Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 46 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 46 Orstrrreichifche Wochenschrift. Nr 855 Schwarz u. A., die Reichstags-Abgeordneten Tcophil Fabiny und Dr. Armin Neumann, idie Professoren des Rabbi- Seminars, mit dem Dircctor Dr. Moses Bloch an der Spitze, Frau David Bischitz mit zahlreichen Damen des israelitischen Fraucnvereines, Dircctor Abraham Lederer, Martin Schweiger, Cultusgemeinde-Seceetär Dr. Ignaz G o l d z i e h e r, Schulinspector Dr. Bernhard 'M lt n kacs i, der Präsident der Szegediner israel. Cultusgemeinde, Dr. Isidor R o z s a an der Spitze einer Abordnung ^seiner Gemeinde, die Prediger Dr. St a i) s erli n g unb Poll a k u. v. A. An dem mit Kränzen bedeckten Sarge hielt der Prediger Dr. Samuel K o h n eine ergreifende Trauerrede, in welcher er die hervorragenden Verdienste des Heimgegangenen schilderte; vom Gesangschor des israel. Cultustempels unter Leitung des Dbercantors Lazarus gesungene Trauerlieder ergänzten die dustere Feier, zu deren Schluß der Sarg von Vorstandsmitgliedern der Pester israel. Religionsgemeinde auf den sechsspännigen Trauerwagen gehoben wurde. Dann bewegte sich der imposante Conduct, welcher von den Zöglingen des israel. Knaben-Wüsenhauses und der israel. Elementarschulen eröffnet wurde, nach dem israel. Friedhofe nächst der Kerepcserstraße, iuo die Beisetzung der Leiche erfolgte. Budapest. Am 11. Nachts ist hier der nicht nur in Ungarn, sondern auch im Auslände bekannte und geschätzte Hebraist und Schriftsteller Simon Bacher im Alter von 69 Jahren gestorben. Der Verblichene beherrschte die Sprache des alten Testaments mit einer seltenen Virtuosität, seine selbstständigen Dichtungen und besonders seine wahrhaft kunstvollen Uebertragungen ungarischer ilnd deutscher Poesien von Schiller ilnd Lessing, Petösi uni) Arany k. trugen ihm die warme Anerkennung aller Kenner ein. Simon B a ch e r war ein durch und durch poetisches Gemüth. Seine wohlhabenden Eltern, die in Lipto-Szt.-Miklüs wohnten, hatten ihn dem Kaufmannsstande gewidmet, für welchen der gemüthvolle Gelehrte nicht die geringste Neigung verspürte. Nicht am Ladenpulte, sondern an dem Schreibtische seiner stillen Klause fühle er sich wohl. Nach vielen Fährnissen kam er mit seiner zahlreichen Familie endlich in die Hauptstadt, wo ihm die israelitische Knltusgemeinde die Kassierstelle verlieh, welche er bis zu seinem schweren Siechthum mit gewissenhafter Pünktlichkeit aussüllte. An seiner Bahre trauern neben der Witwe, einer feinsinnigen Dame, welche deni Verstorbenen eine liebevolle, verständnisinnige Gefährtin war, fünf Söhne, der Professor am Rabbinerseminar Dr. Wilchelm Bacher, der Journalist Bernhardt P ataki, der Dircctor der Victoria-Mühle Emil B a ch e r, der Oberbeamte der Großhandlungssirma Bernhard Rust, Max B a ch e r und der Kaufmann Hermann Bache r und drei Töchter. Das Leichenbegängnis; des verklärten Poeten fand am Donnerstag, den 12. d. um 10 Uhr Vonnittags unter außergewöhnlicher Betheiligung seiner Freunde, Amtscollegen und Verehrer statt. Anwesend waren: Vertreter des (Gemeinde- Vorstandes, der Ehewra-Kadischa, der Professorenkörper des Rabbiner- und Lehrerseminars, der Lehrkörper der Gemeindeschule u. v. A. An der Bahre hielt Dr. K a v s e r l i n g eine ergreifende Trauerrede, worin er in markanten Zügen den Charakter und die Verdienste des Verewigten schilderte. Budapest. (A u ch e i n e „B l u tb e s ch u l d i g u n g"). Bei dem inspectionirenden Polizeibeamten, Polizeikonzipisten Forst e r erschien heute gegen Abends eine Frau, die sich als eine Vice- Hausmeisterin vorstellte und unter Thränen den Abgang ihrer 11 fahrigen Tochter meldete. Das Mädchen habe sie gestern mit der Mittheilung überrascht, daß sie in Dienst gehen wolle; man biete ihr 3 sl. 50 kr. Monatslohn, das Geld werde der Wirthschaft wohl gut kommen. Die Mutter habe jedoch nicht gestatten wollen, daß sie dienen gehe; erstens sei sie zu jung noch und dann habe sie nur das einzige Kind und das wolle sie zu Hause behalten. Mittags kam der Vater, der bei einem Spediteur als Kutscher bedienstet ist, nach Hause und auch er sprach sich, als er von dem Plane des Kindes hörte, dagegen aus. Heute Früh verließ die Kleine das Haus, sei nicht wieder zurückgekehrt und werde wohl nie wieder zurückkehren, denn sie wisse es bestimmt, ihr armes Kind sei in die Hände der Juden gefallen, die es entweder schon geschlachtet haben oder es bis zu den Osterfeiertagen