Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 864 Oesterrrirtzifchr Wochen schrifk. Nr. 48 könnte aufgeworfen werden in Australien, im Caplande und in anderen englischen Colonien, ebenso in allen Republiken des amerikanischen Erdcheiles, von den Vereinigten Staaten an- , gefangen bis dort, wo das Kreuz des Südens erglänzt, bis hinunter nach Brasilien. Und diese Frage wird wirklich gestellt in Rußland, nicht blos in den Ostseeprovinzen, — in Polen, am Hofe des Czaren und in den hohen russischen Militärregionen und überall wo Deutsche in Rußland Besitz, Stellung und Einstuß haben, diesseits wie jenseits des Kaukasus. Ueberall, in jedem Lande der alten und neuen Welt, werden von dem brutalen Fremdenhaß mehr Deutsche als Juden getroffen und geschädigt. Mit welchen! Rechte beklagt man sich über dm Dmtschenhaß in Rußland? Das Dogma wird ja von Deutschen gepredigt und wird nachgelallt in Oesterreich, die gutm Eigenschaften fallen nicht ins Gewicht; man haßt nach der Lehre Dr. Steinwenders die fremde Art. Ein Staatsmann, nicht ein Staatsmann beim „Wilden Mann" in Währing, sondern ein Staatsmann, der wirklich regiert, der kann sich vielleicht über derlei Rücksichten hinwegsetzen und er kann, indem die Grmzen der Nation, deren Wohlfahrt er überwacht, für ihn mit den Grenzen des Staates zusammenfallen, auch die Fremden, selbstverständlich auch die wirklich Fremden über die Grenzen weisen. Einem solchen Staatsmanne ist die nationale Idee uur Fundament und Kitt seines Staatsbaues. Ga«z anders verhält es sich mit dem Führer einer nationalen Partei. Wir wollen nicht untersuchen, ob der Antisemitismus des Dr. Steinwender die schwarz-roth-goldenen Farben trägt; tricolor, bleifarbig ist er unter allen Umständen. Der Führer einernationalen Partei ist jedoch verpflichtet, auch die Aistenzbedingungen der Deutschen zu erwägen, die ihr Brot in fremden Ländern verdienen. In Hinblick aus diesen Umstand ist der tricolore Antisemitismus der „deutschnationalm Parlamentarier ein Unding, ein Unsinn wie man beim „Wilden Mann" sagen würde. Ob das Judenthum gut oder schlecht ist, das kommt nicht in Frage, die Art ist es, die man bekämpft. Was könnte denn der tricolore Antisemitismus antworten, wenn man den Deutschen in allen Zonen und in alleu fremden Ländern sagen würde: „Ob ihr gut seid oder schlecht, in der Art da liegts und wir bekämpfen die fremde Art." Vor vier Jahrtausenden da wurde es den Juden ans Herz güegt: „Ihr sollt den Fremden liebevoll behandeln, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizraim." Wir denken, diese Mahnung ist auch für die Deutschen bestimmt: „Seid freundlich mit den Fremden, die ihr als Fremde wohnt in vielen Ländern." Was die Juden in den civilisiUen Ländern betrifft, so muß man von aller Wirklichkeit abstrahiren, muß den Thatsachen Gewalt anthuu, wenn man vom Judenthum die „Art", die „fremd: Art" hervorheben will. Durch ihre Theilnahme anr politischen Leben, durch ihre von allerhöchster Stelle anerkannte Vaterlandsliebe, durch ihre Empfänglichkeit für die ganze Bildungssphäre der Stationen beweisen die Juden hinreichend, daß sie keine Fremden sind und daß es aller Wahrheit widerspricht, wenn man chnen, soweit politische, nationale und sociale Interessen danrit in Berichrung kommen, eine ftemde Art andichtet. Man haßt an den Juden die Concurrenz, man mißgönnt ihnen den Platz, den sie am Tische des Lebens beanspruchen. Gerade aber zeigt es sich, daß der Antisemitismus nur möglich ist, wenn man jedes Wahrheits- und Rechtsg fühl verleugnet. Ist es denn den Angehörigen einer Religionsgenossenschaft als Fehler und nicht vielmehr als Vorzug anzurechuen, wenn sie im Kampfe ums Dasein sich zu behaupten vermögen. — Wenn diese Juden nicht den Anforderungen der Gesellschaft zu entsprechen vermöchten, in deren Mitte sie leben, wenn sie im Wirthschaftslebrn nicht glichen Schritt mit den Andern zu halten vermöchten, wenn sie keinen Enthusiasmus hätten für Kunst und Wissenschaft, keinen Sinn für den Glanz dcs Lebens, dann wären sie fremd und dann könnte man die „An" ihnen zum Vorwurf machen. Aber nachdem der