Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-13 · 45 (13.11.1891) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
45 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020893--00871-3024882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 45 Oesterreichische Wochenfchrifl. Seite 837 bedrohen sie Jeden, der ihnen nicht zu Willen ist. Viel haben sie erreicht; deutsches Wesen und christlicher Glauben haben seit Langem durch sie gelit!en. Ihre Presse ist voll von Kirchenfeindschaft und Umsturz; in der politischen wie in der sozialen Demokrati: sind sie Führer; ein Jude, obwohl derselbe Großindustrieller und Großkapitalist ist, ließ sich auf dem sozialdemokratischen internationalen Kongreß zum Präsidenten ausrufen. Es erscheint mir unwürdig und für die deutsche Zukunft bedrohlich, daß die Juden auf der einen Seite die Mammonshenschaft und damit die soziale Gefahr verschärfen, auf der anderen Seite in ihren Zeitungen das Volk gegen seine weltlichen und geistlichen Ordnungen aufhetzen und damit den sozialen Umsturz schüren." Di' Phrasen sind ja die alten; ein Fortschritt ist jedoch, daß der Herr Hofprediger a. D. es nicht mehr für opportun hält dieselben mündlich vorzutragen, sondern sie dem geduldigen Papier anv^traut. Er ist wohl selbst schon zu der Einsicht gekommen, daß in einem Vortrage das hiesige Publikum solche hundertmal widerlegten Unwahrheiten nicht widerspruchslos hingenommen hätte. Kopenhagen, 25. Oktober. Georg Brandes feierte heute sein 2öjähriges Schriststellerjubiläum. Doch gestaltete sich dies fast mehr zu einem Huldigungsfest für den Vorkämpfer geistiger Freiheit und Entwickelung in Dänemark als zu einem Jubiläumsfeste. Alles, was Dänemark an geistigen Größen aufzuweisen hat, hatte sich zu einem Festbankett um Brandes geschaart, von dem man mit Recht sagen kann, daß er bahnbrechend für das geistige Leben des ganzen skandinavischen Nordens gewirkt hat und auch heute noch in gleich rüstiger Frische und mit aller Schärfe seine Ideen entwickelt. Eine Unzahl von Drahtmeldungen und Glückwunschschreiben war cingetroffen, darunter von Ibsen, Björnsterne, Kjelland u. s. w. Den Glanzpunkt des Banketts bildete die Rede Brandes', in welcher er mit Beziehung ans sein Streben äußerte: „Mein Traum von meiner Jugend an war, daß in Dänemark trotz seiner engen Grenzen ein Geistesleben so frei und so reich rot: in Europas hervorragendsten Ländern entstehen müsse. So klein dies Volk ist, so reich ist es von Natur aus begabt und befähigt. Die alte Erziehungsmethode hatte die Fähigkeiten verdorren lassen und sie unfruchtbar gemacht. Ich war der Meinung, es würde nur einer Befruchtung bedürfen, um einen wahren Blumenflor entstehen zu lassen." Den Beschluß des großartigen Festes bildete ein großartiger Fackelzug, an welchem sich Studenten, Künstler, Buchdrucker mit ihrer Fahne, sowie zahlreiche Arbeiter betheiligten. Petersburg, 29. Oktober. Wie man von hier der Berliner „Jiid. Presse" schreibt, hat das führende antisemitische Organ, die „Nowoje Wremfa", angekündigt, daß neue Ausnahmegesetze gegen die Juden in Aussicht stehen. Fürst Meschtsch ers ki beeilt sich, in seinem „G r a s h d a n i it" ein energisches Dementi zn veröffentlichen, das um so beachteuswerther und bedeutsamer ist, als das Blatt bekanntlich intimste Fühlung mit den leitenden Kreisen hat und sonst von einer Voreingenommenheit zu Gunsten der Juden sehr w:it entfernt ist. Beginnend damit, daß die flaue Stimmung der hiesigen Börse auf ein Manöver znrückzuführen sei, indem man „wieder einmal mit dem Gerücht operirt hätte, es würden gegen die Juden neue Maßnahmen geplant", fährt „Grashdanin" fort: „Selbstverständlich sind diese Gerüchte durchaus