gefangen und versteckt halten werden, um es zu schlachten. Polizeikonzipist Förster verivies der Frau die lächerliche Behauptung mit strengen Worten, da aber die beschränkte Person dabei blieb, so that Förster das Beste, was er unter solchen Umständen tlum konnte; er entsendete zwei Detectivs, um die kleine Durchgängerin auszusorschen. Es gelang denselben auch bald, das Mädchen zu eruiren. Dasselbe spazierte wohlgemuth aus der Elisabethpromenade. Die Kleine war gestern von dem Inhaber der Milchhalle in der großen Kronengasse Nr. 4, wo sie vorüberkam, ausgefordert worden, bei ihm in Dienst zu treten: sie hatte zugesagt und war mit der Weisung, ihr Engagement ihrer Mutter zu melden und sich ein Dienstbuch zu verschaffen, von dem Milchhallenbesitzer ausgenommen worden. Heute sollte sie ihren Dienst antreten, da dies aber ihre Eltern nicht gestatteten, ging ste durch. Die Kleine wurde ihrer Mutter zurückgegeben. Berlin, 11. November. In einer gestern abgehaltenen Volksversammlung, in welcher Hosprediger a. D. Stöcker in seiner Weise den jüngsten Finanzkrach behandelt«', wurde ihm der Fall Maß entgegengehalten. Er antwortete: „Die Christen haben Maß, die Juden maßlos". Hieraus ergriff auch sein Gesinnungsgenosse Professor Ad. W a g n e r das Wort, um folgende bemerkenswerthe Aueßerungen zu thun, welche wir dem Bericht der Kreuzzeitung entnehmen; „Woher kommt die ungeheuere Summe der Börsencapitalien? "Doch nur aus dem Volk! Spielt Niemand von Ihnen in der Lotterie? Ich fürchte Alle! Ich bedauere sehr, das; der preußische Staat die Lotterie begünstigt, die Staatslotterie sogar vermehrt hat. Ich bedauere die vielen genehmigten Gelegenheitslotterien. Das Börsenspiel aber ist nicht schlechter, sondern eher etwas besser als das Lotteriespiel, denn es erfordert doch etwas 'Nachdenken, etwas Berechnung: das Lotteriespiel gar nicht. Und auch bei diesem kommen doch die Gewinne von denen, die ihr Geld verloren haben. Man spielt nur deshalb in der Lotterie, um reich zu werden. Was das Börsenspiel betrifft, so sind nicht nur die Termingeschäfte, sondern auch die gewöhnlichen Speculationen verwerflich. Ich bin fest überzeugt, daß auch hier viele sind, die mühelos reich werden wollen, indem sie ihr Geld beim Bankier für sich arbeiten lassen. Also nicht die Juden allein, sondern das ganze Publikum ist schuld. Die Essectenbörse ist etwas Nothwendiges zur Aufnahme von Staatsanleihen und zur Anlage der Ersparnisse der Bürger: aber das Börsenspiel brauchen wir nicht und das Publikum sollte sich davor hüten. Man sollte nicht den Neichthum an sich, sondern den anständigen moralischen Erwerb desselben achten. Man sollte alle Unehrlichen, auch wenn sie reich sind, gesellschaftlich vernehmen. Darin haben wir es verfehlt. Wie kommt es daß die Lottericlose so starken Absatz haben? Wenn die Juden die Verführer sind, so laßt euch doch nicht immer verführen! Sucht doch die Wurzel des Uebels in ench selbst! Man soll nicht gewinnen wollen, wo man nicht verlieren will. Ich schließe mit dem alten Bibelworte: „Derjenige hebe den ersten Stein, der sich frei von Sünden weiß!" (Beifall.) Diese Aeußerungen des antisemitisch-christlich-socialen Agitators und Führers verdienen alle Beachtung, in einer Zeit, da christliche und jüdische Speculanten, Hirschseld und Wolff ivie Maaß, Sommerfeld wie Schnöckel, Leipziger wie Fsuhe in gleicher Weise das Schristwort zum Wahrspruch machten: „Die da reich werden wollen, fallen in Stricke und Versuchung." Ein größerer Schmerz konnte wohl kaum dem Stöcker passiren, als von dem ihn so nahestehenden „Reichsboten" verleugnet zu werden. Und doch hat ihm das Blatt heute diesen Schmerz bereitet. Es schreibt: „Wir haben im Laufe der Woche Veranlassung genommen, unsere Leser vor jeder Vertrauensseligkeit gegenüber ihren Bankiers zu warnen. WederdicäußereZu gehörigkeil zueiner christlichen Gemeinde oder zurconservativen Partei, weder das gesellschaftliche Ansehen, noch das ehrliche Aussehen sind, wie sich gezeigt hat und vielleicht noch ein- oder zweimal zeigen wird, eine Bürgschaft für die geschäftliche Zuverlässigkeit. In unserer vorigen Rundschau haben wir die Ursachen dafür angegeben: n nz ä h l i g e ch r ist l iche Geschäftsleute haben zwei Gewissen, ein privates und ein geschäftliches. Das eine sucht sich mit dem lieben Gott in eingutes Verhältnis zu setzen, treibt zum Kirchgang,zum Almosengeben, zur christlichen Kinderzucht u. s. w.; das andere kennt nur ein Gebot; du sollst Geld schassen.