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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-27 · 47 (27.11.1891) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
47 (27.11.1891)
Date
1891-11-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 47 Oesterreichische Wochenschrift. Seite 877 Feuilleton. Ein Märtyrer. Von Luise Freyhan in Breslau. VI. (Schluß.1 Erst im Gefängniß, als man ihm die Folter androhte, erwachte er wieder zum vollen Bewußtsein seines Elends. Auch die Folter wurde an ihm vollzogen, ohne daß er sagen konnte, was er ja nicht wußte. Um die Marter zu verschärfen, hatte man Frau Esther gestattet, ihren unglücklichen Mann im Kerker zu besuchen. Sie fand ihn auf seinen Schmerzenslager, Hände und Füße von schweren Ketten belastet. Sie wurde gefragt, ob sie die Qualen ihres Mannes enden wolle und den Sohn zur Stelle schaffen. Da versprach sie, wenn sie je den Aufenthalt des Sohnes erfahren sollte, ihn preis zu geben, um das Leben des theureu Gatten zu retten. „Mit seiner Seele willst Du mein Leben erkaufen?" fragte Isaak mit matter Stimme. „Wenn Gott kein Licht in dieses Dunkel wirft dann will er's so, und sein Wille geschehe." Schwankend verließ sie den Kerker, und als sie über die Schwelle ihres Hauses trat, wich Sarah, die treue Dienerin, entsetzt vor dem Anblicke der Herrin zurück. Schneeweißes Haar deckte Esthers Haupt. Von nun an hatte die arme Frau nur eine Sorge: Die Befreiung des Gatten. Tausend Pläne gingen ihr durch den Kopf, und nach einiger Ueberlegung erschien ein jeder unausführbar. Ihre erste Hoffnung hatte sie auf mich gelegt; sie fand meine Zelle leer und Niemand wußte ihr über mein spurloses Verschwinden zu sagen. Ein böser Argwohn stieg einen Augenblick in ihre Seele: Das Kind und der Freund waren in der nämlichen Nacht verschwunden, wo war er hingekommen? Wenn sie die Spur des einen fand, konnte sie vielleicht die des anderen finden. Es bedurfte nur eines einzigen Augenblicks der Ueberlegung, Gräfin Berchthold mußte wissen, wenn es überhaupt Jemand wußte, wohin der Priester gewendet hatte. Hanna eilte auf's Schloß, sie sah den kleinen Sohn der Gräfin mit den Hunden im Hofe spielen. Der Schmerz wollte sie überwältigen bei dem Anblick des Kindes und doch beflügelte dieser Anblick ihren Muth; sie wußte, daß sie auf die Sympathien der (christen nicht zu rechnen hatte, aber sie hoffte daß die Mutter, die Mutter verstehen würde. So trat sie ins Haus und bat den Diener, sie der Gräfin zu melden. Die Gräfin sei nach Prag gegangen, um der Kaiserin Maria Theresia, bei ihrem Besuche daselbst, die Aufwartung zu machen. Dieses Mort traf die unglückliche Frau wie ein Donnerschlag, in dumpfer Verzweiflung trat sie auf den Hof hinaus, als ein gellendes Kindergeschrei sie erschrocken aufblicken lietz. Der kleine Knabe mit einer großen Peitsche bewaffnet, hatte zuerst nur aus die Jagdhunde losgeschlagen, die winselnd und kläffend auseinanderfuhren. Als er sich aber an den großen Kettenhund wagte und ihm ein wenig zu nahe kam, fuhr das Thier mit wüthenden Geheul auf den Knaben los und schnappte nach seinen Bein. Laut schreiend flog das Kind in Esthers Arme, die sie ihm mütterlich öffnete, barg sein Köpfchen an ihren Busen, stampfte mit den Füßen und ward lange Zeit nicht zu beruhigen. Endlich nahm ihn Esther bei der Hand und sagte freundlich zu ihm: „Du nrußt die Peitsche fortlegen, was haben Dir die Thicre gethan, daß Du sie schlägst? Das ist nicht hübsch von Dir. Der^Knabe warf hochmüthig den Kops zurück, sah die Fremde mit stahlharten blauen Augen an und rief: „Ich werde sie doch peitschen. Denn die Hunde sind schlecht." „Was haben sie Dir gethan?" fragte Esther. „Sie brauchen mir gar nichts gethan haben, und sie sind doch schlecht. Denn wer unserem Herrn und Heiland nicht folgt, der ist schlecht und das thun sie doch nicht, darum sind sie schlecht. Siehst Du der Pader Antonio hat meiner Mutter auch nichts gethan und sie sag', daß er ein böser Mann ist und daß ihn unser Herr und Heiland schon bestrafen wird. Und der Gabriel, weißt Du, der hat meiner Mutter auch nichts gethan, der ist noch viel schlechter; denn der hat den Judenknaben fortgeführt." „Wen, wen" stammelte die unglückliche Mutter. „Na, weißt Du nichts? Den kleinen Löw' des Juden Jsaak's Sohn, und unfern Wagen hat er sich genommen. Aber nur für den halben Weg, dann hat er den Kutscher zurückgeschickt." „Und wohin" stammelte Esther." „Ja wohin?" fuhr das Kind in seiner altklugen Weise fort, in's Kloster hat er ihn nicht gebracht. Denn der neue Priester, der jetzt bei uns ist, hat's