Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 46 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Seile 657 des Herrn Baron Hirsch, ein namhaftes Defizit zur Folge hatten, hat der Vereins-Vorstand beschließen müssen, die Aufnahme von Knaben während der Monate Dccember und Jänner zu sistiren. E. B. Proßnitz. (Todesfälle). Am 14. d. M. verschied hier Frau Netti Fleischer, Schwester des bekannten Groß- Industriellen, Herrn Ignaz Vc a n d l in Wien, im hohen Alter von 77 Jahren. Die Vereinigte tvar eine ffomme, gottergebene Frau und bekleidete lange Jahre hindurch die Ehrenstelle einer Vorsteherin des Proßnitzer isr. Fratienvereines. An dem Leichenbegängnisse betheiligte sich zahlreich die christliche und jüdische Bevölkerung und aus Wien waren der Bruder derselben, Herr Ignaz Mandl, sowie auch die Ressen, die Herren Arnold und Sigmund I! andl erschienen, um der ehrwürdigen Matrone die letzte Ehre zu erweisen. Aach langer Krankheit verschied auch im hohen Alter Herr Joachim Schreiber, ein hochgeachtetes Mitglied der Proßnitzer isr. Eultusgemeiude, hervorragend durch seine öffentliche Wirksamkeit im Interesse seiner Vaterstadt und des Judenthums. Möge ihm die Erde leicht sein rurd den leidtragenden der Umstand Hinderung in ihrem Schmerze um den Verlust des Dahingeschiedenen gewähren, daß der Verewigte bei allen, die sein biederes, urbanes Wesen kennen gelernt, ein gutes Angedenken zurückgelassen habe. Radauh, im November 1891. Am 24. v. M. har in hiesiger isroel. lüiltusgenicinde in Gegenwart des Herrn k. f. Bezirkshauptmannes Rottend erg und andere itlustren (Laste ein solenner Alt der Humanität stattgefnnden. Durch die eifrige Anregung des Herrn E. Grab scheid wurde nämlich vor nicht langer Zeit, der hier schon seit Jahren bestehende, aber' nur kümmerlich vegetirende Verein ^klwuä-tllorrE neuerdings reaktivirt, so, daß gegenwärtig circa 100 arme Schüler, von zwei Lehrern unterrichtet werden. Da aber die meisten dieser Zöglinge der allerännsten Klasse der hiesigen Bevölkerung angehören, die beim Herannahen der strengen Jahreszeit von schützender Kleidung entblößt sind, so sahen sich die Herren B. Terner, E. Goldschläger, A. Lippa, I. Kaßvan und I. Menschel ju». veranlaßt, eine Eollecte hierorts zu veranstalten, aus deren erfreulichem Ergebnisse 40 Kinder mit completen Winteranzügen versehen werden konnten. Am Eingangs erwähnten Tage fand nun in der hiesigen Snnagoge die Bertheilung der Kleider statt. Nachdem Herr Rabbiner I. Kunstadt, als Ehrenpräsident des Vereines die anwesenden Gäste herzlichst begrüßte, dankte er den Sammlern, und den edlen Spendern im Namen der Beschenkten. Auch Herr Religionslehrer Feldman n nahm das Wort, um das Verdienstliche dieses edlen Werkes gebührend zu würdigen. Bei der hierauf erfolgten Betheiligung der Kleinen, sah man es denselben an, wie sehr sie sich über die erhaltenen Gaben freuten. Nachdem der Herr Bezirkshauptmann seiner Freude über das Gesehene in einigen herzlichen Abschiedsworten Ausdruck verliehen, wurden von einigen edlen Damen, für sämmtliche Zöglinge der Talmud-tliora eine reiche Jause servirt, und daß zu derselben wacker zugegrifsen wurde, braucht nicht erst ausdrücklich erwähnt zu werden. Es muß daher bedauernd constatirt werden, daß Viele unserer wohlhabenderen hiesigen Glaubensgenossen, und darunter die notorisch Bemitteltsten, vorläufig diesem so wohlthätigen Vereine aus persönlicher Rancune ihre so nothwcndige Unterstützung versagen. Fürth, 10. November. Die hiesige Stadt gehört zu jenen, in welchen das Verhältnis der Israeliten zu ihren christlichen Mitbürgern selbst in der Hochfluth des Antisemitismus ein durchaus friedliches geblieben ist. Um so mehr ist man empört über das Treiben des Redacteurs des „Freien Beobachter" und „Begründers des süddeutschen antisemitischen Volksbund", Johann Adam Weber hier. Was von dieser „Zierde des Antisemitismus" zu halten ist, erhellt aus der Sitzung des hies. Magistrats vom 29. October er., in welcher die Allsweisung W.'s behandelt ivird. Der Resereilt, Herr Rechtsrath Kaufmann, äußerte; Weber ist vom obersränkischen Schwurgericht zu 2 Monaten Gesängniß wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit verurtheilt und seine Revision verworfen worden. Diese Bestrafung bietet die Handhabe zur Ausweisung. W. ist 28 mal v o r b e st r a f t, darunter 3 mal wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit, 1 mal wegen Vergehens gegen die Religion und 