Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-27 · 47 (27.11.1891) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
47 (27.11.1891)
Date
1891-11-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020895--00908-3024921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

GWMWAMM^WVWWW! Seite 872 Berlüt. sEine jämmerliche Niederlage des Antisemitismus). In Berlin haben Ergänzungswahlen zur S t a d t v e r o r d n e t e n - B e r s a m m l u n g ftattgefunden. Ein besonderes Interesse knüpfte sich bei dem herrschenden Wahlinodus nur an die Ergebnisse, die in der dritten Abtheilung erzielt worden sind. In der dritten Abtheilung nun ist der Aussall ein solcher, wie man chn erwarten mußte. Die antisemitische Bürgerpartei wurde, soweit sie 'betheiligt war — man kann sagen — gänzlich vernichtet; sie brachte nicht einen einzigen Kandidaten im ersten Wahlgang durch. Gewählt wurden im ersten Wahlgang sechs Sozialisten und drei Liberale. Die Sozialdemokraten werden künftig in der Stadtverordneten- Bersammlung 13 oder 14 Mandate statt wie bisher 10 besitzen; sie haben also einen neuen Ausschwung zu verzeichnen; und das mußte nach den letzten Reichstagswcchlen erwartet tvcrden. Die Liberalen werden dagegen voraussichtlich in etwa gleicher Stärke oder doch nur ganz unerheblich schwächer in das Rathhaus zumckkehreu. Die Antisemitenpartei ist aus der Eommunalvertretung gänzlich verschwunden. Berti», 18. November. In der gestrigen Sitzung des Reichstages Hai bei Berathung einer Petition um Revision des Wuchergcsetzes a>cit Viel»ermann von S onncnberg abermals das antisemitische Roß getummelt. Während sein „Genosse" Bocket in ungewohnter Zurückhaltung aus eine sachliche Auseinandersetzung sich beschränkte, dcklamirte der Abgeordnete für Zw-genhals-K udUmm: „Wir freuen uns, das: die Regierungen unseren Wünschen entgegenfommeu. Bei der leisten Besprechung des Gegenstandes har Abgeordneter Rickerr mir vorgeworfen, daß ich eine graste Elasse geachteter Mitbürger an den Pranger gestellt habe. Das; die jüdischen Bruche.er geachtete Mitbürger sind, das kann ich nicht hingehen lassen. Herr Rick er: meint, die Juden hätten sich rroiz der jahrhundertelangen Bedrückungen und Ausräubungen moralisch rein erhalten. Ja so rein, wie die Herren Hirschseld, Wols, Fried länder und Sommerfeld «Heiterken; Rufe links: Maas:!> Das höchste Moralgesetz der Inden ist Heine der ralmnd: er steh: ihnen höher, als das Gesetz des Moses «Präsident v. Levevow ersucht den Redner, sich an die Petition zu halten. >. Wir gehen von der Voraussetzung ans, dast die jüdische Moral ans ihren Inhalt hin untersucht werden nun:." Hieraus erwiderte der Abg. Rickerl: Meine Herren, Cnate, wie sie der Herr Voredner hier gehalten har, sind sür mich in der Debatte ganz unconrrolirbar. Ich werde daher den Mahurus des Herrn Präsidenten solgen und nicht auf die Lache näher eingehen, sonst könnte ich dem Herrn Poredner, da er so eiratensüchtig, auch eine Reihe von «Zitaten vorlesen. „3der bekannte und geachtete Cardinal Havnald hat noch in einem kurz vor seinen rode erschienenen Hirtenbriefe erklärt: j Der Anlinmismiis ist nichts anderes, als eine Brutalität des Herzens und eine Brutalität des Geistes. Ich könnte noch eine Menge von andern Zitaten dem Herrn Vorreduer gegenüber geltend machen, indes: nur noch dies. „Es ist unwahr, dast der Talmud das «Gesetzbuch der Inden ist. Es ist unwahr, daß