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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-13 · 45 (13.11.1891) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
45 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Hr. 45 OrArrrrtchische Wochenschrift. Seite 841 der Gemeinde nun vielleicht nur eine Last sein, darum geh' ich fort sc eher je besser." Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, ich hörte sie leise weinen. Da plötzlich schlugen die Stimmen der Menschen wieder an unser Ohr. Der Wagen war den kleinen Hügel rasch heruntergesaust; doch ehe die grauen sich noch hcrandrängen und uns befragen konnten, hatte ich Isaak gesehen und rief ihm freudig zu: „Hier ist Esther!" (rr stieß einen Iubelschrei ans. Schon war er am Wagen, hob sie mit seinen kraftvoller Armen herunter und sie fest an sich drückend rief er: „Estherliebe, liebe Esther Du bist gesund, Gott sei ewig Dank dafür." Als er die verdutzten Gesichter der Umstehenden bemerkte, ergriff er rasch Esther's Hand und indem er einen Ring arrf ihren Finger gleiten ließ, sagte er laut: „So erkläre ich Dich zu meinem Weibe vor dem Gott Abrahams, Jsaak's und Jakob's und alte diese sollen Zeugen fein. Da unten versank das Dorf in dunkler Glut, hier oben stiegen neue Liebesflammen auf. Seltsam, wer hätte sagen können ob das ein gutes oder böses Onen war. Ein Peitschenknall, ein Sprung der erschreckten Pferde ließ die Weiber schreiend auseinanderstieben. Gabriel hatte diese Verwirrung angcrichtet. Sie schalten ihn und murrten, auch Isaak rief Gabriel herab aber die Männer drängten sich zwischen ihn und dem Knecht und riefen: „Friede sei mit Dir und Segen Deinem neuen Bunde, aber den Ehristen mögen wir nicht unter uns. Wer weiß ob er uns nicht das große Unglück heraufbeschworen hat." Isaak richtete sich hoch auf. „Wer wagt es mir vorzuschreiben," rief er, „wer kann Anstoß daran nehmen, daß ich einen Unglücklichen und Verirrten welchen Glaubens er immer )'eit in mein Haus nahm! Wie für die Thorarollen wolltet Ihr Euch in die Flammen stürzen und das einfachste Gebot dieser Rollen: Schütze den Fremdling in deinen Thoren, denn ein Fremdling bist dn gewesen im Lande Aegypten, tvollt Ihr verleugnen! Gabriel, Du stehst zu mir, komm hierher, sei getrost, niemand wird Dir ein Haar krümmen so lange ich Dich schützen kann." Aber Gabriel blickte nicht auf. Trotzig und finster stand er da, ich allein wußte was in der Seele des Unglücklichen vorging, und jetzt glaubte ich es meiner Kirche schuldig zu sein, ihn seiner eigenen Entscheidung zu überlassen. „Jst's möglich Gabriel," rief Isaak, „Du kommst nicht zu mir, Du wendest Dich ab, von mir und Esther? Ein Schwindel schien den Armen zu ergreifen, dann umklammerte er meinem Arm und mit heiserer Stimme sagte er: „Pater Antonio, ich gehe mit Euch, sagt's der Gräfin Berchthokd." Isaak preßte Esther's Hand als ob ihn ein heftiger Schmer; durchzuckte, während ein triumphirendes Geinnrmel durch die Reihen der Umstehenden ging. Dann trat die Gegenwart wieder in ihr Recht, und bei der Fülle der neuen Aufgaben die Isaak und Esther helfend und beratend erfüllen mußten, konnten sie leicht den Knecht und seinen peinlichen Abschied vergessen. Isaak hatte Wort gehalten. Die Synagoge erhob sich aus der Asche größer und prächtiger als sie gewesen war. Auch die Thorarollen waren ersetzt worden, und als die