus „ein pathologischer Zustand, Leukopathie," wie Virchov sagt. Aus all' dem, glaube ich, geht zur Genüge hervor, wie wenig man berechtigt ist, bei ganzen Volksstämmen wie bei einzelnen Individuen den blonden, resp. dunklen Typus als Rassenmerkmal zu bezeichnen. Mehr Anspruch darauf, wenn auch nicht gerade von absoluter Sicherheit, hat die Form des Schädels. „Merkmale am menschlichen Körper," sagt Peschel (a. a. O. S. 49 ff.), „die zur Unterscheidung der Rassen dienen könnten, wird ein jeder unwillkürlich zuerst in den Formen des Hauptes suchen, dem Sitze unserer höchsten Thätigkeiten." Was nun die Juden betrifft, um auf sie zurückzukommen, so sind sie merkwürdigerweise nur im Osten Europas in Bezug auf ihre Schädelform gemessen worden, und da hat sich ein merkwürdiges Resultat ergeben; daß sie nämlich in den slavischen Ländern zum größten Theil brachycephal, während die sogenannten spanischen Juden dolichocephal sind. Und da noch andere, gleich zrr erwähnende Momente hinzukommen, so darf mit größter Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß die Brachycephalie die Folge von Kreuzungen ist, die bei der freiwilligen und noch mehr unfreiwilligen Wanderung der Juden von Osten nach Westen» namentlich in den beiden letzten Jahrhunderteir (wie noch früher umgekehrt), auch für die westlichen, namentlich in Deutschland wohnenden Juden von nicht geringer Bedeutung iverden sollten. So hat nämlich Prof. Stieda in Dorpat (jetzt in Königsberg) im Archiv für Anthropologie XlV. S. 61 ff. einen „Beitrag zur Anthropologie der Juden" veröffentlicht, in dem er zum Resultate kommt, daß unter 67 von ihm (eigentlich von Dybowski im Gouvernement Minsk, der Stieda das Material zur Verfügung stellte) untersuchten Juden die überwiegende Mehrzahl (53.78%) brachycephal war, wahrend 20.86% mesoeephal waren, die „auf eine schon lange andauernde erfolgreiche Vermischung beider Typen untereinander" deuten (Stieda a. a. O. S. 69). Schon früher hatten zwei akademische Lehrer in Krakau 316 galizische Juden auf ihre anthropologischen Merkmale untersucht und gefunden, daß nicht weniger als 84.9% brachycephal sind, die zugleich dunkel, brünett, während die mit. dolichocephalem Typus blond waren, — „eine Koincidenz," sagt Alsberg (a. a. O. S. 25), „die, wenn sie durch fermere anthropologische Untersuchungen bestätigt werden sollte, für die Erhaltung des indogermanischen Elementes im jüdischen Volke einen weiteren Beleg abgeben würde," als ob der blonde Typus mit der Dolichocephalie, und der dunkle mit der Brachycephalie zusammenfiele! Die blondhaarige und blauäugige Bevölkerung in Finnland ist brachycephal, dasselbe ist bei den Blondesten der Blonden, den Friesen, in Deutschland der Fall (s. Virchow, Korrespondenzblatt u. s. w. 1876, S. 93 ff.) Die Litauer endlich sind, wie wir schon gesehen haben, blond, und zeigen trotzdem „eine entschiedene Hinneigung zur Brachycephalie" (Brennsohn a. a. O. S. 41), während sämmtliche Völker Afrikas, die Hottentotten und Buschmänner einbegriffen, die doch zum allergrößten Theile dem dunklen Typus angehören, mit verschwindenden Ausnahmen dolichocephal find, (s. Waitz, Anthropol. der Naturvölker II, S. 23). Fast zu demselben Resultate, wie Stieda, ist muh sein Schüler Blechmann in seiner Dissertation „Ein Beitrag zur Anthropologie der Juden," Dorpat 1882, gelangt, indem sich ihm 64 Percent Brachicephale bei seiner Untersuchung ergaben, und endlich fand ein anderer russischer Gelehrter, Konstantin Jkow, bei den Juden in Rußland 62% Percent kurzköpfige, dagegen bei den transbalkanischen 93 Percent dolichocephale und nur 7 Percent brachycepbale (s. Neue Beiträge zur Anthropologie der Juden von Konst. Jkow im Archiv f. Anthropologie XV, 1884, S. 369 ff), welch letztere Abhandlung übrigens Alsberg nicht gekannt zu haben scheint. Da sich nun Jkow außer dem erwähnten Eephalindex in dem physischen Bail der beiden genannten Gruppen noch eine ganze Reihe Haupt- und Nebenzeichen ergaben, die bei beiden diametral verschieden sind, so schließt er, und meiner Ansicht nach mit Recht: „Wie groß auch die ethnographische, linguistische und sociale Aehnlichkeit aller Juden der ganzen Welt ist, so müssen wir doch unter ihnen anthropologisch zwei Gruppen unterscheiden, welche dabei durchaus nicht nur zwei Typen darstellen — was ein zu unklarer Ausdruck wäre, — sondern zwei Grundstämme, sogar zwei Rassen bilden, von denen wir die eine die Rasse der russischen Juden, die andere die Rasse der Iude n des Mittelmeeres nennen werden." Nun soll aber nicht geläugnet werden, daß sein Material der zweiten Gruppe, um sie kurz zu nennen: der dolichocephalen, die er untersucht hat, ein weit geringeres war, als das der ersten, der russischen Juden, von denen ihm 218, während von jenen nur 14 zur Verfügung standen, so daß es fast den Anschein hätte, daß er so weitgehende Schlüsse zu ziehen nicht berechtigt istbedenkt man aber, daß in der That schon in dem äußeren physischen Habitus einerseits zwischen den in Griechenland, Italien, Holland und der Türkei lebenden Juden, den sogen. „Spagmloli," und andererseits den in Rußland, Polen, Deutschland und England wohnenden Verschied eich eiten vorhanden sind, so muß