der Wucher von der jüdischen Moral erlaubt wird. Der Wucher gilt ihr genau so als moralisch verwerflich, wie nach dem christlichen Sittengesetz. Als D ssenbarnng des Jndenthnms gilt allein das alte Testament. Der Vorredner Hai die drei Fälle Hirsch seid, Wolf und Sommerfeld erwähnt. Ich halte diese Methode der Discnssion sür unerhört; es ist venverflich, aus solchen einzelnen Fällen allgemeine Klagen zu erheben. Mit Recht sagte die „Krenzzeimng" als hohe Adelige in sehr unangenehme Sittlichkensprocesse verwickelt waren, man würde wohl nicht die Stirn haben, ans den vereinzelten Fällen etwas gegen die hohe Aristokratie in Preußen herzuleiten. Ich habe hier eine ganze Mappe voll Concursen, Unterschlagungen und Bankerotten, an denen «Fristen zum Theil aus hohen Familien, fromme Leute betheiligt sind. Ich lehne es aber ab, aus solchen einzelnen Fällen irgendwie Capstal zn schlagen, „Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus", dem anzngehöreu ich mir zur Ehre anrechne — ich bedanre, dast die Hobe Aristokratie bci uns sich nicht so wie in D esterreich diesem löblichem Thun anschließt — geht gegen den Wucher vor. Unsere jüdischen Mitbürger sind jeder Zeit bereit dazu. Die antisemitische Presse hat ans dem Offenbnrger Fall in unverantwortlicher Weise gegen unsere jüdischen Mitbürger Capital geschlagen. Es ist wahr: es sind dort vier Juden verurtheilt und ein Christ. Gegen zwei Christen schwebt das Verfahren noch. Es ist wahr, daß unerhörte Dinge dort von den Wucherern begangen sind. Beim Lesen dieses Processes konnte man nur erstaunt sein über die Unwissenheit, Leichtfertigkeit und Leichtgläubigkeit der ländlichett Bevölkerung. Darf man aber aus einem solchen Fall Schlüsse ziehen aus alle Anhänger eines Glanbensbekenntnissrs? Ein Jude ist es getvesen, der die jüdischen Wucherer in Offenburg eim Staatsanwalt zur Anzeige gebracht hat! Ein Jude, Mitglied des TiX. 47 I Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, hat dort den 'Verein gegen den Wucher gegründet und dieser hat schon gegen den Wucher gewirkt. Obwohl in Baden nur ein oder einundeinhalb Procent Juden sind, so sind doch 20 Procent der Mitglieder dieses Vereins gegen den Wucher Inden. Seit Gründung dieses Vereins hat sich der Wucher in Baden erheblich gemindert. Die beiden einzigen Wnchersälle in Carlsruhe wurden von Christen verübt. Man hat 80 Fälle der Güterschlächterei in der Mark Nachweisen wollen. Aus dem Kreisblatt kann man aber gar nicht erkennen, ob das Güterschlächterei ist. In 52 Fällen haben wir ermittelt, daß der Verkam' gar nicht zu Stande gekommen ist. Ich weiß also nicht, welche 80 Fälle der Herr Lieb ermann meint. Wer sich mit solchen Mitteln begnügt, um Anklagen gegen die jüdischen Mitbürger vorzubringen, der kann alles beweisen. Die Güterzertrümmernng an sich ist doch nichts Verwerfliches. Die preußische Regierung hat uns das Rentengütergesetz einzig zn diesem Zweck vorgelegt. Die Behauptungen in dem Flugblatt über die sogenannte hessische Güterschlächterei haben sich als vollständig haltlos und unbegründet erwiesen. Ich verabscheue diese Methode, in dieser Weise Namen und Männer öffentlich zn brandmarken, und daß man sich nicht damit begnügt, diese einzelnen Personen ungerechtfertigt auznklagen, sondern daraus einen Strick dreht, um eine ganze Religionsgenossenschaft, mit der wir auf dem Boden der Verfassung in Ruh und Frieden;u leben die Pflicht