Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 886 Orstrrreichische Wochenschrift. Nr. 48 to-thc-cditoi-Judenthu»n gemeiltt sein soll — ist eine oberflachüche Kirchlichkeit. Es ist unglaublich, welcher Götzendienst hier mit dem Gottesdienst getrieben wird. Die jüdische Presse widmet einen großen Theil ihrer besten Kraft den verschiedenen Formen des kudlic Worship, und die jüdische „clergy“ wetteifert in der Erfindung neuer Gestaltungen und Bedürfnisse für öffentliche Andachten. Die Klage lautet: der Gottesdienst in seiner überkommenen Gestalt ist nicht anziehend, es ist also kein Wunder, wenn die Leute nicht hingehen. Die Herren vergessen aber, daß der Gottesdienst gar nicht die Ausgabe hat, „anziehend" zu sein. Wer wirklich religiös oder auch nur kirchlich gesinnt ist, für den ist der Gottesdienst doch eine Pflicht, aber wir haben noch niemals gehört, daß Pflichten anziehend sein müssen. Oder ist der Besuch des Gotteshauses nur die Pflicht des Rabbiners oder Vorbeters weil diese dafür bestellt sind? Außerdem ist aber noch niemand im Stande gewesen, ein Mittel anzugeben, wie ein Gottesdienst „anziehend" gemacht werden soll. Und sollte das einem besonders geschickten Impresario im geistlichen Gewände je gelingen, jede feste Form wird nach drei Wochen aufhören „anziehend" zu sein. Es ist freilich schwer zu entscheiden, ob das religiöse Leben zu Hause mit dieser aufdringlichen Kirchlichkeit nach'Außen im richtiger Verhättnisse ficht, aber es ist doch jedenfalls ein geringeres Opfer, gelegentlich auf eine Stunde in eine Synagoge zu gehen, um von der Kanzel herab einen Lettartikel vorttagen zu hören. Die Predigt, so wichttg sie auch sein mag, ist für viele zum überwiegend wesentlichsten Bestandtheile des Gottesdienstes geworden. Billige Erbauung von der Dauerhaftigkeit des Reismehles auf den Wangen rosiger Zuhörerinnen ist es hauptsächlich, was man sucht. Wer sich aber dann getäuscht sieht, ist sicher, in der nächsten Nummer seines Organs für religiöse Interessen über, den Verfall des Iudenthums im Allgemeinen und English Iudaism insbesondere bittere Klage zu führen. Und wie das oft der Fall ist, solche Unzuftiedenen sind tvildere Fanatiker als die starrsten Orthodoxen, die für gewöhnlich andere Leute in Ruhe lassen, und fallen rücksichtslos und oft sehr unhöflich über diejenigen her, die anderer Meinung sind. Gewöhnlich leiden aber die Verbesserungsvorschläge an großer Unklarheit und verrachen nebenbei eine Urteilslosigkeit, die nur durch absolute Unwissenheit erklärt werden kann. Aber das ist hier kein Grund sich in bescheidenen Grenzen zu halten. Man wundere sich nicht über diese Discussion, die in anderen Ländern kaum möglich ist. Aber diese Andachten sind hierwirUich zu einer der brennendsten Fragen des öffentlichen jüdischen Lebens erhoben worden. English Iudaism hat eben einen starken Stich in die Heilsarmee. Der Einfluß der Letzteren ist unverkennbar, und wir werden noch ein erläuterndes Beispiel sehen. Da ist zunächst der Sabbath - Nachmittags - Gottesdienst für diejenigen, die Vormittags — keine Zeit haben in den Tempel zu gehen. Da ist ferner eine besondere Andacht für männliche Arbeiter, eine andere für Kinder, ein vierter für arbeitende Mädchen. Me diese Andachten haben ihre begeisterten Priester und Propheten beiderlei Geschlechts, die mit Rede und Gesang die allgemeine Erbauung herbeizuzaubern versuchen, die natürlich nicht verfehlt, aus die verschiedene»! märmüchen und weiblichen, alten und jungen Zuhörer einen „tiefen Eindruck" zu machen. Es ist über diese Services ein ewiges Gerede und Geschreibe, welches die allgemeine Aufinerksamkeit von wichtigeren Dingen abzieht. Es fehlt jetzt nur noch eine Andacht für Dummköpfe, zu welcher von rechtswegen sich ein sehr zahlreiches Publikum einstellen müßte. Wer weiß was noch kommen kann. Und doch liegt dem allem ein unbewußtes aber wirkliches Stteben zu Grunde. Die Synagoge soll das ersetzen, was die Schule versäumt hat. Ist das englische Schulwesen schon an und für sich kein Ideal, so läßt das elementare noch viel zu wünschen übrig. Das jüdische Religionsschulwesen vollends liegt ttotz der mehr