Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 48 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 Orstrrrrichi fchr Wochenschrift. Sette 883 wie cs nur gcwünscht weiden kann, vom Erfolge begleitet wird, dann ist bewiesen, daß diese Oberin die jüdische Mathematik besser versteht als der Msgr. Dr. Sch eich er. Ein Anekdotenerzähler muß vorsichtig sein, um mit der Pointe seiner Anekdote nicht einen Anwesenden zu verletzen. Beim Eskeles sand der Moischeles dcch wenigstens— Zutritt; dagegen nmb es dcm hilfsbedürftigen Arier oft genug unmöglich sein, die Bitte, die er vorzutragen hat, einer gnädigen Herrschaft überhaupt zu Gehör zu bringen. Ein Gras von unzweifelhafter arischer Abstammung hatte das Malheur in einer Campagne am Spieltische nach und nach anderthalb Millionen Gulden zu verlieren. Als das Frühjahr kam, sah er sich gezwungen mit der genannten Summe seine Güter zu belasten. Gleichzeitig schrieb an ihn ein armer Verwandter, er möge ihm, da er sich nur aus seine mageren Beamtengehalt angewiesen sehe, das Geld zu einem schwarzen Anzuge schenken, den er bei seiner bevorstehenden Trauung in der Kirche brauche. Der Graf aber schrieb als Antwort, sein Vermögen reichenicht so weit, daß er sich solche Wohlthätigkeitsaufgaben gestatten dürfe. Das ist eine wahre Geschichte. Der Msgr. Dr. S che i ch er hätte sie ruhig erzählen können; sie hätte im Sophiensaale nur dann Entrüstung heworgenlfen, wenn cs sich um einen Juden gehandelt hätte. Warum hat es der Festredner versäumt die Wohlthätigkeitsakte der Antisemiten namhaft zu machen? Hätte er nicht ivenigstens daran erinnern können, wie die Antisemiten sich gegenüber der Rettungsgesellschast benommen haben und wie gegenüber der Aktion zur Speisung der hungernden Schulkinder. Bei der Rettungsgesellschaft sind eben jüdische Aerzte thätig aus reiner Menschenliebe, ohne Lohn und Dank, mit seltener Aufopferung und die Aktion für die hungernden Schulkinder ist das Verdienst eines jüdischen Journalisten. Die Antisemiten aber standen diesen Wohlthätigkeitsschöpsungen feindlich gegenüber; aus richtigem Jnstinct, denn die Verrohung, die sie erstreben, wird durch Wohlthätigkeitsaete aufgehalten. Man sollte das hungernde Schulkind Hinauswersen und es hieß dcch nicht Jacob und nicht Moischeles. Was hat Fürst Liechtenstein, was haben alle antisemitischen Größen, welche mit chm über das Leid des „armen Mannes" die rührendsten Klagelieder anstimmen, welche das Herz zerreißen, zu sc inen Gunsten je gethan? Wo ist das Jnstitrrt, welches der Opferwilligkeit dieser Hen'en sein Dasein dankt und welches dazrr dient, der Noth der armen Volksschichten Abhilfe zu bringen? Als cs galt für die armen Leute ein Kinderfpital zu gründen, rvandte man sich an einen fünfzigfachen Millionär arischer Abstammrurg und dieser Herr berief sich auf sein Princip —nichts zu geben; nun wandte man sich an^ einen Juden und dieser gab sofort die Zusage, das Haus arrf seine Kosten erbauen zu lassen. Handelsminister Marquis Baquehern erinnerte gestem an die im Jahre 1886 durch den drohenden Verfall der kleinen Eisenindustrie in Niederösteneich und Oberösteneich hernorgerufene Hilssthätigkeit. In Niederösterreich habe sich unter der zielbewußten verständnißvollen Leitung der als „verjudet" geschmähten Wiener Handelskammer einedurchausselbständigeHilfsactionenttoickeltzund ohne die Mittel des Staates irgendwie dabei in Anspruch zu nehmen sei ein Hilfsfonds voll 100.000 ft. ausgebracht worden. Fürst Liechtenstein hat für den anneil Mann nur Thränen und Seufzer, bestenfalls eine Amveisnng auf den Staat, welcher derlei Anweisungen bis dato ncch l icht honorirt hat. Wer ist hier der Moischeles, wer der Eskeles? Dem Msgr. Dr. Scheicher aber wurde zum Dank für seine Anekdoten ein Lorbeerkranz überreicht