Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 47 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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MDMWWM Seite 862 Oesterreichifche Wochenschrift. Nr. 47 dem Haffe noch eine moralische Empfindung vorhanden wäre. Wir würden uns schämen, in die Seele hinein schämen, eine solche Persönlichkeit anzugreifen, noch dazu auf Grund lügnerischer Behauptungen, die fich von selber widerlegen. Nachdem wir das Capitel einmal angefangen haben, wollen wir es auch nach Möglichkeit zu Ende führen. In den Angriffen gegen Baron Hirsch liegt ein System charakteristisch für die ganze Richtung des Antisemitismus. Juden — nun wir wiffen es ja und geben es bereitwillig zu, nicht alle Juden können so edel denken und handeln, sind so feinfühlend, so wahrheitsliebend, so voller Gerechtigkeit und Idealismus wie Dr. Lueger. Wir sehen ab von den Milderungsgründen, welche die Juden in chrer Vergangenheit haben, in dem Hasse, mit welchem man sie verfolgte, in den Bedrückungen, denen sie ausgesetzt warm und in dm erschwerten Bedingungen des Daseins, die chnen cheilweise heute noch gestellt sind. Aber gerade jene Juden, welche an das Lreb rab, an die der patriarchalischen Traditionen entbehrenden Zigeuner erinnern, welche aus Mizraim dem Zuge sich angeschlossen haben, sie sind den Antisemiten willkommen und gerade die Juden, welche die würdigsten Repräsentanten chrer Glaubensgenossenschast sind, bilden den Gegmstand des Haffes und der Angriffe. In der ersten Nummer des laufenden Jahres war die „Oesterreichifche Wochenschrift veranlaßt unter dem Titel: „Ein antisemitischer Schurkenstreich gegen Baron Hirsch" einen Artikel zu veröffentlichen, dessen redactionelle Zeilen lauten: „Der edle Freiherr M. von Hirsch ist seit Jahren das vornehmste Ziel antisemitischer Verleumdung. Sein in der Geschichte beispielloser Edelmuth, welcher dm Nothleidenden aller Länder ohne Unterschied der Nationalität und Confession Wohlthaten in verschwenderischer Weise spendete, diese seine exceptionelle Hochherzigkeit int Verein mit derhöhen Frmndschast, mit welcher ihnr der Prinz von Wales seit Jahren auszeichnet, hat chn den wahnsinnigsten Haß der internationalen antisemitischen Preßmeute zugezogen. Ein gegen ihn verübtes literarisches Bubenstück möge als Beispiel dienen, für die Höhe der arisch-antisemitischen Moral und für die Art des Kampfes, welchen die antisemitischen Spitzbuben gegen die edelsten Männer in allen Ländem führen." Es galt damals einen Akt schamloser Verleumdung zu rächen, ein Complott wie es verbrecherischer nicht geschmiedet werden konnte. Zur Feier des Weihnachtsfestes 1890 hatte das „Deutsche Volksblatt" einm angebüchen Brief des verstorbenen österreichischen Botschafters „ausgeftischt" der mit der ganzen dem Botschafter zugeschriebenen Briefsammlung längst als Falsificat gebrandmarkt worden war. Im Interesse des verstorbenen Botschafters, nicht im Interesse des Baron Hirsch, wurde das „Deutsche Volksblatt" durch die k. k. Staatsanwaltschaft gezwungen eine mit der Unterschrift des Ministers des Aeußern Grafen Kalnoky erschimme Berichtigung auszunehmen, deren wesentliche Stellen lauten: „Zur Wahrung des guten Angedenkens eines Verstorbenen halte ich mich für verpflichtet von Amtswegen zu erklärm, daß obiger Brief, dessen Fassung und Inhalt ohnehin dm Charakter tendenziöser Fälschung an sich trägt, durchaus erfunden ist und thaffächlich nie existirt hat. Es fallen damit auch alle aus jmem angebüchen Brief abgeleiteten nachweislich unwahren Insinuationen zu Boden, die übrigens schon im Jahre 