Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 46 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 852 Oesterreichische Wochenschrift. Nr. 46 begegnen uns in dem erwähnten kaiserlichen Gnadenbriefe auch bereits die Wiener Namen, die bis zur Mitte unseres Jahrhunderts Glanz und Reichthum bedeuteten und freien Salons lange Zeit hindurch ein Sammelpunkt der Gesellschaft waren. So ist Samson Wertheimer wirklich ein Name, der eines Blattes in der Geschichte werth erscheint. Er war der Hofbankier Seiner kaiserlichen Majestät, schaffte Geld und Mittel für Hof, Armee und war dabei der Protector der deutschen Juden geworden, die in allen Nöthen sich an ihn wandten. Dabei stand Wertheimer bereits in gesellschaftlichen Beziehungen zu den berühmten Generälen und Feldherrn der öfteneichischen Armee und vornehmen Würdenträgern des österreichischen Hofs- Das war damals keine Kleinigkeit, das; ein Iud in solcher Höhe, in den sonnigen Regionen des Lebens sich frei und selbstbewußt bewegen durfte, das war mehr als Kran für möglich gehatten hatte. An diesem Glücke nahm das ganze Iudenthum cheil; man fühlte es, die Schatten des Mittelalters fingen an zu weichen. Professor David Kaufmann erschließt uns in seiner nicht genug zu rühmenden Arbeit diese interessante nnd wichtige Enttvickelungsphasc des Ludenthums. Er führt uns hinein in das Wertheimer'sche Haus, wir machen hier Bekanntschaft mit seinen Verwandten und Schützlingen, wir sehen die Agenten der Frankfurter Ludengemeinde, wie sie stets von Neuem die Fürsprache Wertheimer's erbitten und immer auch war der großherzige Mann bereit seine Kräfte einzusetzcn, bald für Frankfurt, bald für die Lüden Mährens und bald auch für die kleine Gemeinde in Auffce. Es war ein Retter erstanden in den Bedrängnissen und zur Krone des Reichthums gesellte sich die Krone eines wohlverdienten Ruhmes. So lernen wir denn eine schöne und glänzende Seite des Ludenthums keimen und es wird uns die Frage beannvortet, ivie es gekommen, das; die Luden nicht die Parias wurden, zu denen man sie durch die schrecklichsten Mittel Herabdrücken wollte, das; ihnen vielmehr der Sinn für Alles erhalten, was las Leben schmückt und veredelt. Aus der Mitte des Ludenthums erstanden stets Männer, welche im Dienste ihrer Religionsgmoffen die höchste Mission zu erfüllen vermochten. Man darf von Wertheimer nicht sprechen, ohne des Oppenheimers zu gedenken. Den Titel des Buches haben wir nicht mehr im Gedächtnisse, aber in der Vonede eines damals gedruckten Buches talmudischen Lnhatts wird das Lob Oppenheimers verkündigt und er als einer der Größten in Israel bezeichnet. In ihm hatte Samson Wertheimer sein Vorbild gefunden; das Wertheim'sche Haus stand in lebhafter Berührung mit den Spitzen der christlichen Gesellschaft und die Agenten der Frankfurter Iudengcmeinde, deren Briefe eine sonderbare Mischung von Hebräisch und Deutsch darstellen, mochten Manches im Hause Wertheimers nicht nach ihrem Geschmacke finden. Dennoch war das Parquett, auf dem sich Samson Wertheimer bewegte von einer gefährlichen Glätte. Es war keine leichte Sache, die Rückzahlungen der dem Staate gewährten Anleihen sicher zu stellen. Die bereits erwähnte Episode, welche die falsche Anklage gegen Oppenheimer zum Inhalte hat, zeigt uns, ivie das Damoklesschwert über den Häuptern der Juden schwebte, wie sie gegen Haß und Verleumdung sich