Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 47 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020895--00905-3024918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 869 Orstrrrrntzifrtzr Wochenschrift. Nr. 47 Was von der behaupteten Vermischung mit anderen, , nichtisraelitischen Völkern, das gilt auch von dem Beispiel, das | „die Patriarchen den späteren Generationen" (nach Alsberg, ebenda S. 15) gegeben hätten, indem sie Töchter nichthebräischen Stammes, nebenbei bemerkt, der Sage nach, zu Frauen genommen hätten, die aber fast alle Semitinnen waren. Auch das „viele Pöbelvolk", wie Luther die bekannte Stelle im 2. Buch Mos. XII, 38 übersetzt, das mit den Israeliten aus Aegypten zog, „wobei freilich nur zu verwundern ist," wie Karl Bogt (Vorlesungen über den Menschen II, S. 239) sehr witzig bemerkt, „daß Jehova auch dieses Gesindel .... unter seine ganz besondere Obhut und Fürsorge nahm," ich sage, auch dieses beweist gar nichts für eine alte Vermischung, da nach dem Mosaismus jenes als ein „fremdartiges, äußeres Anhängsel," geradezu als eine Art Parias angesehen wurde, dessen sociale Stellung innerhalb des jüdischen Staates noch niedriger war, als die der beiden, die dem Götzendienste zwar entsagten, aber ihrer Nationalität treu geblieben waren |j. Grünebaum, Die Fremden (Gerim) nach jüdischen Gesetzen in Geiger's „Jüdischer Zeitschrift für Wissenschaft und Leben," Jahrg. VlLl, S. 46 ff). Es soll aber nicht geleugnet werden, daß später, unter persischer Herrschaft, die Macht der Verhältnisse die geborenen Israeliten dazu trieb, jene Unterordnung der Uebertretenden auszuheben, so daß schon unter Nehemia letztere die volle (Gleichberechtigung mit den ersteren hatten, so daß zweifellos eine Vermischung mit ihnen staltfand. Aber innner muß betont werden, daß sie sicherlich zum allergrößten Theil nicht anderen Stammes waren, als die Hebräer selbst, nämlich semitischen. Es ist daher, meiner Ansicht nach, für Alsbergs Theorie gar nichts erwiesen aus den zornigen und eifervollen Reden Esras (Kap. X, 10—12) und Nehemias (Kap. XIII, 23 u. 24) gegen die in Jerusalem zurückgebliebenen Juden, die, wie sie selbst bekennen (Esra, Kap. X, 2), „fremde Weiber heimgesührt von den Völkern des Landes" (vergl. auch R. Andree a. a. O. S. 51.) Dagegen stimme ich dem ganz bei, was Alsberg in betreff der Vermischung der Juden mit allophylen, ich meine auch nichtsemitischcn, Stämmen sagt, zur Zeit der römischen Weltherrschaft. Denn gerade in der Zeit vor und in den ersten Jahrhunderten 'nach Christus hatten sich Juden, theils freiwillig, theils gezwungen, als Kriegsgefangene in allen Hauptstädten der damals civilisirten Welt angesiedelt. Von der Zeit Sullas (um 85 v. Chr.) sagt Strabo (bei Joses. Altert. XIV, 7, 2), daß das jüdische Volk damals „in jede Stadt bereits gekommen war. Und inan kann nicht leicht einen Ort in der Welt finden, der nicht dieses (Geschlecht ausgenommen hat und vor: ihm eingenommen wird" (s. Schürer Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, B.d H, S. 494, Leipzig 1886). Ja, trotz aller Verhöhnung und alles Spottes, denen das Judenthum in der hellenistisch-römischen Welt auheimgesallen war, war es, tvie Schürer (Reutestamentl. Zeitgeschichte S. 644) sagt, „doch eine Culturmacht von nicht zu unterschätzender Bedeutung geworden. Der Eifer für das väterliche Gesetz hat auch nicht verfehlt, ihm Tausende, ja Millionen von Bekennern zuzuführen," so daß es uns nicht Wunder nimmt,^wenn der Philosoph S eneca in einer verloren gegangenen Schrift äs 8up6i'8titi0os, aus der Augustin (äs siv. äsi VI, 11) Allszüge inittheilt, feine Klagen über die Verbreitung der jüdischen Sitten nlit den Worteil schließt; victi victoribus leges dederunt (s. Bernays, Die Gottesfürchtigen bei Juvennl in den Ges. Abhandl. v. B., Hrsg, von Usener, II, Seite 72 Anm., Berlin 1883). Unb gerade an dem Hauptsitz der gewaltigen Römerherrschaft, in Rom selbst, das Angehörige aus allen Th eilen der damals bekannten Welt in seinen Mauern beherbergte, das die Zllsluchtsstätte war von vornehm und gering, reich und arm, voll Gebildetell und Ungebildeten, bis zu den rohesten, llnwissendsten und abergläubischsten Pöbel aus allen Welttheilen, gerade dort, sage ich, hatten die Juden, nicht zum wenigsten seitens der vornehmen Gesellschaft — war ja doch die propagandistische Literatur der hellenistisch gebildeten