Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 47 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 864 Oestrrrrtchifche Wochenschrift. Nr. ^7 und Michaelsen umgeworfen und eine große Anzahl Leute aus allen Schichten der Gesellschaft, insbesondere Hofbesitzer und sogenannte kleine Leute in Mitleidenschaft gezogen. Einer der „angesehensten" Bürger M e i s s e n s, der Bankier Fischer Direktor der dortigen Kreditbank, ist wegen kolossaler Unterschlagungen und Vemntreuungen von Depositengeldern verhaftet worden. Es sind meistencheils kleinere Bürger und Handwerker, mehrere hundert Kunden, die durch ihn ihres gesammten Vermögens, das sie in der Meißner Kreditbank niedergelegt, verlustig gegangen sind. In U n n a i. W. wurde der Bankier Heinrich H e r b r e ch t wegen Wechselfälschung festgenommen, sein Buchhalter H ertrich, hat sich erschossen, da er an den Fälschungen betheiligt war. Herbrecht hatte seine Kundschaft meist unterem mittleren Gewerbetreibenden und Gutsbesitzern, von denen viele Verluste erleiden werden. Die Fälschungen sollen die Höhe bis 500.000 Mark erreichen, auch die Reichsbanknebenstelle in Hamm soll im Besitze von gefälschten .Wechseln über sehr hohe Beträge sein. Die Fälschungen sind seit langen Jahren getrieben und mit solcher Geschicklichkeit ausgeftchrt worden, daß auch die Bankbeamten getäuscht wurden. Bei Wechseln die auf kleinere Snmmen lauteten, wurde die geschriebene Summe einfach mit einer Säure ausgetilgt und eine andere Zahl hineingesetzt. So kam es daß acceptirte Wechsel, die auf 500 Mark, 1000 Mark u. s. to. lauteten, in solche von 5000 auf 10.000 Mark umgewandelt sind. Auch eine Fälschung von Accepten fand, wie die Frf. Z. mittheilt, im großen Maßstabe statt. Die Namen wnrden gegen das Fenster gehalten und durch gepaust, so daß selbst die Acceptanten Mühe hatten, ihre echten Unterschriften von den gefälschten zu unterscheiden. Eine Unnaer Finna hat, wie der „Hellw. Anz." erfährt, allein 250.000 Mark solcher Accepte bei der Bank in Münster lagern. Eine andere Firma hat Herbrecht vermocht, einen großen Theil falscher Wechsel zu giriren, es soll sich um Hunderttausende handeln. Landwirthe und Handwerker haben bei Herbrecht über 100.O0O Mark eingelegt die als verloren zu bezeichnen sind. In Leipzig haben die Unterschlagungen des Sparkassekaffiers Neid Hardt, der flüchtig geworden, auch mehrere Sparkasien von einigen anderen Städten, und auch die Schulkasse in Mitleidenschaft gezogen, denn der Defraudant stand im hohen Anschen, so daß er auch Schulkassier war. In Hildesheim betragen die Passiven des fallit gewordenen Antisemiten Emil H. Meyer, der sich erschossen haben soll, mehrere Millionen und sind die Verlustträger zumeist Gutsbesitzer und Beamte. Und alle diese sind Arier. Selbstverständlich wird das Treiben der Wolfs und Sommerfeld nicht minder verdammenswerth, weil sie gleich verbrecherische christliche Genossen haben, aber ebenso selbstverständlich rangiren die Depots-Diebstähle und Veruntreuungen jener christlichen Genossen darum nicht minder tief, weil sie Christen sind. Man sicht, wohin diese Art von confessioneller Statistik führt. Wir Juden haben die Pflicht, in aufgezwungener Nochwchr, diese Statistik weiter zu spinnen und mit allem Nachdruck zu betonen, daß, wer die Vergchungen einzelner Juden dem Judenchum zur Last legt, damit zugleich dem Christenchum die Schuld an den Verbrechen der genannten Christen aufbürdet, die Taschenspielerkunst