Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48 Oesterreichifche Wochenschrift. SetteSSS tt:r Herrschaft zu gelangen. Der neue Anlauf des Antisemitismus soll dem „neuen Cours" in Berlin ein Paroli bieten. Alles zeigt deutlich den Finger des Mannes von Blut und Eisen in seiner unfteiwilligen Ruhe. Die Conservativen und die Deutsch-Socialen in Preußen gehen heute offener denn je Arm in Arm. Sie lassen keine Gelegenheit vorübergehen, gemeinsam für Bismarck;u demonstriren und bilden zusammen eine förmliche Verschwörung gegen Kaiser Wilhelm II. Die wiederholten Ausdrücke seines Machtgefühles, so das „Voluntas regis suprema lex“ in München und die Ansprache an die Rekruten: „Ihr werdet voraussichtlich nur im Frieden Gelegenheit haben, eure Tapferkeit und euren Muth zu bethätigen" werden von ihnen als Herausforderungen des Kaisers gegen sie gedeutet und sie antworten im Tone fast offener Rebellion. In der, vorige Woche in Breslau stattgefundenen Versammlung des conservativen Provinzialvereines für Schlesien, wurde das Parteiprogramm dahin erweitert, daß auch die Aufhebung der Emancipation der Juden anzustreben sei urtb offen sich losgesagt von der Regierungstreue, was doch in Preußen bei den Conservativen immer soviel als Königstreue bedeutete. Und der berüchtigte Böckel hat in einer der letzten Sitzungen des deutschen Reichsrathes in nicht zu verkennender Weise den Ausspruch des Kaisers von der voluntas regis ironisirt, wie es kein Freisinniger und kein Socialdemokrat zu thun gewagt hätte. Ja die antisemitischen Blätter zeihen sogar die „Jüdisch-Freisinnigen" des „Byzantinismus." Wird dieser neue Anlauf der Antisemiten die noch Denkenden im Volke in die Bewegung Hineintreiben? Wir können diese Frage getroft mit Nein! beantworten, indem wir uns ein anderes Symptom dieses neuen Anlaufes vor Augen halten. Bon den Champions des Antisemitismus in Berlin und Wien werden Besuche ausgetauscht. Unser Vergani war in den letzten Tagen in Berlin und Magdeburg und für Donnerstag den 3. Dec. wird ein Besuch und Vortrag des De. Ahlwardt aus Berlin in einer christlich-socialen Versammlung beim Dreher angekündigt. Wenn also ein Vergani und ein Ahlwardt die Sendlinge des Antisemitismus von Hüben und von Drüben sind, wie kann ein ehrlicher Mensch Antisemit werden? Wer und was unser Vergani ist, wissen wir Alle zur Genüge: den Dr. Ahlwardt kennen die Leser nur aus einzelnen Zügen: wir wollen ein Genrebild von ihn: skizziren. Herr Rector Ahlwardt ist einer der jüngsten aber der eifrigsten antisemitischen Agitatoren Deutschlands und auch eigentlich gar kein Antisemit. Als er vor einigen Wochen in Pforzhein: e:nen Vortrag gehalten und von einem von ftüher befreundeten Kaufmann privatin: befragt wurde, warum er denn antisemitische Vorträge halte und auf die Juden so schimpfe, antwortete er, er sei gar nicht Antisemit, habe aber Weib und Kinder und sei ohne Erwerbszweig. Gäbe ihm ein Jude eine Stelle, so würde er seine Stellung als Agitator sofort niederlegen. Herr Rector Ahlwardt hat auch alle Ursache den Juden dankbar zu sein. Erst am 9. Februar 1884 erließen in seinem Interesse der damalige Geh. Hofrath Manche, ein israelitischer Bankier und ein freisinniger Redacteur ein „vertrauliches Bittschreiben" an wohlwollende Menschenfreunde, wahrscheinlich an lauter Juden und es gingen auf dieses Bittschreiben viele tausende Mark für Herrn Rector Ahlwardt ein, er behauptet sogar, es wären 40— 50.000 Mark gewesen, er hätte aber von dem Bankier blos 2000 Mark bekommen, was ihn zur Erbitterung bis zur Denunciation der Herren Unterzeichner jenes Bittschreibens wegen fOrdensschwindels brachte. Selbst der antisemitische „Reichsbote" schrieb noch nach dieser Denunciation: „Sein (Ahlwardts) Erfolg ändert zunächst nichts an seiner moralischen V e r u r t h e i l u n g. Haben damals Manche und der Bankier Meyer sich Ahlwardts und seiner Angelegenheiten aus selbloser Nächstenliebe angenonmen, so ist die Rolle, die jetzt Ahlwardt gegen sie spielt nicht schön; haben diese ihn aber nur als Mitwisser ihrer Geschäfte dadurch sich verbinden wollen und ist Ahlwardt darauf in irgend einer Form eingegangen, so ist sie