cmd diese bedeutungsvolle Handlung sagte mehr als alle Reden der Festversammlung. Es ist damit ausgesprochen, daß der Antisemitismus nicht nur gegen die Juden sich richtet, sondern der wichtigste Bundesgenosse ist im Kampfe gegen Freiheit, Wissenschaft, Schule und Aufklärung, im Kampfe auch gegen alle Institutionen, welche aus dem reifenden Gerechtigkeitssinn in Staat und Gesellschaft hernorgegangen sind. Und so gingen die Drei nach Hause, der Prinz Liechtenstein, Dr. Scheicher und Dr. Lueger und Jeder glaubte der Gescheidteste zu sein und daß die Andern zu seinem Vortheile arbeiten müßten. Wer wird den Profit haben, der Antisemitismus, der Feudalismus oder der Clericalismus? Wir lvollen hoffen, daß alle Drei sich selber betrügen und daß die Zeit ihnen einen Strich durch die Rechnung nmchen wird. Der trirolore Antisemitismus. Der Reichsraths-Abgeordnete Dr. S t-e i n w e n d e r war herablassend genug, um in der Wolssschlucht des Antisemitismus gleichsam, um in Währing am letzten Tage des November selber die Lichter anzuzünden, welche die diplomatischen Momente seiner Führenolle beleucht.'!?. Er sprach als Anti-Plener und als Antiseniit. Die Zuhörer-, welche die Throne sofort ins Praktische Überzügen, indem sie fünf Berichterstatter aus dem Saale hinausbeförderten, fühlten sich von dem Bortrage befriedigt und erbaut; auf uns aber haben die Thesen des Dr. Steinwcnder einen ganz eigenartigen Eindruck gemacht. Der ganze Jammer der Zeit starrte uns aus diesem Vortrage entgegen. Das also ist die Aufgabe dcs Führers einer Partei, welche die Vertheidigung des Deutschthums und das Verständniß der deutschnationalen Idee für sich in Anspruch nimmt, daß er das, was gemeine Gesinnung und beschränkte Anschauung am Biertische zu Tage förderte, ins Akademische übertragen, sozusagen als wissenschaftliches Princip einer nationalen Politik proklamire. Das Judenthum ist etwas Fremdes und der fremden Art muß man die Duldsamkeit verweigern. Das war die Summe der Weisheit in dem Steinwender'schen Vortrage und wemr wir dieses abgedroschene Thema neuerdings zur Discussion bringen, so geschieht dies eben, weil wir den Bedingungen der Gegenwart uns fügen müssen. Wir denken mit Schiller: „Es gab schönere Zeiten und ein edler Volk hat einst gelebt"; man braucht'da gar nicht weit zurückzugreifen, um bei der Periode anzulangen, wo die hervorragenden Mitglieder unseres Parlaments sich geschämt hätten, die Judenfrage in einem öffentlichen Vortrage zu berühren oder die Existenz einer solchen Frage überhaupt anzuerkennen. Jetzt aber geht es nicht ohne die Judep, wie Dr. Otto Steinwender in unfreiwilliger Selbstironie es in seinem Vortrage selbst ausgesprochen hat. Es ist doch etwas anderes, wenn Einer blos spricht im Interesse des Erwerbes oder wenn er im Namen einer Nation das Wort führt. Für den Brodneid endet die Welt mit der nächsten Gasse und nur aus dem engen Bezirke, wo seine Kunden verkehren, möchte er die Juden verbannt wissen. Von dem Führer einer Partei jedoch, die den stolzen Titel „Deutschnational" führt, dürfte man erwarten, daß er die Verhältnisse kennt rurd berücksichtigt, unter denen zahlreiche Glieder der deutschen Nation ihre Existenz behaupten. Es gibt keine zweite Nation, welche in so vielen Ländem der verschiedenen Zonen das Gastrecht in dem Maße in Anspruch nimmt, wie die deutsche Nation und es stellt sich beim ersten Blicke eine verzweifelte Aehnlichkeit mit den Juden heraus. Sind die Deutschen in Ungarn als Fremde zu behandeln oder als vollberechtigte ungarische Bürger? und wie denkt sich Dr. Steinwender die Stellung der Deutschen in Rumänien und in den andern Balkanländern? Man kann eine Reise um die Erde machen und man wird nur wenige Länder betreten wo diese Frage sich nicht wiederhott. Diese Frage