gesagt. Aber er soll nur kommen der Gabriel, der Kettenhund wird losgelassen, und der wird ihm schon seine Strafe geben. Und wenn ich groß sein werde, so werde ich auch nicht meinen Eltern folgen und Niemanden auf der Welt, sondern nur unfern Herrn und Heiland." Einen Blick unsäglicher Trauer warf Esther auf das Kind. „Gott! Gott! Wenn je ihr eigenes so fühlen und denken sollte! Ihr eigenes Kind! Sie wußte also jetzt, daß Gabriel es fortgeführt hatte, sollte sie seine Spur verfolgen? Und wenn sie das geliebte Kind wieder hatte mußte sie nicht mit ihm, mit seiner Auslieferung in die Hände der Feinde, das Leben des theuren Gatten erkaufen? Der Kampf war hart, daß Bild des allzusehr gequälten Mannes stand vor ihrer gemarterten Seele, und doch ließ sie Tage verstreichen, ohne weitere Nachforschungen nach ihrem Kinde zu thun. Da eines Morgens stand Gabriel vor ihrer Thür, seine Füße waren nackt und wund vom Gehen, sein Gewand zerrissen: aber noch mitleiderregender war das von Neue und Schmerzen durchfurchte Antlitz. Esther hatte ihn sogleich erkannt und wie sein Schatten auf die Schwelle fiel war es ihr als ob das letzte Berhängniß ihr nahe. Sie winkte ihm schweigend einzutreten, sie reichte ihm Wein und Brod zur Erquickung. wies es von sich. „Verzeihung," murmelte er, und sank zu Esthers Füßen, „hört meine Beichte! Ich mag nicht Speise und Trank, meine Seele lechzt nach Eurer Vergebung. Stumm beugte sich Esther zu den Unglücklichen nieder, der ihr, von heftigen Schluchzen oft unterbrochen, seine ganze Schuld bekannte. Aber fuhr er endlich fort, als Pater Antonio mein Gewissen geweckt hatte, da wollte ich gm machen, indem ich Euer Kind in Sicherheit brachte. Ach, ich wußte ja nicht, das dies die Quelle unsäglichen Leidens für Euch und Euren Galten sein würde! Ich weiß es erst jetzt, wo Euer weißes Haar mich lauter als Euer sanfter Mund mich anklagt, für alles, was ich Euch gethan habe. Aber seid getrost, theure Frau, Euer Kind ist ja in den besten Händen." Esther machte eine schmerzliche abwendende Bewegung. Sie wagte nicht, dem Sprecher Schweigen zu gebieten, und doch scheute ihre Mutterliebe davor zurück, den Aufenthalt des Kindes zu erfahren und das holde Wesen opfern zu müssen. Gabriel verstand Esthers Bewegung nicht, er legte die Hände betheuernd auf die Brust: Ich schwöre es Euch das Kind ist in den besten Händen, es ist in Prag. Esther lies ihn nicht ausreden. „In Prag wiederholte sie, und ein Gemisch der widersprechendsten Empfindungen lag in diesem Tone; Entzücken, Verzweiflung, Hoffnung und Trauer. Ein Entschluß reifte in der Seele der hartgeprüften Frau, sie mußte nach Prag; dort sollte sie ihres Gatten und ihres Kindes Schicksal erfüllen. Sie hatte nicht den Muth, den unglücklichen Gabriel fortzuschicken. Nicht als ob sie den harten Worten des Kindes Glauben beimaß und fürchtete, daß man ihm im Schlosse der Wuth der Hunde aussetzen würde. Aber Gabriel betheuerte, daß er das Leben nicht ertragen könne, wenn er in Angst und Ungewißheit Zurückbleiben müsse. Er wollte sie zu ihrem Kinde führen und dann sich selbst den Gerichten stellen, um seine Schuld zu büßen. So reisten sie nach Prag; aber zu Gabriels großen Erstaunen fragte Esther weder in der Wohnung noch in der Stadt nach der Wohnung des Kindes. Ja, als sie in die Herberge kam, befahl sie Gabriel ausdrücklich, da zu bleiben und ihr nicht zu folgen. Sie mußte den Schritt, den sie thun wollte, ganz allein thun, ntlr den Rath eines einzigen Mannes, des weltberühmten, vortrefflichen Rabbiners von Prag wollte sie hören. Rasch war die Wohnung des berühmten Mannes gefunden. Sie trat in das bescheidene Haus, sie stieg die schmale, hölzerne Treppe hinauf, ein silberhelles Kinderlachen taute aus der Stube, sie klopfte leise an die Thür — und als sie öffnete, sprang ihr der kleine Löw, ihr süßes, vielbeweintes Kind lachend entgegen. So wie es jetzt Esther zu Muthe war, mußte Jephta zit Muthe gewesen sein, als ihm die Tochter entgegentrat, die sich selbst als Opfer anbot. Esther preßte das Kind in unsäglichem Jammer und unaussprechlicher Freude an ihr Herz; dann schüttelte sie vor dem edlen Rabbi ihre ganze betrübte Seele aus. Sie verhehlte ihm nicht, daß sie den Peinigern ihres Gatten das Versprechen gegeben habe, das Kind zu bringen, sobald sie es gefunden haben werde. Sie habe gehofft es nicht eher zu finden als bis sie das Angesicht dee Kaiserin gesehen und diese Schutz versprochen haben würde. „Und nun" tröstete der Rabbi freundlich, „wird Euer holdes Kind Euch bitten helfen."

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