noch schlimmer". Herr Rector Ahlwardt ist aber darum gerade eine Koryphäe des Antisemitismus geblieben und ist eine unschätzbare Kraft geworden, für den neuen Anlauf, den dieser jetzt nimmt. Bei dem Prozesse wegen Corruption, Qrdenschwindel und Beamtenbestechung, welcher vor einigen Monaten vor dem Berliner Gerichte durchgeführt worden, entpuppte sich dieser Herr Rector Ahlwardt als der eigentliche Mackler, Zuhälter und Zuträger der hofräthlichen Ordenschacherer, gegen welche er wiederholt Erpressungen verübte und als diese nicht fruchteten, mit Denunciationen vorging. Herr Ahlwardt hat auch noch andere Großthaten im Antisemitismus zuwege gebracht. So hat er in einer der vielen Brochüren für die „heilige Sache" „Enthüllungen" über die Attentate Hödel's und Nobiling's gemacht und einen Herrn Goldstein in Verbindung mit diesen Attentätern gebracht. Nun hat der genannte Herr Goldstern aus Wiesbaden einen Brief an die Berliner Tagesblätter gerichtet, worin er Herrn Ahlwardt als Lügner und Verläumder bezeichnet und die gerichtliche Verfolgung Ahlwardt's anzeigt. Welchen Glauben Herr Ahlwardt bei der preußischen Polizei und den preußischen Gerichten genießt, beweist der Umstand, daß sie sich gar nicht veranlaßt sehen, gegen diesen Goldstein einzuschreiten. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte aber bereits einmal Gelegenheit, gegen A. die Untersuchung wegen Unterschlagung einzuleiten. Für Herrn Vergani indessen blieb er ein classischer Zeuge von tadelloser Glaubwürdigkeit. Ahlwardt und Vergani sind zwei verwandte Charaktere, die Zeugnisse, welche der W i e n e r „Ahlwardt" von Schönerer und Pattai erhielt sind wörtlich gleichlautend den Zeugnissen, welche die Berliner Genossen ihrem — „Vergani" ausstellen. Donnerstag Abend werden beide Herren sich zusammen vor den Wiener „Genossen" präsentiren, es wird nicht gestritten werden, wer von beiden der größere sei, in der Erkenntniß des Glückes, „zwei solcher Kerle" zu besitzen. Das Christenthum mußte Sendlinge w»e den jüdischen Zeltweber aus Tarsus haben, der Antisemitismus kann keine anderen Sendlinge brauchen als solche wie die Herren B er - g a n i und Ahlwardt. Danken wir Juden Gott, daß es so ist, daß sich an diesen Aposteln des Antisemitismus zeigt, was der Antisemitismus ist. Wir haben daher alle Ursache Herrn Ahlwardt. ein Willkommen in Wien zuzurufen. Uns graut nicht vor dem neuen Anlauf des Antisemitismus und auch nicht vor einem allerneuesten, wenn nach dem Mißlingen dieses noch einer gewagt werden sollte. Solange Moral und S itte noch einen Cours unter Menschen haben, wird der Antisemitismus diese schlechteste und von den schlechtesten Subjetten geführte Sache, nicht siegen. Nus London. Es gibt kein größeres Unrecht, als den Juden nachzusagen, daß sie sich der Bevölkerung des Landes nicht assimiliren. Man wird im Gegentheil überall sinden, daß die Juden die charakteristischen — guten und schlechten — Eigenschaften ihrer Landsleute sehr bald annehmen. Der englische Jude vollends ist nichts weniger als Kosmopolit; er ist zuweilen sogar englischer als der Engländer. Das mag vielleicht mit den allgemeinen politischen Verhältnissen des „fteien England" Zusammenhängen, aber es ist gewiß, daß nur in diesem Lande ein Ausdruck wie Engüsh Iudaism hat erfunden werden können. Thatsächlich ist es, daß das Judenthum als solches mit irgend einer bestimmten Nationalität ebensowenig zu thun hat, als etwa der Protestantismus. Gemeint ist mit jenem Ausdruck wahrscheinlich die englische Judenheit, aber die liebe Gedankenlosigkeit vorlauter Weltverbesserer hat sich desselben bemächtigt und ist stolz auf ihn wie auf eine Entdeckung. England ist aber auch ein ttrchliches Land. Nur hier ist eine „Heilsarmee" möglich, die nachgerade nicht nur ein kirchlicher» sondern auch ein einflußreicher sozialer Factor geworden ist. Wir können sehen, wie ihr Einfluß im English Iudaism deutlich sichtbar ist. Auch die Juden in England sind ttrchlich. Kirchlich aber, das wird jeder zugeben ist nicht immer gleich bedeutend mit religiös. Das wesentlichste Merkmal dieses English Iudaism — womit aber nicht das offizielle, sondern das papierene letztem