Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 46 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Seite 851 Geschäfte bin, ist das vielleicht zweimal geschehen." — „Sehr wohl", entgegnete der Inquisitor; „schreibt, Herr Actuar,. daß bei Samuel Simon niemals Schweinefleisch auf den Tisch kommt. Dagegen — fuhr er fort — wird wahrscheinlich recht oft Lammfleisch gegessen?" — „Allerdings", antwortete der Bursche; „letzten Ostern zum Beispiel." — „Das stimmt ganz vortrefflich", rief der Commissär; „schreibt, Actuar das Simon das jüdische Osterfest feiert. Das geht ja ganz vortrefflich, ich glaube, wir haben bereits herrliche Angaben." — „Nun, lieber Freund", fuhr Lamela fort, „sage mir noch, hast Du Deinen Principal niemals kleine Kinder liebkosen gesehen?" — „O ja, tausendmal!" antwortete Gaspardo; „so wie er kleine Knaben an unserem Laden vorübergehen sieht, hält er sie an und liebkoset sie, wenn sie auch eben nicht die allerhübschesten sind." — „Schreibt, Actur", fiel der Inquisitor ein, „daß Samuel Simon höchst verdächtig ist, Christenkinder an sich zu locken, um sie zu erwürgen. Wirklich, ein Muster von Proselyt! Ei, ei, Meister Simon, das heilige Officium wird Euch gehörig in die Kur nehmen; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Denkt ja nicht, daß man Euch Eure scheußlichen Kinderopfer so ungestraft hingehen lassen wird."... — Sie schüchtern dadurch den Samuel ein und nehmen ihn: das Geld. Der Hof-Factor. (.viu Vi'beiisbUb aus dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. „Mir fehlt ein Held!" — „Ein Held, er sollte fehlen, da Jahr imb Monat neu vom Neu'sten spricht." Man kennt die unvergleichliche Einleitung zu Byrons Don Juan, die selbst einen Goethe veranlaßt hat, sich als Uebersetzer zu bewähren, diese Verspottung eines tvohlfeilen Ruhms, eines durch Volksbetrug envorbenen, unverdienten Lorbeers. Diese Sippe nennt der Dichter „Raben aus 'Einem Neste", denen die „Zeitung gleich zu Diensten steht". Nicht so ist der Held beschaffen, welchen Professor David Kaufmann in seiner Monographie „Urktlndliches ans dent Lebeir Samsort Wertheimers" (Im Verlage voit Karl K o n e g e n , Wien, Opernring 3) nun das zweite Denkmal errichtet hat. In Sanisoit Wertheinier tritt uns eine krafwolle Persöitlichkeit entgegen, welche durch hervorragendes Talent und edlen Sinn, trotz eines schiver zu bezwingenden Vorurtheils unb trotz einschränkender Gesetze sich zu mächtigeni Einflüsse und ehrenvollster Stellung emporzuringen vermochte. Mit Recht trägt er seinen Namen, denn die Aufgaben, die ihm gestellt waren, lassen sich wohl mit den Arbeiten eines Hercules vergleichen. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat bereits unmittelbar nach dem Erscheinen der Kaufmännischen Denkschrift sich eingehend mit derselben beschäftigt. In der damaligen Besprechung wurde Ausführliches über die Episode mitgetheilt, welche für die Geschichte des Iudenthums so viel Charakteristisches hat. Die falsche Anklage war den Feinden des Iudenthums stets ein willkonnnenes Mittel, um Haß und Neid zu befriedigen. Wir kommen heute auf die Denkschrift zurück, um dieser einer edlen Eingebung entspringenden Arbeit vollständig gerecht zu werden. Wir besitzen eine ziemlich reichhaltige belletristische Literatur, welche ausschließlich das Leben der Juden zum Gegenstände hat und es wurde auf diesem Gebiete von einzelnen Autoren Ausgezeichnetes geleistet. Allein selbst da, wo ein glänzender Stil und dichterische Kraft mit ihrem ganzen Zauber auf uns wirken, fehlt dennoch die volle Wahrheit und müssen