Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 47 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Sette 863 Moses" hervorhebt. Der Mann aber, der Solches vollbringt, dessen Thaten von Neuem darauf Hinweisen, daß ein Gott lebt, ein Gott in der Geschichte, der besitzt gewiß eine ungewöhnliche Bedeutung und er kann das strenge Urtheil der Geschichte ruhigen Muthes erwarten. Man muß envägen, was Baron Hirsch für die russischen Juden bedeutet. Diese Juden, so zahlreich sie sind, würden in Verzweiflung vergehen, würden in ihrem grenzenlosen Elend nur das höhnische Gesicht derjenigen auf sich gerichtet sehen, welche die Knute über sie schwingen, wenn Baron Hirsch nicht wäre, wenn sie nicht aus dem Werke des Baron Hirsch die Gewißheit empfangen würden, daß der Gott ihrer Väter mächtig ist, um sie zu befreien imb zu retten. Das ist nicht gewöhnliche Philantropie, das ist eine hohe geschichtliche Mission, die hier zur Ausführung gelangt. In jedem Jahrhunderte sind aus der Gemeinde Israels bedeutende Männer erstanden; aber in früheren Jahrhunderten fehlten die großen Mittel und es wäre nicht einmal der Gedanke eines Unternehmens möglich gewesen, wie Baron Hirsch es zur Durchführung bringt. Aber kraft der Mittel, die er aufzubieten vennag und die das Jahrhundert "gewährt, ist er eine einzige Erscheinung .in den achtzehn Jahrhunderten des Exils. Und wahrlich nicht den Juden allein gereicht das Werk des Baron Hirsch zur Genugthuung. In dieser Zeit des Materialismus und des Egoismus kann man außerhalb des Judenthums und ohne die speciellen Einwirkungen der Glaubensgenossenschaft Befriedigung empfinden, daß die Häufung der Reichthümer auch hohen idealen Zwecken dienen kann und daß Werke der Menschenliebe in einem Maßftabe möglich geworden, wie es früher undenkbar gewesen wäre. Dieses verhaßte Großcapital, es kann doch auch wirklich Großes vollbringen, und das ist jedenfalls mehr werth als eine Agitation, die für die Hebung der allgemeinen Wohlfahrt, für die Vermehrung des menschlichen Glückes auch nicht das Geringste geleistet hat. „Fin de siede“ — und unter diesem Schlagwort weist man auf die vielen häßlichen Erscheinungen hin, die im Gefolge unserer Civilisation sich einfinden; „fin de siöde,“ auch Baron Hirsch gehört dem Ende des Jahrhunderts an und sein Beispiel zeigt, daß das Feuer des Idealismus sortleuchtet durch die Zeiten ohne zu zerstören und ohne zu erlöschen. Das ist eine heilige Sendung und das Geheimniß solcher Sendungen wird immer dasselbe bleiben, so lange es Menschen gibt, welche das Befreiers bedürfen und des Retters. Nus der Zeit des Bankbruchs. Für die Börse imb was ihr verwandt ist, sind wieder einmal böse Tage hereingebrochen, und weil der diesmalige Krach bei zwei Berliner Bankfirmen begonnen, deren Ehefs zufällig Juden sind, haben die Antisemiten den bequemen Vorwand genommen, ihre Angriffe auf das Judenthum aufzufrischen. Wie wenig eine solche Katastrophe mit der Zugehörigkeit zu einer Confession oder zu einem Volke zu thun hat, führt Herr- Lic. Gräbner in der letzten Nummer der von ihm redigirten „M i t t h e i l u n g e n" trefflich durch. In einem „der Zusammenbruch der Berliner Bankhäuser Hirschfeld und Wolf, Friedländer unb Sommerfeld" überschriebenen Artikel heißt es: Die begleitenden Umstände sind es, welche die Katastrophen'« einem besonderen Lichte erscheinen lassen. In beiden Fällen waren nicht etwa blos verfehlte Spekulationen die Triebfeder des verbrecherischen Treibens, sondern zur Befriedigung einer raffinirten Verschwendungssucht vergriffen sich die Wolfs und Sommerfeld an fremden Geldern. Ein Abgrund von Verworfenheit that sich hier auf, und was war natürlicher, als daß man den Ursachen des Krachs nachforschte und Vorschläge zur Abhilfe