Judcngasse mit ihrer neuen Häuserreihe stattlich wieder aufgerichtet war, da führte Isaak Esther in sein Haus und dieses Haus war nach der Synagoge das stattlichste von allen. Wenige glückliche Jahre waren den beiden vortrefflichen Menschen beschieden. Ein liebliches Kind war der Höhepunkt ihres Glückes, wie es die Ouelle ihres Leidens wurde. Die Gräfin Berchthold hatte seit jener Nacht ein äußerst lebhaftes Jnterresse für d>'e schöne Esther gezeigt. Dieses Interesse traf mit meinen eigenen Sympathien zusammen und so geschah's daß sich unsere Unterhaltung osi um die mir so theuren Freunde drehte. „Wie ist es nur möglich" fragte mich einst die Gräfin „daß Ihr im Hause der Juden verkehren könnt, daß Ihr sie lieben könnt und sie doch auf dem falschen Wege lassen?" „Wer sagt mir, daß so edle Menschen aus dem falschen Weg sind." „Nicht die That beweist" rief die Gräfin, sondern der Glaube." ,,Der Seelenfrieden dieser Menschen ist mir heilig." „Was nützt der Frieden hier arrf Erden, wenn ewige Berdammniß dort ihrer wartet!" Der Fanatismus der Gräfin stieß mich ab, sie hatte kein Verständniß für die milde, anfklärende Weisheit der neuen Zeit, die unser jugendlicher Fürst Joseph heransiühren wollte und sollte. Ich ging seltener in's Schloß denn so oft ich cs verließ fühlte ich mich tief verstimmt. Selbst die auffallende Güte der Gräfin gegen Gabriel, die ich wohl bemerkte, wirkte nicht versöhnend auf mich. Isaak bemerkte meine Verstimmung aber glücklich in den Besitz seiner Frau und seines Kindes begrifs er es nicht daß mich die überspannten Ideen der Gräfin, wie er sie zu nennen beliebte, auch nur einen Augenblick beunruhigen konuten. So zog ich mich still in meine Zelle zurück und lebte nur meinen geistlichen Pflichten. Eines Tages als ich in der kleinen Dorfkirche vor wenigen andächtigen Zuhörern die Messe gelesen hatte, sah ich Gabriel noch immer betend ans den Stufen des Altares knieen, wahrend die Anderen schon die Kirche verlassen hatten. Er war ganz in Andacht versunken, ich wollte ihn nicht stören als ich die Stufen herunterschritt Höne ich ilm leise die Worte murmeln: „Gieb mir ein Zeichen, Jungfrau Maria, gieb mir ein Zeichen, Mutter (Lottes. Ich bemerkte jetzt die große Angst in der er betete, und fragte ihn theilnehmend: „(Gabriel was fehlt Dir?" Erstarrte mich an. „Hebe Dich hinweg Priester" sagte er dann, „Du hältst es mij den Ketzern." Ich wich erschrocken eilt paar Schritte zurück, er bekreuzte sich und verließ die Kirche. „'Was machte die Gräfin aus dem armen Teufel! Sollte ich ihn gehen lassen? er schien so sehr des Zuspruchs zu bedürfen. Ich näherte mich der Thür da stand er in eine Ecke gedrückt und schien mich zil erwarten, (''r folgte mir schweigend ins Freie." „Ist die Gräfin Berchthold nicht eine sehr fromme Frau" sagte er plötzlich. „Gewiß, warum zweifelst Du daran." „Ich zweifle nicht, ich wollt es nur aus Eurem Munde hören. Darf ich ihr in allen Stücken vertrauen?" „Sprich detitlicher." „Sie sagt" fuhr Gabriel tief aufseufzend fort, „daß wir uns den Himmel verdienen wenn wir eine unschuldige Kinderseele aus dem Pfuhle der Hölle in den Himmel retten." „Und wer, wer," fragte ich mit erstickter Sttmme, „wer soll retten." „Ich murmelte er, wer sonst." „Sprich" donnerte ich ihm an, von einer bösen Ahnung ergriffen, „welche Kinderseele sollst Du retten und wie?" „Droht nicht Priester" sagte er