Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 45 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 45 De Irrrrichi^che WochenjchrNt. Seite 835 Eoncessionen an den Antisemitismus provocirt und brüskirt werden. Ist es etwa zartfühlend, wenn Dr. Weitlof in seinem am Leipaer Ortsgruppetage erstatteten Berichte mit besonderer Accentuimng sagt, daß es der Centralleitung ganz gleichgiltig sei, ob ein Liberaler, Clericaler, Antisemit oder Demokrat fiir den deutschen Schuloerein opfcr.! Was soll man weiter davon halten, wenn Dr. Weitlof sich entschieden dagegen verwahrt, daß der deutsche Schulveren jüdische Kinder und jüdische Schulen unterstützt und gewißermaßen als Entschuldigung anführt, daß „überhaupt nur ein Fall vorgekommen, daß eine jüdisch-deutsche Schule mit Lehrmitteln unterstützt worden ist." Gerade zu provocirend ist es aber, daß Dr. Weitlof es passend findet, „den Anwurf zu widerlegen, daß jüdische Lehrer an Schulvereinsschulen angestellt werden." Mit derartigen Phrasen wird dem Rassenhaß Berechtigung gegeben und nicht indirect sondern ganz stricte gebilligt. Dr. Weitlof hätte den Muth finden sollen-auszusprechen, daß nachdem ein sehr erhebliches Percenl Juden dem deutschen Schulvereine als Mitglieder angehören, diese Juden auch ein Recht besitzen, daß ihre Schulen in sprachlich bedrängten Territorium unterstützt werden und daß die Centralleitung bei der Anstellung von Lehrkräften sich nur von der Befähigung leiten lassen, Derartiges hätte imponirt. Mit Concession.'n an den antisemitischen Mob wird dem Rassenhasse nur neue Nahrung zugeführt. Ist es nicht eine förmliche Provocation, daß in der Centralleitung in der Wolle gefärbte Antisemiten Sitz und Stimme haben? Dr. Weitlof sollte die Erfahrung gelehrt haben, daß das Liebäugeln nach zwce Seiten stets von schlimmen Folger: begleitet ist und auch der deutsche Schulverein wird über kurz oder lang daran scheitern. Bisher haben es die jüdischen Mitglieder des deutschen Schulvereines aus Liebe zur Sache vorgczogen, weiter demselben auzugehören. Allerdings ist der Eifer, mit welchem sie vordem die Zwecke und Ziele des Vereines u. s. w. förderten, erkaltet. Will man cs etwa dazu bringen, daß die Juden sich aus dem deutschen Schulvcrein absentiren! Man beabsichtigt dies zweifellos nicht, allein schließlich kommt cs bei fortgesetzter Befolgung der Zweiscelcntheorie dennoch dazu, dessen möge man eingedenk sein. Wien. (Gräber-Luxus.) Im Vorjahre machte ich im gelesenstcn Journale Wiens, der „Neuen Freien Presse", vor dem christlichen Allerseelenfeste die Anregung, die enormen, auf Hunderttausende zu schätzenden Beträge, welche zur Gräberausschmückung verwendet werden, dem mit namhaften Deficit kämpfenden „Vereine zur Bespeisung armer Volksschulkinder" zuzuführen und ging, obwohl ich Jude bin, mit gutem Beispiele voran, weil ich, wie jeder Jude, im Wohlthlin keinen Unterschied mache, ob der Bedürftige dieser oder jener Consession angehört. Meine Anregung blieb leider ohne Erfolg. Noch wie vor werden colossale Geldmittel zur Fröhnung eines unberechtigten Luxus vergeudet. Die Pietät gegen Verstorbene könnte in viel erhebenderer und würdigerer Weise Genüge geschehen, wenn die Schule besuchenden Kinder armer Eltern in strenger Winterszeit mit warmer Speise versehen werden der wäre humaner als Schmuck der Gräber und Widmung von kostspieligen Blumenkränzen bei Leichenbegängnissen. Hier wäre für die „christlich-sozialen Antisemiten" ein dankbares Feld der Bethäligung, um den Beweis zu erbringen, daß es ihnen Ernst ist, mit der Förderung des Wohles der armen Volksklassen. Hie Rhodus, hie salta! Sehr zu bedauern ist, daß der schöne demokratische und philosophische Grundsatz- „Gleichheit im Tode" auch bei den Juden mehr und mehr außer. Uebung kommt, erfreulicher Weise jedoch nicht auf Kosten der