Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 47 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 870 Vefl erieichifchr Wochenschrift Nr. 47 iberischm Halbinsel kurz nach ihrer Bekehrung zuin Christenchuui. „Die Kirchenversammlung von Jlliberis sinn 320)," sagt Grätz (a. a. O. S. 59), „an deren Spitze Osius, Bischof von Corduba, stand, verbot den Christen bei Strafe, von der Kirchengemeinschast ausgeschlossen zu werden, gemüthlichen Umgang mit den Juden zu pflegen, Ehen mit Juden einzugehen und die Feld flüchte von Juden einsegnen zu lassen." Ja es gibt sogar „eine Tradition, die für geschichtlich ausgcgeben wird und von sagenhafter Ausschmückung frei ist," daß die süddeutschen Juden von einem germanischen Volkssramm, den Bangionen, die zur Römerzeit in Worms und den umliegenden Ortschaften ansässig waren (s. Zeuß, Die Deutschen und die Nachbarstämme, S. 219), abstammen sollen. In einer aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammenden, von einem Mönch aus dem Kloster Kirschgarten (vgl. Ludewig, reliquiae mannscriptorum H. p. 5, Francof. et Lipsiae 1720), verfaßten, Wormser Chronik heißt es nämlich von den Vangioncn folgendermaßen: „Nach der Eroberung Jerusalems und der Verheerung des ganzen (palästinischen) Landes haben unsere Vangionen, in chrc Heimat zurückkehrend, wie es Gewohnheit der Krieger ist und wir es noch heute bei diesen sehen ... die schönen Mädchen (unter den Juden) mit sich geführt, um sie zu ihren Diensten zu verwenden oder auch, nachdem sie doch Heiden waren und vom Adel, wenn auch einige Weiber hatten, sich chrer zur Befliedigung ihrer Lüste zu bedienen. Hernach aber, weil nach adeliger Sitte die Bäterschaften selten waren (äeiväe quia nobilium more rari erant parentes), haben sich diese Mädchen ihre Kinder, wie sie wollten und konnten, erzogen, nach ihrem Gesetz, soviel sie es vermochten, unterrichtet. Siche, das sind unsere Juden, die in dieser Hinsicht eher Kinder der Vangionen, als der Juden sind, obschon diese solches nicht hören wollten oder noch nicht hören wollen." Ist diese Tradition richtig, die sich auch in jüdischen Kreisen von alters her vererbt hatte, und die, wie N. Brüll in bcn „Jahrb. s. jüd. Geschichte und Literatur" (IV, S. 34 ff.) Frankfurt a. M. 1679, ausführt, „von den Juden nicht abgeläugnet, sondern nur als mißverständlich hingestellt wurde, so würde sich daraus ergeben, falls man hier nicht alles für Fabel erklären will, daß ein Theil der Juden, die zu den Römerzeiten in Deutschland sich ansässig gemacht und sich von da aus in andere Gegenden verpflanzt haben, halbgermanischer Abkmlft sei." Es ist aber auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, wie Brüll (a. a. O.) ausführt, daß der Bericht von der Abstammung der Wormser Juden von den Vangionen nur eine andere Version ist von der Sage in der rabbinischen Litteratur über die Auswanderung der Benjamiten nach Deutschland. Endlich sei noch einer anderen allophylen Mischung mit Juden erwähnt, die in Westeuropa durch die Bekehrung nichtjüoischer Sklaven seitens ihrer jüdischer Herren herbeigeführt wurde. So eiferte in Italien zur Zeit der Völkerwanderung die Geistlichkeit gegen das Halten christlicher Sklaven seitens der Juden. „Die jüdischen Besitzer," sagt Grätz sa. a. O. S. 35. ff.), „pflegten ihre Sklaven in das Judenthum aufzunehmen, cheils weil dies eine talmudische Anordnung war, die Sklaven zu beschneiden oder, wenn sie sich dagegen sträubten, sie wieder zu veräußern, und cheils, um nicht bei der Ausübung religiöser Vorschriften von fremden Elementen im Hause gestört zu werden. Die Sklaven selbst zogen es vor, bei chren jüdischen Herrn zu bleiben, die sie mit seltenen Ausnahmen menschlich behandelten, sie als Hausgeiwssen betrachteten und Freud und Leck» mit chnen checkten." Und in Spanien in dem sie, wenigstens unter den arianischen Königen, bürgerliche und politische Gleichheit genossen und völlig unangefochten lebten, hatten sie sogar das Privilegium, das ihnen in anderen Ländern streitig gemacht wurde, „chre Sllaven in ihre Religion einzuweihen" ss. Grätz a. a. O. S. 60). Kehren wir nun zu Alsberg zurück. Nachdem er, wie er sagt, biblische, historische und sprachliche Belege — wir haben gesehen, wie