dumpf, „Eure Drohung kommt zu spät. Was ich thtln sollte, Hab ich gethan, aber die Ruhe die mir die Gräfin versprach Hab' ich noch nicht gefunden. Die Madonna sollte mir ein Zeichen geben und als ich sie inbrünstig anflehte, da tratet ihr zu mir, Ihr, der mit Ketzern Gemeinschaft habt, vor dem mir graut. Das war ein böses Zeichen fuhr er schnaubend fort, „aber Ihr sollt's gut machen, wozu seid Ihr Priester." „Genug rief ich indem ich mich zwang ruhig und milde zu sein, sage dem Priester Alles, ich habe ein Recht Deine Beichte zu hören." „Die Gräfin hat vergeblich gehofft," hob Gabriel an, ,chaß Ihr Euren Einfluß auf Esther benutzen würdet, da hat sie mich dann überzeugt, daß Jsaak's Kind eigentlich ein Ehrislenkind ist, denn sie wußte es aus ganz sicherer Ouelle, daß das Kind schon ganz heimlich getauft fei. Um dieses Kind der Seligkeit znzuführen mußte auch ich für diese Taufe Zeugniß ablegen denn mein Zeugniß würde noch viel mehr Glauben finden und dem Herrn J'aak und seinem Weibe würde keinerlei Unheil daraus erwachsen. Sie würden nur eines Tages den Himmel segnen der durch ihr Kind sie selbst den Schoß der alleinseligmachenden Kirche geführt hat." „Und Du, Du wirst Dich brauchen lassen eine solche falsche Aussage zu machen?", „Ich brauche nichts anszusagen, ich brauchte, ich mußte nur meinen Namen auf ein Papier setzen." „Und Du Unglücklicher, Du hast es schon gethan!"" „Die Gräfin sagte ich könnte eine Seele retten, und selbst wenn die Magd eine falsche Aussage gemacht hat, wer aus Gottesfurcht eine Unwahrheit sagt, meint die Gräfin, dem verzeiht Gott eher als wer ans Menschenfurcht die Wahrheit sagt."" „Entsetzlich"" stöhnte ich auf, „und an das Elend das Du über diese Menschen bringst hast Du nicht gedacht."" „Elend"" wiederholte er, „Esther elend"" er starrte mich an. „Die Gräfin sagte: „Und so belohnst Du alles Gute" unterbrach ich ihn in ausbrechenden Schmerze, „Dein Leben haben sie erhalten, sie haben Dich genährt und gewärmt und jetzt stichst Du sie ins Herz! „Ich Esther tödten,'" schrie er, ich ihr Mörder; nein, nein, hilf Priester, hilf!"" „Hast Du unterschrieben."" Ein Schrii der Verzweiflung war die Antwort. „Ich gehe aufs Schloß"" entschied ich, „ich werde selbst mit der Gräfin sprechen. So rasch uns die Füße trugen eilten wir vorwärts, kein Wort wurde mehr zwischen uns gewechselt. Gabriel folgte mir bis zur Schwelle des Gemaches; als ich hineintrat und die Thüre schloß, brach er zusammen. Ich weiß nicht wie lange mein Unterredung mit der Gräfin gedauert hatte, ich bat, ich beschwor, ich drohte, vergeblich; nachdem sie mich nicht von der Gerechttgkeit ihrer Handlung hatte überzeugen können, erklärte sie mir kurz und gut, daß sie die Anzeige von dem Vorfälle bereits dem Prior des nächsten Klosters gen acht habe und jeder Protest zu spät käme. Ich sprang vom Sessel auf, preßte die Hände gegen die stürmisch klopfenden Schläfen, rannte wie ein Irrsinniger durch das Zimmer; endlich blieb ich vor der Gräfin stehen, und meiner selbst nicht mächtig, rief ich ihr zu: „Daß Gott die Missethat der Eltern nicht heimsuche an den Kindern"" und damit stürmte ich aus dem Zimmer. „Einen Ausweg, barmherziger Himmel, einen Ausweg! Soll ich hinunter zu Isaak ihn warnen? was nützt's! Wer weiß ob sein Haus nicht schon umstellt, sein Kind ihm nicht schon geraubt

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