Humanität, immerhin aber als Verstoß einer Jahrhunderte alten Uebung, die den Juden nur zur Ehre gereichte. Wir behalten uns vor auf dieses heikle Thema nächstens des Ausführlicheren zurückzukommen. E. B. Wien (Antisemiten unter sich.). Die „Ostdeutsche Rundschau" vom 8. November 1891 schreibt über die antisemitischen Gesinnun^genossen; „Namen, wie der des Herrn Eooperators Pater- Lat schka, des Typus der politischen Eaplanokratie, lassen erkennen, daß hier die clerirale Partei die Hand im Spiele hat und hinter der Sache das hiesige Organ für softematische Volksv ertrottelnng und höheren Stumpfsinn, das jede deutschnaüonale Regung mit dem Gifte der Denunciation begeifernde czechisch-feudal-clericale Junkerblatt, dieser böse Geist der Wiener antisemittschen Bewegung, steht. So müßten wir denn fürchten, daß die von dem Vereine unter solcher Führung geschaffenen Einrichtungen lediglich dazu dienen würden, clericale Anschauungen im Volke zu verbreiten, und daß anstatt wirklich christlichen Geistes der Geist gefördert würde, der uns aus den Spalten des „Vaterlandes" abscheulich und widerwärtig für jeden gebildete»», deutschen, wenn auch noch so christlich gesinnten Mann, entgegenweht." Wien. 9. November (Parlamentarische?.). Die Deuffche Nationalpartei bat nach dem Austritte der Abgeordneten Kraus und Pernerstorfer bereils einen Ersatz erhalten Wie der Abgeordnete Polzh ofer in einer Wählervcrsammlung verkündete, beabsichtigt er mit Dr. Pattai, seinem engsten Gesinnungsgenossen, der deutschen Nationalpattei beizutreten, und ist an der Aufnahme der beiden Abgeordneten kaum ein Zweifel zulässig Beide letztgenannte Abgeordnete gehörten ja gerade so wie die Abgeordneten Fürnkranz, Garn ha ft. Kaiser und Riegler, die sich nun ganz für die deuffche Nationalpartei entschieden haben, bisher der Liechtenstein'schen „freien Vereinigung auf christlicher Grundlage" an. Wenn die Fahnenflucht unter den 18 Liechtensteinern in gleiche»» Maße anhält, die nun in kurzer Zeit ein Dritrheil ihrer Mitglieder verloren, dann wird Fürst Alois Liechtenstein bald nur mit seinem Freunde Schneider und dessen engsten Gesinnungsgenossen Lueger Zurückbleiben. Die Deutsche Nationalpartei aber wird bald ganz unter antisemitischer Flagge segeln; es handelt sich nur mehr daruin, daß die Frage gelöst wird, ob Steinwender oder Pattai die Führerschaft in dem Club gebühre. Berlin, L6. October. Die abfällige Kritik, welche jüngsthin die „Norddeutsche allgeineine Zeitung" über den Antisemitismus und dessen politische Bedeutung gebracht hat, versetzt die „Kr-uz-Zeitun g" in eine nicht geringe Aufregung, und die Patronin Stöckers windet sich und müht sich in einein spaltenlangen Artikel, um ihrer lieb gewordenen Spezialität die erträumte Bedeutsamkeit zu retten. Die Gründe, welche das Blatt hiefür ins Feld führt, sind jedoch recht fadenscheinig, sie beschränken sich kurz darauf, daß sich „in Deutschland und Oesterreich Vereine zur Abwehr des Antiseinitismus gebildet haben, von denen der erste unter der Leitung eines evangelischen Geistlichen und liberalen Agitators bei den Berliner K rchenwahlen steht." Wir wollen darüber hinwegsehen, daß die „Kreuz-Zeitung" mit ihrer bekannten Logik hier etwas Unbestrittenes zu beweisen sucht — denn nicht von der Bedeutungslosigkeit des Antisemitismus im Allgemeinen, sondern nur von seiner politischen Bedeutungslosigkeit hatte die „N. A. Z." gesprochen — und wollen uns die weiteren Ausführungen des Antisemiteublatles ansehen, die sich durch eine köstliche Naivetäl auszeichnen. Denn in dem Bestreben, dem Antisemitismus eine höhere Bedeutung zu vindiziren, kommt es der „Kreuz-Ztg." gar nicht darauf an, denselben vollständig auf eine Stufe »nit -der Sozialdemokratie zu stellen. Hiermtt nähert sich das Blatt der Auffaffung, die wir von diesen beiden Krank-