Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 46 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite S4S das; es eben das Klügste wie das Schicklichste für uns ist, die Belehrung über das wahre Christenthum den Christen allein zu überlassen. Jedensalls ist die sogenannte Judenfrage vorerst eine Frage des Christenthums aber nicht minder eine Christensrage selbst. Denn gesetzt, die höchsten Antoritüten der Kirche würden darüber schlüssig geworden sein, so wäre es doch ihre nächste Pflicht, den Bekennern des Christenthums selber die richtige Belehrung erfliegen zu lassen und entweder die Judenfeinde oder die Judenfreunde ihres Jrrthums zu überführen und je nach Crkenntnis; der Autoritäten den einen oder andern den Charakter der Christlichkeit aüzusprechen. Im Mittelalter war man nun ehrlich oder unehrlich genug, die Judenfrage als eine rein kirchliche einzubekennen: ehrlich insofern« man noch nicht gelernt hatte, sich religiöser Unduldsamkeit zu schämen und über Akte des Fanatismus zu erröthen; aber auch unehrlich, insoferne man zuweilen Aberglauben und Bornrtheil simulirte, um gemeine Raublust dahinter zu verstecken. Unter solchen Umständen konnte auch von einem Rechte der Juden keine Rede sein, und niemand stutzte darüber, wenn man an die Spitze einer Sammlung von Gesetzen über Juden den traurig-naiven leitenden Grundsatz stellte: Judaei non sunt personae, sunt tantum res (Juden sind nicht Personen, sondern lediglich Sachen), die man nach Gutdünken vergewaltigen, wie begnadigen konnte. Glücklicher Weise hat in standen und Staaten der Christenheit die Gnade ebenso oft ihre Verbreitungsbezirke wie die Gewalt, und wenn die eine Stadt, der eine Gau, das eine Reich die Inden todtschlug oder austrieb, boten dem tvie ein Wild gehetzten Volke andere Himmelsstriche Asnle an, wo für kürze Zeit die „Gnade" blühete — ein R ech t der Juden aber ivuchs auf keinem Boden, gedieh unter keiner Sonne. Was Spanien und Portugal vertrieben, nahmen Italien und die Türkei gnädig aus, ivas Deutschland verjagte, fand in Slauenlündern Unterkunft, wofür wieder deutsch? Gastlichkeit den Flüchtlingen von den Kosakenhorden unter Chmel eine zweifelhafte Heimat verlieh. Die Gerechtigkeit erfordert es einzustehen, das; das stoos des christlichen Volkes viel schlimmer war. Bemühen Sie sich, ich bitte, die Gegenwart zu vergessen. Verlassen sie die Schauplätze und wandern Sie mit mir im Geiste zurück zu anderen Jetten und fremden Gegenden. Versenken Sie einen Augenblick alles, was unsere Zeit nuszeichnet, in Vergessenheit. Beseitigen Sie die Entdeckung der Elektricitäl ltnb ihre Wunder von Licht, Telegraph und Telephon. Gehen Sie zurück zu beit Zeiten, wo der Dampf noch nicht unter der Herrschaft des Menschen stand, Die Welt ist da ganz anders. Hier sehen sie ein schlecht unterhaltenes, freudloses Feuer, der Rauch steigt frei sich kräuselnd aus und nach der Seite, nach einem Ausgange suchend, den er endlich in einem Loche des Daches findet. Nirgends ein Schornstein, nirgends ein Fenster. Männer mit rauhen Bärten, Frauen mit ungekämmten Zöpfen, schmutzige und halbnac5te Kinder, alle im besten Falle in ungegerbte, roh zusammengesteckte Felle gekleidet. So waren die Hausleute, die nun zum Mittagsmahle versammelt waren. Eine Schüssel, mehr ist nicht da; aus dieser bedienen sich die Männer, Frauen und Kinder gleicherweise mit hölzernen Löffeln. Messer und Gabel giebt es nicht. Alles trinkt aus einem und demselben Holzgesäße der Reihe nach. 'Nun ist das Mahl vorüber. Alle eilen an ihre Arbeit. Folgen wir ihnen, so stoßen wir auf einen Hausen von Unrath und Auswurs vor der Thüre, wo es zum Verfaulen hingeworfen ist. Dieser Anblick mit seinen Gerüchen und der Lärm, der da herrscht, macht uns ganz übel, und wir eilen den Männern und Frauen nach ins Feld. Wir treffen sie dort mit ihren rohen, primitiven Gerüchen. Freudlos, düster, dumm, stumpf, wie die leblose Scholle, welche jeder Jüngling mit seiner rohen Pflugschar in der Furche wendet, und welcher er in jeder Hinsicht so enge verbunden ist. Ja wohl: verbunden! denn die Sclaverei des Alterthums hat sich nun in die Knechtschaft verwandelt, und der Arbeiter, der damals einem Manne als absolutes Eigenthum