Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 46 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 46 Oestrrreichifchr Wochenschrift« Seite 847 Als vor wenig mehr als Jahresfrist der Abgeordnete T ü r k im Parlamente eine Brandrede gegen Oesterreich und die östencichische Armee hielt und der Abgeordnete F i e g l dagegen demonstrirte, wurde der Letztere von seinen Gesinnungsgenossen förmlich boycottirt. Er mußte aus dem antisemitischen Verbände austreten, die Heuen Lueger, Liechte nst e i n und Genossen aber schwiegen h i e; u. Und als vor wenigen Wochen ganz Oesterreich in namenloser Entrüstung ob des Bubenstückes ausschrie, das anläßlich der Kaiserreise in Böhmen in der Nähe von Reichenberg verübt wurde, da schrieben die „Unversälschten deutschen Worte" solgenden Vers: „Kaum reden darf ich. — Wenn scharf Wird die Schneide der Zunge, So hackt mich ins blutende Her; Ein Adler mit schwärzlich-gelben Gefieder." Die letzte Zeile war auch in den „Unverfälschten deutschen Worten" mit g e sp er rte u Lettern gedruckt. Das ivar deutlich geilug, ebenso deutlich, wie die solgenden Zeilen, die Herr Schönerer an die „Ansbacher Bicrhelden" nach Wien adressirte: „Bla uschwar; ist das Böse, Blast gelb ist der Neid." Herr L u e g e r hat einen a ni e r i k a n i s ch e >t Zeitungs' artikel, der von einem g e t a u s t e n Luden geschrieben lvurde, als Belveis sür den Unpatriotismus der ö st e r r e i ch i s ch e n Juden aufgegrisscn und die „Krelizzeitung" ist seinem Beispiele gefolgt. Aber weder Herr L u e g e r noch die „K r e u zzeitun g" haben jenials gegen die von iuvo eitirten Verunglimpfungen Oesterreichs llnd des habsburgischeu Kaiserhauses, die a u s d e m e i g e n e n a n t i s e m i t i s ch e n L a g e r h c r v o r g i » g e n , auch nur mit eurer Silbe remonstrirt- Niemals rvard ein Protest von dieser Seite vernomnien gegen diesen in den Grenzmarkelt Oesterreichs straflos verübten Unglintpf gegen unser Vaterland. Ein lateinischer Rechtssatz sagt: W e r s ch w e i g t, gibt damit sei n e ,Z tl st i in tu u n g z ti e r k e» 11 e n. Die österreichischen Juden haben weder mit Herrn Blowitz, noch mit „Harper M a g a z i it" etwas zrr thun. Die Herren Lueger unb Genossen aber unterhielten lange die innigste Verbindung mit dem Salzburger „Kyffhäuser," nüt den „Unversälschten deutschen Worten," mit dem „Vaterland," mit S ch ö n e r e r unb Türk Sie sind die Freunde der geschworeiten Gegner Oesterreichs, der offenen Vaterlandsverräther getvesen. Ob sie es heute noch sind, wissen wir nicht. Das aber wissen wir, daß sie gegen dieses Treiben kein Wort des Tadels haben. Die politische Lumperei der Antisemitensührer hält ihrer m o r a l i s ch e n L u m p e r e i vollkonuueit die Waage. Wolf und Tamm. Von Dr. Adolf Jellinek. Ein uraltes, anschauliches prophetisches Bild von der Zeit des ungetrübten Friedens, welche in die Geschichte der Völker einziehen wird, ist das friedliche Zusammenleben von „Wolf und Lamm". Der Friedenssürst wird der Hort der Armen, der Rechtsanwalt der Gebeugteir sein, nicht ein scharfes Schrvert wird er um seinen Leib gürten, sondern Gerechtigkeit und Treue. Nicht blos die Menschen werden sanslmüthig und friedliebend sein, sondern selbst die wilden, vernunstlosen Thiere Der reißende Wolf