falsch und unbegründet. Das Faktum der periodischen Wiederkehr von Gerüchten über allerlei gegen die Juden in Aussicht genommenen strenge Maßregeln an und für sich beweist, da diese Gerüchte sich noch nie bewahrheitet haben, daß sie jeglichen Grundes entbehren und daß die Börse, wenn sie sich ihrem Einstusse hingibt, nur denjenigen in die Hand spielt, denen das vortheilhaft ist, d. h. den Rußland feindlichen Sphären, die so hartnäckig gegen unsere Finanzen einen Kampf führen, sogar jetzt nach, nach allen unsere" finanzwirthschaftlichen Siegen. Zur Zeit ruhen auf den Schultern unserer Regierungsressorte solche dringliche Fragen von allergrößter staatlicher Wichtigkeit, daß sie schwerlich Zeit haben, mit Dingen sich zu beschäftigen, wie die Judenfrage, die eine reifliche Erwägung und allmähliches Vorgehen heisch t." Die „Rowosti" knüpfen an diese Auslassung des „Grashdanin" einige Bemerkungen, indem sie äußern, daß „das große V y l k s e l e n d, das jetzt über die besten Schwarzerdgebiete des Staates hcreingebrochcn, Gebiete, die dem jüdischen Elemente durchaus verschlossen seien, den bei uns landläufigen Anschauungen von dem schädlichen und kulturfeindlichen Einflüsse dieses Elements radikal ein Ende machen müsse". Man kann doch in der Thal unmöglich ein solches in die Augen springendes Faktum übersehen, daß die Landstriche des Staates, die den s o g e n a n n t e n „Wohnsitzr a y o n der Juden" bilden und sich durch besonders reiche und gute Erntefaktoren nicht auszeichncn, s ch o n lange keine Mißernten oder gar Hungerzeiten gekannt haben. Wir glauben sogar, daß bei der Erforschung der Grundursachen der derzeitigen wirthschastlichen Nothlage ernstlich in Betracht zu ziehen wären die Ursachen der kulturellen Ueberlegenheit unseres Westgebietes gegenüber dem übrigen Ackerbau treibenden Rußland. Wie „Woschod" aus Starodub erfährt, hat sich zum Besten der durch die Exzesse geschädigten Juden ein Comitö gebildet, an welchem der Direktor der städtischen Eommunalbank, Herr W. O. D j a t l o w, und der Adelsmarschall, Herr R a w u s o w, der am Tage des Krawalls bereits durch sein humanes Auftreten sich auszeichnete, warmen Antheil nehmen. Den Anstrengungen des Letzteren ist es zu danken, daß der Pöbel davon abstand, die Synagoge anzuzünden. Das Aeußere der Stadt, die Trümmer der niedergebrannten Häuser, die ausgeraubten Läden, die Häuser ohne Fenster und Rahmen gewähren einen unbeschreiblich traurigen Anblick. Gegenwärtig ist eine Haussuchung im Gange, und man flndet Maaren aller Art, Geld und Silber sogar bei wohlhabenden Leuten. Als Urheber und Anstifter wird der reiche Kaufmann G . . . . genannt, welcher zum Krawall gehetzt haben soll und jetzt spurlos verschwunden ist. Zur Leitung der Untersuchung ist der Staatsanwalt aus Kiew in Starodub cingetroffen. — Auch in Ihrem Blatte ist wiederholt über die von Sendlingen der „Heilsarmee" bewerkstelligte Entführung des jü dischenMädchens Chawa Slav a t c s k \) aus H e lsi n g f o r s berichtet worden. Die schwedische Zeitung „Dagens Nyhcter" bringt nunmehr, wie hiesige Blätter melden, fernere Einzelheiten über die sensationelle Affaire, welche vielleicht auf die Spur des Mädchens führen können. Wie „Dag. Nyh." mittheilt, halt ein Offizier der „Heilsarmee" das aus Finnland kommende Mädchen in Stockholm empfangen, von wo sie Anfangs nach der Landschaft Närrland gebracht wurde. Darnach führte man Chawa nach GötebNH, Helsingborg und Helsingör, weiter über Korsör Kiel durch Norddeutschland und Holland nach Niessingen und von hier via Queensborough nach London. Die Kosten zur Bestreitung der Reise und des Aufenthaltes Chawa's sollen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.