haben, in empörender Weise anzngreifen. Ich hoffe, daß der bessere Theil unseres Volkes sich mit uns darin verbinden wird, diesem Treiben entgegenzuwirken. Wir sind alle Sünder, Christen und Juden, und haben die Verpflichtung, die Fehler des öffentlichen Lebens zn bekämpfen. Aber diese gehässige Art und Weise gereicht wahrhastig nicht zur Ehre. Ich fordere alle Parteien ans, sich die Hand zn reichen und diesem verwerflichen Treiben ein Ende zn machen" «Beifall links, Zischen rechts.). Gymuasial-Oberlehrer Dr. S. .Herrlich schreibt an die „Nationalzeitung" : „In der Sitzung des Reichstages vom 17. d. M. hat, nach dem Bericht der „Rar.-Ztg.", der Abg. L i e b e rm a n n v o n o n n e n b e r g n. A. behauptet, „daß die Juden auch schon im alten römischen Reich Wucherer gewesen sind." Nur megeit des Orts, an dem diese in der Antisemitenpresse öfters austretende Behauptung ersolgt ist, erlaube ich mir, daraus zuweisen, daß sich irnter den zientlich zahlreichen Stellen römischer und griechischer Schriftsteller, welche sich aus die Juden beziehen, meines Wissens auch nicht eine einzige befindet, in der gegen die Juden der Vorwttrs des Wuchers erhoben wird. Menschenhaß, Aberglaube und gleichzeitig — vom heidnischen Standpunkt aus — Unglaube, Proselutenmacherci und Anderes wird den Juden bei Horaz, Plinius, Seneka, Ouintilian, Tacitus, Juveual vorgeivorfeu, vom Wucher ist durchaus nicht die Rede. Und doch ist ja jedem Geschichtskundigcn bekannt, in nnc entsetzlicher Weise im Römerreiche der Wucher betrieben wurde irud zwar von Mitgliedern der beiden vomehmsten Stünde, den Senatoren und den Rittern. Falls daher der Abgeordnete L ie b e r mann von Sonnenb er g sür seine Behauptung keine mir bisher unbekannt gebliebene Beweisstelle eines antiken Autors anführen kann, so erscheint dieselbe als thatsächlich unbegründet und unwahr." Darmstadt. In der gestrigen Sitzung der e v a n g e l i s ch e n V andessunode gab der Synodale Oberpfarrer Dieffeubach- Schlitz seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß durch einen Erlaß des großherzogl.. Oberkonsistoriums, welches den Geistlichen die Bethcilung au ' der a n t i s em it i s ch e n Agitation untersagt, die evangelischen Geistlichen .Hessens allgemein als antisemitisch hingestellt worden seien, weil einige Geistliche an der Bewegung Theil genommen. Der Präsident des großherzoglichen Oberkonsistoriums, Wirklicher Geheime-Rath Dr. Goldmann, bezeichnete es als eme Pflicht der oberen Kirchenbehördeu, einen solchen Erlaß herauszugeben, nachdem ein Geistlicher in einer Pfarrerversammluug offen erklärt habe: „Wir alle sind Anüsemiten", wobei er den Prälaten Dr. .Habicht als „Ober- Antisemiten" bezeichnete. .Hiermit war der Zwischenfall erledigt. Ermahnt sei nur, datz das großh. Hess. Oberkonsistorium' seit längerer Zeit wegen seiner .Haltung gegenüber den Anüsemiten in den Organen der Letzteren auf das Heftigste angegriffen wurde, insbesondere richteten sich diese Angriffe gegen .Herrn Geh.-Rath Dr. Goldmann und auch gegen Herm Prälat Dr. .Habicht, weil dieser in einer Sitzung der Ersten Kammer die wüste Agitation der Antisemiten verurtheilt hatte. Cssen, 17. November. .Herr Bankier Montz Beer von hier, durch seine Wohlthätigkeit in jüdischen und christlichen Kreisen weit über die Grenzen der Provinz hinaus bekannt, Orstrrrrichische Wochrnfchrist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.