machte. Die Einen befürworteten eine Aenderung der Gesetzgebung, wodurch Männern, die gewissermaßen „mit dem Aermel das Zuchthaus streifen," das Handwerk gelegt werden sollte. Andere versprechen sich nichts von einem legislatorischen Einschreiten. Anders die Antisemiten. In echt demagogischer Weise fallen sie, weil die Wolfs und Sommerfeld Juden sind, über das Judenthum her und wiederholen ihre Forderung: Die Klasse degradiren. Eine gewisse Gattung antisemitischer Blätter, welche ihrem Leserkreise nicht Alles bieten dürfen, versteigt sich zu so ertremen Schlußfolgerungen nicht; aber durch den mehr oder weniger versteckten Hinweis auf die jüdischen Bankiers wollen sie wieder den Beweis erbracht haben, daß an allem Unglück jüdische Begehrlichkeit, jüdische Corruption u. s. w. schuld seien. „Einem christlichen Bankhause, schreibt ein Antisemitenblatt, kann so etwas nie passiren, weil das Geschäftsgebahren der zusammengebrochmen Bankiers nur unter sorgfältiger Venneidung alles dessen möglich ist, was wir deutsche Ehrlichkeit, deutsche Gewissenhaftigkeit, deutsche Treue nennen." Waren denn aber die Schnöckel, Reiff in Berlin, Scholz in Lüben, Thiel in Haynau, Jerusalem, Winkelmann in Leipzig nicht Christen? Damit ist selbstverständlich die Liste der christlichen Bankhäuser, welche es an deutscher Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Treue haben fehlen lassen, nicht erschöpft. Wenn die antisemitischen Agitatoren es dennoch wagen, Behauptungen, wie die oben citirte, unter die Massen zu werfen, so thun sie es in dem Bewußtsein, daß. manche nicht in der Lage sind, jene Behauptungen auf ihre Richtigkeit zu prüfen, Andere die antisemitischen Lügen ruhig passiren lassen vor Freude darüber, daß den Juden wieder etwas am Zeuge geflickt wird. Wie gewissenlos die antisemitische Presse bei ihrer Schilderung der jüdischen Schlechtigkeiten, speziell im geschäftlichen Leben, verfährhiefür nur ein Beispiel: Die „Antis. Korresp." führt aus dem letzten Jahrzehnt einige „Juden-Groß-Konkurse" an, darunter Boni in Dortmund, Dr. Jerusalem in Leipzig. Beide sind aber Christen. Die He rrn von der „Antis. Korresp," genirt das natürlich nicht. Macht man sie auf den „Jrrthum" aufmerksam, so werden sie sagen: „Ra, dann sind es jedenfalls Judengenossen." Solche „Jrrthümer" gehören zum Handwerkszeug der antisemitischen Agitatoren." Wer sein Urtheil sich nicht durch Sympathien oder Antipathien trüben läßt, den werden keinerlei Künste, keinerlei Trugargumente von der Auffassung abbringen, daß cs wie überall, so auch in den Fällen, welch: den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen bilden, ungerecht sei ür die Verschuldung einzelner Juden das I u d e n i h u m verantwortlich zu machen" Es sind damit allerdings wohl nicht einmal die betrügerischen Falliments christlicher Firmas der letzten zw ei Jahre in Deutschland erschöpft. Wir erinnern noch an die Firmen Nietschmann, Fuhse und Jhrka, um nur drei zu zitiren. Greifen wir aber örtlich und zeitlich etwas weiter aus, so steht uns vor Allem der sensationelle Fall Kendler in Wien vor Augen, dann begegnen wir aus unserer Ausschau, den noch in Mer Gedächtnisse lebenden Fällen der DachauerBank, des Bontoux der Eggendorser Jnduftriegesellschast, der Geraer Handels- und Jndustriegesellschaft der Gebrüder Jahn. Und wie viele solche Fälle mit genau denselben verbrecherischen Umständen sind unmittelbar nach den Fällen der beiden Berliner jüdischen Firmen, welche der antisemitischen Hetzpresse zu ihren Atlssällen gegen das Judenchum Anlaß bieten, vorgekommen? Der Charlottenburger Antisemit M a a ß hat Depots von nahezu einer Million unterschlagen, Depots von über hundert kleinen Leuten, Waisengelder und Kirchengelder'. In Stade hat die Bankfirma Nordmeyer