weit die „biblischen und sprachlichen" von Belang waren — für die Vermischung der Israeliten mit „Amoritern und Hellenen" beigebracht hat, wendet er sich nunmehr zur anchropologischen Seite der Frage und betont namentlich sa. a. O. S. 20 ff.), daß das Vorkommen von blondhaarigen und blauäugigen Juden, die „in den entlegensten Weltgegenden, sowohl in Nordasrika, Portugal, Rußland, Kleinasien, Persistan, Kurdistan und fast im ganzen Orient angetroffen werden," speziell aber der statistische Nachweis Virchows, daß 11.2°/,, der Juden in Deutschland blondhaarig und blauäugig seien, eine Vermischung der Juden mit Jndogermanen, die bereits „im Alterthum" stattgefunden hat," außer Zweifel setze. „Aber," um mit Virchow zu reden. (Die Bevölkerung Europas, Berlin 1884, S. 33), „wer kann überhaupt den Beweis bringen, daß alle Arier hellfarbig, blond blauäugig und langköpfig waren? Warum waren denn schon die alten Römer so sehr erstaunt über die körperliche Erscheinung der keltischen und germanischen Stämme, mit denen sie zuerst in Berührung kamen? Waren denn nicht die Bewohner von Latium und Umbrien gleichfalls Arier? Und wer sagt uns, daß die Hellenen ein blauäugiges und blondhaariges Volk waren? Mochten sie immerhin dolichocephal sein, ... so wird doch Niemand, der die römische Kultur kennt, daran zweifeln, daß rein weiße Farbe, daß blonde Haar und blaue Augen schon in ältester geschichtlicher Zeit ungewöhnliche und besonders bemerkte Erscheinung waren." Ja, nach den von Virchow und anderen vorgenommenen statistischen Erhebungen, die von der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft, angeregt wurden, weiß man längst, daß in Deutschland selbst der Norden einen überwiegend blonden, der Süden und die österreichischen Donauländer umgekehrt einen ebenso dunklen Typus zeigen, während in Mitteldeutschland sich beide mindestens ungefähr die Wage halten, wenn nicht das Zünglein der letzteren mehr zu Gunsten des dunkleren neigt. Man hat nun diese Erscheinung so zu erklären gesucht, daß inan int Süden und Südwesten, eine keltische, in Mitteldeutschland, im Osten und Südosten eine slavische Kreuzung annahm (s. Virchow, Archiv für Anthrop., Bd. XVI. S. 275 ff., 1886, und Korrespondenzblatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jahrgang XVI, S. 89 ff.), 1885, „Sehen wir" (in Deutschland), sagt Peschel (Völkerkunde, S. 14, Leipzig 1885), „ein Kind mit zarter Haut und Rosenschimmer hellblonden Flechten und blauen verschämten Augen, so freuen wir uns eine solche echte deutsche Jungfrau, ohne zu bedenken, daß wir neben ihr tausend andere damit für unecht, das heißt für rasselos erklären." Sucht man nun den Grund dieser so häufigen Erscheinung dahin zu deuten, daß man, wie gesagt, einerseits keltische, andererseits slavische Blutmischungen mit germanischen annimmt, so entsteht die Frage: Waren denn die Kelten und die Slaven nicht ursprünglich auch blond? Berichteil doch die Alten, daß die einen wie die anderen Xanthochroen waren! So sagt der römische Geschichtschreiber Amminnus Marcellinus (XV, 12): „Fast alle Gallier sind von hoher Statur und weißer Gesichtsfarbe, rothblond (rutilus), „und schon Herodot berichtet (IV, Kap. 108) von einem slavifchen Volksstamm, den Louckiue der am heutigen Pripet, dem Nebenfluß des Dniepr, ansäßig ivar, daß er blauäugig und blond war. In der That ist durch die statistischen Erhebungen in Oesterreich feftgestellt ivorden, daß, wie Virchow im Korrespondenzblatt 1885 (S. 86 ff.) ausführt, z. B. bei den an Oberschlesien u»ld Oesterreichisch-Schlesien angrenzenden Krakusen und Masuren „eine erhebliche Zunahme der Blonden und eine noch viel mehr bemerkbare Abnahme der Brünetten" hervortritt; ebenso hat der den Slaven arn nächsten Verwandte arische Volksstamm, die Litauer, blondes Haar und blaue Augen (s. Brennsohn, zur Anthropologie der Litauer, Dorpater Dissertation, 1883, S. 19), rvvgegcn die Czechen dunkel sind. Man muß daher nur dem zustimmen, was Virchow (a. a. O. S. 99) sagt, daß die blonde Beschaffenheit des Körpers nicht blos eine germanische Eigenthümlichkeit ist, sondern daß sie sich über ein weites Gebiet ganz differenter und zwar anthropologisch differenter Bevölkerungen erstreckt. (Schluß folgt»-