1883 von autorisirter Stelle nachdrücklich zurückgewiesen wurdm." Das geschah vor einem Jahre, und jetzt nach einem Jahre wird dem Abgeordneten Dr. Lueger von dem Auschusse des Wählervereines der „Vereinigten Christen" int V. Bezirke der Dank für die Rede in der Jnterpellationsdebatte votirt, weil er das schamlose Treiben einer gewißen Presse vemrtheilte." Diejenigen, welche das „Deutsche Volksblatt" als ihr Organ bedachten, sprechen von einer schamlosen Presse. Es liegt System in diesen Angriffen auf den Baron Hirsch. Der erwähnte Ausschuß des erwähnten Wählervereines rühmt es auch, daß Dr. Luegerseine glänzende Rede ex abrupto gehalten hat. Ja, wenn man willkürliche Behauptungen an die Stelle der Wahrheit setzt, dann kann man leicht improvisiren, kann man glänzend aus dem Stegreif sprechen. Die Wahrheit ist schwerfälliger, sie kann erst reden, wenn sie neben der inneren Gewißheit auch Beweise von ^unwiderleglicher Kraft besitzt. Die „Oesterreichifche Wochenschrift" hat bereits in ihrer letzten Nummer die Insinuationen des Dr. Lueger in verdienter Weise abgethan. Was speziell die Beschuldigung des Dr. L u e g e r betrifft, daß die Gerüchte, welche die Börsenpanique hervorgerufen haben, den Krieg Oesterreichs gegen Rußland vorbereiten sollen, welchen Baron H i r s ch herbeizuführen in der Absicht habe, so wurde in unserem Blatte nachgewiesen, daß ein solcher Krieg, gleichviel wie man fich seinen Ausgang denkt, die Lage der Juden in Rußland nur verschlimmern würde. Ueberdies zeichnete Baron H i r s ch bei der letztcn russischen Anleihe in Paris 200 Millionen Francs und erhielt bei der Repartition 10 Millionen Francs. Ferner war die „Oesterreichifche Wochenschrift" in der Lage mitzutheilen, daß dem Baron H i r s ch das Recht eingeräumt wurde, Ausivanderer-Comitös in Rußland mit einer Centrale in St. Petersburg errichten zu dürfen. Baron Hirsch ist somit weit entfernt, eine feindliche Haltung gegen Rußland zur Schau zu tragen. Es gibt noch eineWelt außerhalb des MargarethnerWählerausschusses und außerhalb des Antisemitenviertels im Abgeordnetenhause. Und jetzt noch einige abschließende Worte. Wir können uns nicht anmaßen, die Zukunftsschrift von der goldenen Seite ablesen zu wollen, die dem Baron Hirsch in der Geschichte des Judenthums und wohl auch in der Geschichte unserer Zeit bestimmt ist. In schwerer Bedrängniß ist er den Juden Rußlands ein Retter und Befreier geworden; wenn auch eine Parallele mit Moses von uns nicht versucht werden soll, so dürfen wir dennoch, wenn Gott in der Geschichte uns eine Wahrheit bleibt, dem bereits erwähnten Schiller'schen Aufsatz das Wort entlehnen und von einer Sendung des Baron Hirsch sprechen. Baron Hirsch ist zweifellos eine providentielle Gestalt. Der Gott, der dem Sohne der Jochebed in der Einsamkeit der Wüste erschien, er hat auch mitten im Gewoge des Weltlebens das Gemüth des Baron Hirsch geweckt, um nach den Verhältnissen unserer Zeit Großes zu leisten. Und wenn die Schiffe die Auswanderer über das atlanttsche Meer hinübertr-agen, dann fühlt man sich an das Wunder des Moses erinnert, es ist die Flucht vorder grausamsten Bedrückung, die Flucht vor Schmach und Elend, Gott hat ihr Seufzen gehört und drüben an der Küste wartet die Freiheit, um die Gebeugten und Verzweifelten tröstend und aufrichtend zu empfangen. Spanien, das die Juden mit fanatischer Grausamkeit verfolgte, rüstete die Schiffe aus, um den Erdtheil zu entdecken, der heute den russischen Juden eine neue, bessere Heimat bietet. Das ist die wunderbare Verkettung der Ereignisse, wie sie Schiller in seiner „Sendung