angehörte, gehört nun einem Stück Erdboden an, von dem er weder durch Geschenke, noch durch Loskauf sich befreien kann. Er ist gebunden an ein bestimmtes Landgut, auf dem er arbeitet. Wenn das Land verkauft wird, so ist er mitverkauft zur Knechtschaft für einen Anderen. — Dies ist die Lage des Arbeiters im 10. Jahrhundert, unter der Herrschaft des Feudal - Systems. Der Gutsherr im stattlichen Schlosse betreibt die Jagd oder führt die Waffen entweder im Turnier oder in der Uebung des Faustrechts, — des Rechts des Privalkrieges — in welchem er alle Männer seines Gutes von guter Körperbildung nöchig hat, oder er giebt sich beim Gelage allen den Ausschweifungen des Essens und Trinkens hin, lauschend den Tönen der Minnesänger oder den Einfällen seines Narren in der Schellenkappe, während drunten im Thale in Elend und Schmutz die Knechte bei der Arbeit sind. Keine moralische Gemeinschaft ist zwischen dem Herrn und dem Knechte. Dieser plagt sich für jenen in Friedenszeiten und kämpft für ihn im Kriege: Das ist der Preis, den er für seine Existenz bezahlt. — Gehen wir weiter durch das 10., 11., 13., 13., 14. und 15. Jahrhundert: nur wenig hat sich geändert und gebessert. Spricht man von der Bevölkerung Europa's in dieser Zeit, so kann man in Wahrheit nicht das „Volk" gebrauchen. Jene Knechte bilden doch das Volk. Sie haben keinerlei Einheit der Personen, der Dinge, der Regierung. Für sie existirt keine gemeinsame Bestimmung; kein gemeinsames Vaterland; sie sind jeder Art gesetzloser Unterdrückung unterworfen. — Aus diesen schlimmen, unwürdigen Verhältnissen heraus nahm das System der modernen, freien Arbeit seinen Ursprung. Der Einflüsse, welche den Umschwung bewirkten, waren mancherlei. Fragen wir uns: was ist es heute, was die Welt zu größern Unternehmungen antreibt und die Menschen dadurch zu größeren Anschauungen und weiterreichenden Plänen erhebt: Nun, in dieser Hinsicht war gewiß die menschliche Natrir nicht anders im Mittelalter als jetzt, und das reale Geheimniß, welches damals die Veränderungen bewirkte, kann, wie jetzt, zusammengefaßt rverden in dem Worte: Geschäfts-Verkehr. Das rvar der Zauberer, dessen Stab die wunderbaren Umbildungen hewonief, und damals wie heute, standen die Juden ganz besonders in seinem Dienste. Nur der Geschäfts- Verkehr kann die Welt vereinigen. Die Juden zerstreut in aller Welt, könnten diese Vereinigung verwirklichen. Nur durch den Geschäfts-Verkehr kann die Erfüllung des Traumes, der Hoffnung eines allgemeinen Friedens kommen. Die Juden waren überall liebevoll und strebsam an der Arbeit, die ganze Welt unter den Schatten der' schützenden Flügel des Friedens zu bringen. In Mitten der feudalen Anarchie standen die Juden allein als die freien da. So kam es, daß sie die commerziellen Traditionen der Welt lebendig erhielten und vervollkommneten. Sie waren ftei, weil sie wohl reich, aber keine Ritter werden konnten; während andere Lehen erkauft, oder, getrieben von Hunger, sich in die Knechtschaft verkauften, schloß der christliche Lehensbund, der von König und Ritter verlangt wurde, die Juden von dieser Möglichkeit aus. Die Juden waren auch im Mittelalter frei, denn sie allein durften Geldgeschäfte machen. Im Mittelalter waren Geldgeschäfte, auch die reellsten, ein staatliches und ein kirchliches Verbrechen. Erst die rrroderrre National- Dekonomie hat die allgemeine Rolle entdeckt und der Wahrheit gemäß klargelegt, welche der Zinsfuß in allen Unternehmungen spielt. Die Juden genoßen schon ftüher die Vortheile, deren dieser nationalökonomische Jrrthum früherer Zeiten die Menschheit beraubte. Durch diese zwei Umstände gelangten die Geschäfte aller Art ausschließlich in die Hände der Juden. Sie wurden, wie K i e s s e l b a ch sagt, „eine ökonomische Nothwendigkeit für das Mittelalter." So nothwendig waren sie für die feudalen Landedelleute, daß trotz der Menge der Zollhäuser und der Gefahren der Landstraßen, sie sicheres Geleit hatten, welches sie in den Stand setzte, ferne und weite Reisen zu machen. Sie legten weite Strecken zurück nach seltenen Producten und brachten sie in das Bereich des Wohlstandes und Geschmacks in Schlössern und Klöstern: die feinsten Stoffe, die seltensten Juwelen,