rvird mit dem sanften Lamme in Eintracht, zusammenwohnen in der Friedensepoche der Menschheit. Dieses prophetische Bild ist durch die jüdische Sibylle auch den Völkern bekannt und durch Vergil weithin verbreitet worden. Der Monat November dieses Lahres mft uns das Bild von Wols und Lamm lebhaft in die Erinnerung zurück; denn am Dritten desselben haben Hunderte von Mitgliedern europäischer Parlamente in Rom zu einer Friedensconseren; sich versammelt. Die alte Welthauptstadt wurde nach der Sage von Männern gegründet, welche von einer Wölfin genährt wurden, und das Thier, welches ihr ausdruckvollstes Symbol ist, ist die blutgierige W ö l si n. Ein Meer von Blut bezeichnet ihren (Lang durch die Weltgeschichte. Das Thierzeichen Judäas ist gleichfalls nach prophetischer Redeweise, das sanfte geduldige Lamm. „Wie kann", fragte der Kaiser Hadrian einen jüdischen Weisen, „ein Lamm unter siebzig Wölfen, Juda unter siebzig feindseligen Nationen sich erhalten und fortbestehen?" „es hat einen ausgezeichneten, sorgsamen und mächtigen Hirten", lautete die Antwort. Ln der Stadt der Wölfin also wurden in den ersten Tagen des November 1891 Sieben gehalten, um die blutigen Schwerter aus der Entwicklung der Menschheit zu entfernen, den mörderischen Kriegen Einhalt zu rhun und eine Epoche friedlicher Schiedsgerichte zrr inauguriren. Wer, fragen tvir, rvird in der Geschichte der Völker den Sieg davoutragen, Roma die Wölsirr, oder Zion das Lamm? Alan wird von den Schauern einer unvergleichlichen Ehrfurcht ergriffen, rvenn mau erwägt, daß die hebräischen Propheten in Jerusalem vor Lahrtausenden verkündet haben, daß eine Zeit anbrechen rverde, irr rvelcher keine Station wider die andere das chrvert erheben und die Völker mit der Kriegskunst sich nicht beschäftigen werden. Sie waren wohl Schwärmer, Idealisten, Utoptisten, unpraktische Träumer, Phantasten genannt, weil sie die Philosophie des Krieges, daß er nämlich zur Eivilisrrrrng der Völker viel beiträgt, zurückwieseir, von dem Fortschritte der Menschheit zur wahren Eivilsation und echten Humanität tief überzeugt rvaren und mit lauter Stimme und mit einer Begeisterrrirg, deren nur das göttliche Genie fähig ist, von der urrgetrübten Friedenszeit in den Annalen der Nationen predigten, Nein! Die Männer, welche den höchsten Ruhm Israels bildeten rurd durch deren Mund der Geist des Iudenthums in seiner ganzen Herrlichkeit und Schönheit sich offenbarte, waren, keine Träumer, sie überragten nicht blos ihr eigenes Zeitalter, sondern auch die späteren Jahrtausende. Wer hätte noch vor einem Jahrhundert es gedacht, als Elihu Buritt wegen seiner- Friedensproklamationen verspottet wurde, daß im römischen Capitol angesehene Politiker und ausgezeichnete Männer zusammentreffen rverden, nur sür diese Offenbarung unserer Propheten Propaganda zu machen? Damm Gedtild, Muth, Ausdauer, Beharrlichkett, Festigkeit, unerschütterlichen Glauben an unsere große, wetthistorische Mission, Hoffnung und Zuverficht, daß wir nicht vergebens Märtyrer der höchsten Ideen und der lautersten Wahrheiten find, ein in wunderbarer Weise geschütztes Lamm inmitten reißender und raubsüchtiger Wölfe. In höchst interessanter Weise kommt unser Glaube att den endlichen Sieg von Friedenskonferenzen in unserer Litmgie zllm Ausdrucke.