wir zweifeln, ob das geistige Element des Judenthums uns wirklich aufgeschlossen worden ist. Ist das Kleinleben der Judengasse, ist die Schabbeslampe, sind dämmerhafte Wunder, im Geistes^ dunkel geborene Legenden, sind die Carricaturen der Gemeinde verkörpert in Schames, Schalksnarr und Pilger — ist das Alles das wahre Judenthum, und wird dadurch die unverwüstliche Lebenskraft des Judenthums irgendwie erklärt? — In der Denkschrift des Professor Dr. Kaufmann lernen wir nun den Juden frei von den Verkrümmungen kennen, die ein namenloser Druck erzeugte und die historische Darstellung in ihrem Ernste gibt uns größere Wahrheit, gibt uns Besseres und Interessanteres als die Novellistik. Die StadtWorms am Rhein ist nicht nur im Nibelungenlied berühmt, sondem auch in den Erzählungen der Juden. Das „Maaseh Nissim" (Wunderbare Geschichten) von Worms, erzählt Allerlei 'Ergötzliches über die als Dämon fortlebende Königin von Saba, über die fahrenden Schüler mit ihrem Zauberrad, über die Beschwörungen der Schüler in Abwesenheit des Meisters (Goethe's Zauberlehrling) über die Mutter Raschis und über die Prophetengabe des großen Commentators. Als Wonnser Colonie kamen die ersten Juden wieder nach Wien nach ihrer Vertreibung unter Kaiser Leopold. Daneben ist auch das Städtchen Marktbreit in Franken zu erwähnen, wo der Vater Samson Wertheimers sich einer hochangesehenen Stellung erfreute. Marklbreit war im Besitz des Fürsten Schwarzenberg, stand unter der Regierung dieser Dynasten und die kJuden wurden im Ganzen besser behandelt, als von den meisten städtischen Magistraten. Wir befinden uns an der Scheide des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Die Religions- und Türkenkriege, Hunger- und Pestilenz waren vorüber, man gieng einer besseren Zeit entgegen. Es ist etwas Merkwürdiges, um die Bewegung des menschlichen Geschlechtes. Erst kommen die genialen Denker, die Märtyrer der Wahrheit und tragen die Fackeln voran. Dann bemühen sich Dichtung und Kunst, um sich ebenbürtig zu erweisen, wobei sie jedoch, um Beifall werbend, stets an Aberglauben und Borurtheil ihren Tribut äbtragen. Nach langem Zwischenraum folgt die Gesetzgebung der Staaten und dann dauert es wieder lange, bis die Volksmassen sich annähernd zum Niveau der Gesetze erheben. Descartes, Leibnitz und Spinoza waren bereits an der Welt vorübergezogen, das englische und das französische Theater besaßen bereits ihre größten Schöpfungen, das Zeitalter Voltaires und Rousseaus war im Anzuge, mit Sturmschritten eilte der menschliche Gedanke vorwärts, um die Geheimnisse der Wissenschaft zu erobern und der Umwälzung der Staaten entgegen der Jude aber sollte von den Wohlchaten des Fortschrittes wenig oder nichts empfangen, ihm blieb der ganze Erdkreis nur ein einziges Gebiet des Exils, er war der Jude, wie die „Hebräischelt Melodien" ihn schildern. Damals ergoß die Sonne kaiserlicher Gnaden ihren vollen Strahlenglanz über Samson Wertheimer. Nachdem ihm und seinen Angehörigen schon von Kaiser Josef I. und Kaiser Karl VI. rvied erholt Rechte zuerkannt wurden, die in Oesterreich rlnd namentlich im deutschen Reiche eine Ausnahmsstellung der Familie begründete, erreichte er den Gipfelpunkt seiner Wünsche durch den kaiserlichen Gnadenbrief vom 4. Mai 1713. Ueber die Bedeutung dieser maZua Carta der vornehmen Wiener Juden für die Juden im Allgemeinen gestatten wir uns kein Urtheil. Vielen mochte es zum Tröste gereichen, daß wenigstens einige Jtlden sich als Menschen fühlen durften, frei von schimpflichen Belasttmgen und brandmarkenden Ausnahmsgesetzen, Es