1 mal wegen Betrugs. W. ist Herausgeber einer Zeitschrift, die in jeder Nummer den Klassenlaß gegerr einen hochachtbaren Theil der Bevölkerung in dämonischer Veise predigt und hiezu mtbedeutende Familienereignisse in wsgebauschter Weise benützt. Daß dieses Scandalblättchen auch in Preußenfresserei lind Pornographie macht, hat Ihr Berliner Korrespondent bereits erwähnt. Budapest. Herr Dr. Michael Singer, Schriftsteller und Sekretär der Wohlthätigkeits-Kanzlei des Herrn Baron Hirsch in Budapest hat sich mit Fräulein Klara Klein vermählt. Appeln, 7. November. t^estcrn fand die feierliche E i nw e i h u n g des von Eommercienrath Diesel Hierselbst dern hiesigen vaterländischen Frauen-Zweigverein zugeeigneten W a i s e nu n d S i e ch e n h a u s e s statt. Das Stift soll Waisen evangelischer Consession and j üd isch er Religion aus Stadt und Kreis Dppeln ausnehmen. Dieses hochherzige Beispiel ist nuferes Wissens der erste Fall, daß von einem n i ch t j ü d i s ch e n Wohlthäter auch unsere Eonsession bedacht wird, und verdient deshalb, mir ausrichtigem Danke verzeichnet zu werden. Constantinopel. Eilt Correspondent des ,,«Jewisli World“ berichtet unter den 5. November aus Eonstantinopet: Der Dampfer „Galatz" der Fraissinet-Dampsschiffahrts-Gesellschast ging gestern Nachmittag nach Marseilles ab mit 800 jüdisch-russischen Emigranten an Bord. Dem ersten Transporte russischer Juden, welcher hier anlangte, wurde gestattet in Eonstantinopet zu landen uitd so lange zu bleiben, als die nöthigeit Vorbereitungen für ihre Weiteneise, Zeit in Anspruch nehmen. Diese Inden ungefähr 2000 an der Zahl, wurden in der ganzeir Stadt zerstreut untergebracht und lebten in ganz erbänntichen Verhältnissen. Um ihnen das Ausharren zu ermöglichen, ivard ihnen von Baron Hirsch eine Zulage von einen halben Franc per Kops uird Tag angewiesen. Das Geld ivurde von dem Vertreter des Baron Hirsch, Herrn Grosh o t z vertheilt. Herr D a l e m von der Alliance israelite und Herr o s e n t h a l ivurden mit der Ueberwachung der Emigrauteil betraut. Nnurentlich hat Baron H i r s ch mit den vereinigten Rhederir voir Havre ein Abkommen wegen Beförderungen der Hungernden von Havre uird Marseille irach Südamerika getroffen. Für den Transport von Eonftantinopel nach Marseille hatte die Fraissinet - Eompanie die günstigsten Bedingungen gemacht, so das; Baron Hirsch derselben aller Transporte jüdischer Emigranten von Eonstantinopet nach Marseille übertrug. Gestern ist nun die erste Einbarkinmg aus den Dampfer „0!'alatz" erfolgt. Die Hafen-Behörden und die Polizei boten jede mögliche Erleichterung, so daß die Einbarkirung anstandslos vor sich ging. Kurz vor der Abfahrt kamen Herr Eirosholz mit Frau und Tochter sowie die Frauen D alem und Rosenthal an Bord .des Schiffes um nachzusehen ob die Emigranten gut untergebracht seien. Die Enligranten dankten denselben für alle Mühen, welche sie mit ihnen gehabt und brachlerl schließlich ein Hoch aus den Sultan aus. Alle Auswanderer wurden zum Schutz gegen die Kälte mit Decken versehen ivelche Baron Hirsch aus Frankreich geschickt hatte. Feuilleton. Ein Märtyrer. Von Luise Freyhan in Breslau. V. . Die Judengasfe lag still und dunkel, es war zwar erst die erste 'Nachtstunde, aber seit jenem großen Brande löschte man früh das Feuer auf dem Herde und das Licht aus, und so kam ich von der Dunkelheit gedeckt an Isaaks Haus. In seinem Arbeitszimmer war noch Licht, denn ich sah einen leuchtenden Streifen durch die geschlossenen Fensterläden schimmern. Leise klopfte ich an, er öffnete ra ch das Fenster. „Antonio, Du?" fragte er. „Du hast mich erwartet?" „Ich wußte daß Du kommen würdest. Gedulde dich einen Augenblick, ich öffne die Hausthür." Mein Erstaunen war maßlos; wie konnte Isaak wissen, daß ich ihn noch an diesemAbend aussuchen würde? Wußte er denn auch, welch furchtbares Schicksal ihm drohte, und wenn er es wußte, woher diese Ruhe? Er öffnete gelassen die Hausthür; ich warf einen scheuen Blick um mich, ich spähte durch die Fenster aus, mir war es als müßte jeder Schatten zu einer Gestalt sich verdichten und sich auf mich stürzen. Rasch trat ich ins Haus und folgte Isaak in sein behagliches Gemach. „Tu hast die Fensterläden nicht geschlossen" ries ich. Er blickte mich betroffen an. Etwas in meinen Wesen mußte ihm wohl befremden; denn nachdem er rasch die Lücken geschlossen hatte, fragte er mit freundlicher Sorge: „Bist Dn nicht wohl, lieber Antonio?" Ich beachtete die