keinen Augenblick sicher fühlen durften. Ziehen wir nun zum Schluffe eine Parallele zwischen den großen Männem der Vergangenheit und den Erscheinungen der Gegemvart, so ivird unsere Verehmng für den durch die seltensten Eigenschaften ausgezeichneten Samson Wertheimer nicht geschmälert werden, wenn wir daran erinnern, wie der allgemeine Fortschritt auch in den Werken der Menschenliebe sich bethätigt, wie ein hoher edler Sinn zu Aufgaben sich aufschwiugt, an welche die Mittel der Vergangenheit nicht hinanragten und wie jetzt Ideen zur Verwirklichung gelangen, wie sie nur aus Geiste unserer .Leit geboren werden tonnten. Namen wollen wir nicht nennen; aber das ist gewiß, das; auch das Ludenthum der Gegemvart Persönlichkeiten besitzt, auf die es mit gerechtem Stolze blicken darf; der unsterblichen Thal wird aber auch der geschichtliche Ruhm nicht vorenthalten bleiben. Hinsichtlich des Andenkens an Samson Wertheimer hat Prof. D. Kaufmann sich der Pflicht der Dankbarkeit entledigt, der die Nachwelt sich nicht entziehen darf. Das Denkmal, das er hcrgestellt, wetteifert an Schärfe und Deutlichkeit, an wohlgelungener Charakteristik, an Lebensfrische und Kraft siegreich mit dem Kupferstiche des holländischen Meisters, der uns die Lüge Samuel Oppenheimers bewahrt hat, des andern Hoffaktors. (IfffiTespmtaeu. E. B. Wien. Die Auszeichnung des jüdischen Delegirten aus Böhmen, Herrn Leopold P o l l a ck, an den Se. Mejestät der Kaiser eine politische Enunciation von hoher Tragweite adressirte, hat nicht verfehlt, in allen jüdischen Kreisen freudiges Aufsehen 511 erregen. Se. Majestät haben damit die gnädigste Gesinnung gegen die Luden manifestirt. — Die Demoralisation,welche der Antisemitismus in dcrWiener Studentenschaft bewirkte, scheintdie davon Betroffenen zur Ernüchterung führen zu wollen. Während noch vor Kurzen in den.Hörsälen der Wiener Universität kein oder nur vereinzelt ein arischer Student zu erblicken war — man verbrachte resp..schwänzte li'ber die dem Unterrichte gewidmete Zeit im Wirthshause bei bairischem Gerstensaft — entwickelt sich derzeit unter denfelbigen arischen Studentenkreisen eine förmliche Lernwuth. Kliniken, Hörsäle und Eurse werden von arischen Jüngern der alma mater aufs gewissenhafteste frequentirt. Mau ist zur Einsicht gelangt, oder von der „Monetenquelle" dazu veranlaßt worden, daß mit dem Antisemitismus kein Hund aus den Ofen zu locken ist und rivalifirt mit den dem Studium treugebliebeuen jüdischen Universitätshörern in Besuch der Universität. Wohl ivird noch immer dem Racenhasse gestöhnt und derselbe bei jeder paffenden und unpassenden Gelegenheit zum Ausdrucke gebracht, allein auch hier ist in nicht allzufcrner Zeit ein Wandel zum Bessern zu gewärtigen, insbesondere deshalb, weil von Seite der Professoren häufig Mahnungen in dieser Richtung erfolgen. Wendet sich aber einmal die arische Jugend vom Racenhasse ab und dies ist nur eine Frage der Zeit, so verliert der Antisemitismus seine wichtigste Stütze und einflußreichste Propaganda. Und so darf wohl der Erwartung Raum gegeben werden, daß alle besseren Elemente den Volksverführern, die sich zur einzigen Ausgabe gemacht haben, Haß und Lwietracht in den weiten Bevölkerungsklasfen zu entfachen, den Rücken kehren werden. Wieu. Wie wir erfahren, haben sich in den letzten Tagen die Comitss des Universitätskränzchen und des Studentenballes