der Antisemiten, solche Christen für „Judengenossen" auszugeben, erfordert in allen diesen Fällen ein gar zu blödes Publicum. Abgesehen von demSchwindlerBontoux, derGaunerinAdele Spi tzeder,welche ihr betrügerisches Gewerbe unter der Firma der Judenhetze trieben, waren alle die zuerst genannten allgemein als m at erielle Förderer der antisemitischen Hetzcampagne bekannt. Und erst die Helden der allcrjüngsten Katastrophen? Der Kirchen ältest e Ed. Maas; war ja eine Säule der Kreuzzeitungspartei in Charlottenburg. Und gar Hen' Emil H. Meyer in Hildesheim! Er war es, der die Giftsaat des Antisemitismus in die früher ftiedliche Bürgerschaft seiner Vaterstadt hineingetragen. Und wie trieben diese in der Wolle gefärbten Ant isemiten den Luxus, den man mit frommen Stoßseufzern den Juden vorwirft! Von dem sauberen Herrn Maaß, der mit livrirten Bedienten ins Kriminal fuhr, erzählt man, daß er auf einem Kostümfeste als „Bürgermeister von Nürnberg" eineir Anzug trug, der 800 Mark Leihgeld für den Abend kostete. Das Kleid seiner Gattin war über und über mit Brillanten geschmückt („orientalisch" nennen dies die Antisemiten, wenn sie's bei einer Jüdin sehen) und man schätzte die zur Schau getragenen Edelsteine auf 150.000 Mk. Obwohl sich aber die Lumpen hüben und drüben gleich sind: solche Herzlosigkeit haben die jüdischen Lumpen doch nicht. Ein Tramway - Bediensteter hatte seine wenigen Ersparnisse in einem Strumpfe aufbewahrt, den er vor Kurzem verlegte. Da er an einen Diebstahl glaubte, machte er der Polizei Anzeige, fand aber das Geld wieder und brachte es zwei Tage vor der Katastrophe zu dem lieben, ftvmmen Herrn Maaß. Das Geld des armen Kondukteurs ist natürlich hin. Das wäre nicht der schlechteste Jude zu thun im Stande! Einige xeitgenösstfchq Origmalaussprüche zur „Iudenfrage".') Wenn, was kaum zu bestreiten ist, das von der Menschheit unserer Tage angestrebte Ziel: der von allen. Vorurtheilen befreite, aufgeklärte, tolerante, allseitig gebildete, mit scharfem Blick für jede Erscheinung begabte und doch durch und durch ideal angelegte, für das Beste seiner Mitmenschen in selbstloser Opferfteudigkeit sich hingebende Mensch ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die immer wieder von Neuem in Scene gesetzten Angriffe gegen die Juden durchaus jeglicher Berechtigung entbehren. Daß im Anblick von Männern, wie Lazarus, Steinthal, Geiger, um diese nicht nur vom Schreiber dieser Zeilen hochverehrten Träger und Förderer der Wissenschaft noch besonders hervorzuheben, gerade die akademische Lehrerschaft vielerorts die so dankenswerte Mitarbeit der Juden auf dem Gebiet des Wissens entweder geringschätzig ablehnt oder gehässig anfeindet, ist eine ebenso traurige, wie unbegreifliche Thatsache Was kann der Jude dafür, daß er nicht als Christ geboren worden ist? Was umgekehrt der Christ, daß gerade christliche und nicht jüdische Eltern an seiner Wiege standen? Das Maaß aller Dinge ist der Mensch, nicht der antike oder der jüdische oder der christliche oder der sonst in irgend einer anderen Religion auferzogene Mensch, sondern der Mensch als solcher, der wahre und echte Mensch, der nicht auf einen engen, sich hochmüthig von der übrigen Welt abschließenden Kreis weniger Auserwähtter beschränkt ist, sondern über alle die landläufigen Unterschiede von Groß und Klein, Reich und Arm, Vornehm und Gering, und wie die Gegensätze alle heißen, hinweg überall *) Aus der Sammlung von Carl Ed. Klopfer. München, 1891.