Juden für jene berechnet — immensen Zulauf. „Wer den Sabbat", sagt Renan, Paulus (Deutsche Ausg., Leipzig-Paris 1869, Seite 134), „und die jüdischen Feste hält, stellt sich für Horaz unter die schwachen (Geister, d. h. lliuer die Menge, er lvird unus multorunr4. Und mag auch in der bekannten Stelle im Reuen Testament sEv. Matth. XXIII, 15): „Wehe euch, Schriftgelehrte unb Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr zli Wasser und;ll Lande limherzieher, um einen Proselylen zu machen," der Eifer der Pharisäer, lvie 'Weiß meint <Creg. Handbuch üb. d. Evang. Matth., Göttillgeil 1883, S. 436), „hyperbolisch geschildert" sein, und galt auch, werligstens in späterer Zeit, bei den Rabbinern der Grundsatz, daß die Proselylen Israel so beschiverlich seien wie der Aussatz, so steht doch fest, daß sie solche, lveiligstens im 1. Jahrh. n. Chr., nicht ungern sahen unb gelegentlich auch daraus ausgingen, Proselyten zu machen, lvie das Beispiel der Königin Helena mit ihren Söhnen Monobazos H. und Jzates in Adiabene, im ehemaligen Assyrien am Tigris, deren Ueüertritt zlim Judeurhum Josephlls t Altert. XX, 2, 4) berichtet, und snach Gray, Die jüdischen Proselyten im Römerreich, Breslau 1884, S. 28 ss.) in Rom Flavins Clemens, Konsular, Senator und 'Resse des Kaisers Domitian, zeigen. In Antiochia zogen, wie Josephus < Jüd. Krieg VII, 3, 3) berichtet, „die Jlrdeil sortivährend eine große Menge Hellenen zll ihren Gottesdieilsteil herall, unb iliachten sie in einem gewissen Sinn zu eiilem Bestandtheil ihrer selbst." Wenn daher, um das nebenbei zu erwähnen, R. Andree (a. a. S. 5l), obige Thatsachell ansührend, die Bemerkung »licht uillerdrücken kann, daß jene Uebertritte zum Judenthum „mehr im Verfalle des Heidenthums, als im Judenthum selbst zu sucheil sind," so zeigt er entweder Mangel an Wissen oder an Objektivität, und ich möchte ihn aus das verweisen, was ein so seiner Kenner jenes Zeitalters, wie Schürer, in seiner Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi. II, 553 ss. über die Ursachen des Erfolges der jüdischen Propaganda gesagt hat. Mail sieht also, daß in dem besagten Zeitraum eine Vermischung der Juden mit allophytell Elementen in der Thar, wie historisch sicher bezeugt wird, stattgesunden hat. Dagegen ist nicht erwiesen, daß es, wie Alsberg (a. a. O. S. 18) und ebenso Andree (a. a. O. S. 51) wollen, mit hellenischen Bolkselemcnten geschehell sei, welche dies schon daraus ersehen wollen, daß die Bezeichnung des 'Rebenweibes im Hebräischen „pilegesch" „genau das griechische pallakis“, und mithin mit der aus der Fremde kommenden Waare auch die Bezeichnung derselben ausgenommen sei. Denn das Wort „pilegesch" finbet sich schon in der Genesis, kann also nicht aus dem Griechischen entlehnt sein; es ist viel wahrscheinlicher daß umgekehrt das hebräische Wort ins Griechische übergegailgell ist, ivie A. Müzer („Semitische Lehnwörter im alteren Griechisch" in Bezzenbergers Beiträgen zur Kunde der indogerman. Sprachen, I, S. 265 fl., Göttingen 1877) vermulhet, da Bezzenberger selbst, der (ebenda pallakis aus palla — padla (mit sekundär-suffixalem k weilergebildet) und die ndogerlll. V~ bhadh (sskt. bandlm — Verwandter, Freund) ableitet, diese Etymologie für schr fül>u hält, und sich nicht aus sie steifen will; es ist daher dieser sprachliche Beweis Alsbergs nicht stichhaltig. Dagegen haben, wie er mit Recht (a. a. O. S. 39) hervorhebt, Rassenmischungen seitens der Juden bald _ mit eranischen, bald mit mongolischen Völkern stattgefunden: so in der südöstlich von Babylonien gelegenen Provinz Chusistan rm 3. Jahrh. n. Ehr., und im heutigen südöstlichen Rußland, wie in der Krim, infolge der Airnahme des Judenthums seitens dcr Chasaren im 8. Jahrhundert, aus welchen Punkt aber ich noch weiter unten zurückkommen will, sowie endlich vom 11. bis zum 13. Jahrhundert in Ungarn. Noch im 13. Jahrhundert ist nach einem Berichte, den der Erzbischof Robert von Gran dem Papste erstattete, die Zahl der in Ungarn zwischen den Bekennern des christlichen und jüdischen Glaubens abgeschlossenen Ehen eine sehr beträchlliche gewesen. Dasselbe war übrigens, was Alsberg entgangen zu sein scheint, im westlichen Europa der Fall. So kamen im 5. Jahrhundert Ehen zwischen Juden und Christen im fränkischen und im burgundischen Reiche vor (s. Grätz, Geschichte der Juden V, S. 45), ebenso wie zwischen jenen und den Bewohnern der