Antisemitismus sich aus Neid, Mißgunst und Lüge zusammensetzt, hat er seine Quelle gerade in jenen Eigenschaften und Leistungen, durch welche die Juden dokumcntiren, daß sie mit dem Volke eins geworden sind. Die Juden haben nicht bei Trinkgelagen ihre Begeisterung für die schwarz-rothgoldene Fahne gezeigt, sie waren in den östlichen Ländern die Vertreter deutscher Civilisalion und sie wurden auch als Deutsche gehaßt und verfolgt, wie man dort anderseits die Deutschen mit den Juden identifizirt. Ist es doch auch in Wien vorgekommen, daß Christen mit antisemitischen Schimpfworlen regalirt wurden, weil sie reines Deutsch gesprochen hatten. Nicht weit vom „Wilden Mann" in Währing, da wird das dialectfreie Deutsch auch als „fremde Art" betrachtet. Was aber ist „deutsche Art", der die Juden sich nicht zu fügen vermögen? Den Connationalen gerade dann in den Rücken zu fallen,'wenn sie nationalen Gegnern gegenüberstehen — jüdische Art ist es nicht -— ist es vielleicht „deutsche Art" oder nur antisemitische Unart? Der Versammlung beim „Wilden Mann" hat Dr. Otto Steinwender den Befähigungsnachweis für seine Führerschaft erbracht, und er hat bewiesen, wie inan in der deutschnationalen Partei die — deutsche Treue versteht. Die Thesen Dr. S t e in w end e r's decken sich mit dem Glaubensbekenntnisse Georg Schöne rer's. Der Herr Professor will das politische Erbe antr-eten des Schloßherrn von Rosenau. Dr. Otto Steinwender ist seinem Vorgängergewiß überlegen an Wissen und Bildung; aber es fehlt ihm das Temperament, die agitatorische Kr-aft des Schönerer. Auch die Geldmittel kommen da in Betracht; Georg Schönerer konnte vermöge seines Reichthums feine Uneigennützigkeit im öffentlichen Leben beweisen; er bezahlte mit seinem eigenen Gelde seine politischen Gsiolge. Georg Schönerer ist als reicher Gutsbesitzer gegen Angriffe geschützt, welche, wenn man politischen Einfluß erstrebt, gerade in antisemitischen Kreisen stark fürchten muß. Ueber die Gegner des Voltswesens und der Race, über das richtige Verhältniß zwischen dem nationalen Gefühle und weltbürgerlichen Gesinnung, über den Zusammenhang jeder fortschrittlichen Bewegung lassen sich ganze Bücher schreiben. Wir begnügen uns mit der Bemerkung, daß der Antisemitismus des Dr. Steinwcnder mit dem chinesische n Staatssystein identisch ist. Die Abschließung führt zur Erstarrung, zuweilen auch zu einem Sozialismus, der die Stimme an die Stelle der Nation, die Bezirke an die Stelle des Reiches treten läßt. Wer die nationale Gesinnung und das nationale Bekenntniß zum Ausdrucke eines brutalen Egoismus macht, der kann in der einen Hand die Tncolore schwingen, mit der anderen zerstört er die Wurzeln des nationalen Lebens, tödtet er die Empfindungen aus denen eine Nation Einheit und Geist schöpft. Ordensmakler Ahlwsrdt in Wien. Im Lager der Antisemiten wird's wieder lebendig. Fast zwei Jahrzehnte lang schon an der Arbeit, den Grundpfeiler des neuzeitlichen Staats- und Gesellschaftsbaues, die Gleichheit der Bürger, umzustürzen, haben sie eigentlich bis jetzt doch noch keinen eigentlichen wesentlichen Erfolg zu verzeichnen. Der Antisemitismus wurde in unzweideutigster Weise von regierenden Häuptern, von Kirchenfürsten und Kirchenbehörden, von den Leuten der Wissenschaft perhonescirt, die besten deutschen Männer haben sogar einen förmlichen Kampf gegen ihn organisirt, und, was das Tröstlichste ist, der Fortschritt dcs größeren Theiles des Volkes in Bildung und Aufklärung leistete '^der antisemitischen Agitation tapferen Widerstand, so daß der Antisemitismus doch immer nur als die Uraka des Pöbels betrachtet wurde und jeder nur halbwegs anständige Mensch ein Gnlseln wie bei der Berührung von Mollusken empfand, wenn er mit einem Antisemiten verkehren mußte. Nun scheint es aber, daß die Führer einen neuen, stärkeren Anlauf nehmen wollen, um endlich doch zu einem Ziele zu kommen und dieser neue Anlauf erfolgt wahrscheinlich par oidre du mufti in Friedrichsruh, denn Bismarck, der den I Antisemitismus geschaffen, will auch sein Regenerator sein, um , in dem Winsal, den die Antisemiten anrichten werden, wieder