ergiebigen als motivirten Preisvertheilungen noch sehr im Argen. Ungeachtet der bei solchen Gelegenheiten aufgebrauchten Eloquenz und der vor» schöner Hand ausgehändigte,» Prachtbände steht das eine fest: Gelernt wird wenig. Viele Lchrer sind schlecht bezahtt und noch schlechtere Pädagogen. Zudem blüht hier noch lebhaft das kindliche System der pupilteachers d. h. Lehrer, die zu gleicher Zeit Schüler sind. Es ist immer noch die veraltete Anschauung maßgebend, daß jemand nur etwas zu wissen braucht, um es auch andere zu lehren. Man hat aber noch nicht erkannt, daß der Lehrer sehr j hoch über seinem kindlichen Schüler stehen muß und daß besonders für den eleinentaren Unterricht ein gut geschulter und gereifter Lehrer nothwendig ist. Von den sogenannten Boarding schools (Privatschulen) wollen wir lieber gar nicht reden, um den Herren nicht das Geschäft zu verderben. Wenn nun freilich so ein Reverend selbst in der besten Absicht mei»»t, daß „Sein edler Gang, seine hohe Gestalt, Seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt Und seiner Rede Zauberfluß" und selbst der Segen am Schluß, mit dein er seine schöne Gemeinde nach Hause schickt, hinreichen, um in einer Stunde das nachzuholen, was durch Jahre verabsäuint »var, so int er. Andachten sind ganz gut, aber lernen ist auch nicht zu verachten. Nun ein anderes Bild, ein trauriges zwar, aber zugleich ein erhebendes. Wir meinen die Art, wie sich hier die Theilnahine für die verttiebenen russischen Juden geäußert hat. Jene Unglücklichen haben zwar gute und schlechte Kanzelredner Monate hindurch mit nie versiegendem Stoff versorgen müssen, aber wir wollen es den Letzteren zu Gute halten und ihnen ihren reichlichen Antheil an dem geradezu beispiellosen Wohlthätigkeitserfolge zuschreiben. Es sind bis jetzt weit über 75.000 Pfd. St. gesammelt worden. Es haben freilich reiche Leute in Folge des Appels des Chief-Rabbi sehr ansehnliche Summen hergegeben, aber die Masse ist doch wohl hauptsächlich dadurch zusammengebracht worden, daß die minder Begüterten vielfach über ihre Verhältnisse hinaus beigesteuert haben. Da hat sich das gute, jüdische H e r z wieder einrnal im glänzendsten Lichte gezeigt. Manche haben sogar „Selbstverleugnungsrvochen" vorgeschlagen, d. h. sich eine Woche oder länger gewisser Genuß- und selbst Rahmngsmitret zu enthalten und das Ersparte den russischen Juden zur Verfügung zu stellen. Viele werden den Einsall, der selbstverständlich der Heilsarmee entlehnt ist, närrisch nennen, aber es ist jedenfalls ein beredtes Zeugniß für das Mitgefühl für Darbende und Heimatslose. Ob sich ein Anttsemit zu solcher Gesinnung aufschwingen kann? Was hat jener Rabbi Eleazar unter dein Beifall seines Lehrers als das Edelste hingestellt? Ein gutes Herz! Run daran fehlt es hier gottlob nicht. Hoffentlich wird sich alles andere im English Iudaism allmählich auch finden. Dr. Jacob Egers. Am Dienstag, den 17. November, verschied in Berlin nachdem er Abends zuvor während der Ausübung des Lehrberufes vom Schlage ereilt »vorder» »var, sanft und ruhig, »vie er gelebt und geivirkt hatte, Dr. Jacob Egers, mit den» ich durch mehr als 30 Jahre auf's Innigste befreundet war: Egers gehörte jener berühmten Familie an, auS »velcher zahlreiche hervorragende Rabbiner und jüdische Gelehrte, zu dener» auch sein in Halberstadt »vohnhaft gewesener Vater zählte, hervorgegangen sind. Auch »nein nuninehr verstorbener Freund gedachte sich dein Rabbinerstande zu widmen und trat deshalb im Jahre 1858 in das jüdisch-theologische Seminar zu Breslar» ei»», das »venige Jahre vorher gegründet worden war. Er fand indessen bald, daß die stille Pflege der Wissenschaft und die Lehrthätigkeit seiner beschaulichen Natur mehr zusage, als der mit dein öffentlichen Leben und mit unausweichlichen Aufregungen verknüpfte Beruf eines Rabbiners und Predigers. Als Mann der Wissenschaft und Lehrer hat er denn auch d»»rch mehr als 20 Jahre in Berlin auf's Sege»»sreichste geivirkt. Die jüdische Literatur hat er durch die mit erläuternden Anmerkungen versehene Ausgabe des Diivan des Abraham ibn Esra und verschiedene Aufsätze in Zeitschriften bereichert. Als