Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 45 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.45 Oeyrrrrichischr Wochenschrift. Seile 833 «W ganzer Mann erfüllen wird. Wir aber versprechen, ihm stets auS vollen Kräften mit Rctth und That beistehen zu wollen. Ich schließe meine Worte mit einem Ruse, dem Sie Alle aus vollem Herzen Leistimmen dürsten: Eljen Wahrmann Mor!" (Lebhafte Eljcnrufe). Das Redactions-Comit« des zu Gunsten der russischen Juden dahier herauszugebenden Album hielt dieser Tage eine Sitzung ab und brachte darin mehrere die Sache fördernde Peschliifse. Die Schrift wird nicht wie anfangs beabsichtigt zu Weihnachten, sondern erst Ende Februar unter dem Titel: „Az flldözöttekert“ (Für die Verfolgten) erscheinen. Den Aufruf zur lit. und künstlerischen The lnahme haben bereits mehrere hervorragende Persönlichkeiten unseres öffentlichen Lebens unterst rieben. Namentlich: Balthasar Horvath (qew. Justizminister), Max Falk, Alexander Heg edüs, Johann Asbüth. Von den Künstlern werden daran theilnehmen: Georg Zala, Lietzen, Mayer, T e l e p y u. v. A. „Egyenlöseg“ bringt in seiner dicswöchentlichen Nummer ein Interview seines Redacteurs mit dem berühmten Orientalisten Univ. Professor Herrmann Bämbäry, den er hinsichtlich des jüngsten türkischen Erlasses gegen die Einwanderung der Juden um seine Meimmg befragte. B ä m b 6 r y, der im vorigen Jahre längere Zeit hindurch Gast des Sultans war und als einstiger türkischer Beamter gründlicher Kenner orientalischer Verhältnisse ist, sagte unter Anderem: Auch ich glaube nicht, das hygienische Bedenken Ursache des Erlasses seien, ebensowenig wie Vorurtheil und Engherzigkeit. Ich hörte es sehr oft aus dem eigenen Munde des Sultans, daß er zwischen Juden und Andersgläubigen keinen Unterschied kennt, und seine jüdischen Unterthanen folgern mit Recht aus mehr als einer seiner Thaten, daß der großherzige Herrscher ihren Frieden, ihr Glück und ihren Fortschritt im Herzen ttägt. Ursache des Erlasses wird wahrscheinlich die überaus große Ueberschwemmung Palästinas durch die fremden Juden ein, welcher Umstand leicht ein politisches Uebel werden könnte, das zur Einmengung fremder Mächte Anlaß geben würde. Die vielen Juden in Palästina wären also ein immerwährender drohender politischer Zündstoff. Viel geeigneter und unbedenklich wäre hingegen Mesopotamien, das biblische „Arani Naharaim" mit seinem ftuchtbaren und dünnbevölkerten Boden. Die leitenden Männer der Ansiedlungs-Angelegenheit russischer Juden mögen einen Versuch machen und sich an den Sultan wenden, damit er ihnen dort zu dem Zwecke Territorien überlasse. Gewiß wird er ihrem Ansuchen willfahren". 8. M — 1. Eine jüdische Schriftstellerin. Von Dr. M. Kayserling. Eine seltene Frau, wie sie besonders in der Gegenwart selten gesunden wird, ausgezeichnet durch Wissen und Religiosität, segnete vor einigen Wochen das Zeitliche: Jetti Wohlerner schied den 5. October im Alter von 78 Jahren in Lemberg aus dem Leben. Jetti BÄHllrrner, geb. Kehlmann, stand im Ruse einer gewandten Hebraistin. Mit dem kreisamtlichen Zeugniß über die Kenntniß deutscher Lehrgegenstände, etwas Schreiben, Lesen und Rechnen, und etwas Religion verstehend, trat sie, nicht älter als acht Jahre, in das Geschäft ihres Bat«s, wo sie sich auch in der kaufmännischen Correspondenz selbstständig versuchte. Das wißbegierige Mädchen nahm bald an dem Unterrichte Theil, welchen ihr jüngerer Bruder im Hebräischen genoß; sie faßte eine solche Vorliebe für die h ebräische Sprache, daß sie an Sadbaih und Festtagen mit Hilfe der Mendelsohn'schen Uebersetzung den Pentateuch in der Ursprache studirte. Eines Tages machte ihr Vater sie auf einige hebräische Briefe von Anna Maria Schurmann aufmerksam. ..Welche- Schande für jüdische Mädchen!" rief sie in Ekstase aus. „Ich muß es versuchen, den Vorwurf abzuwälzen!“ Sie nahm nun bei einem jungen Polen, der gerade in Lemberg Medicin studirte, Unierrichr im Hebräischen er las mit ihr „die Mosalde" von Wessely, das allegorische Drama „Ruhin den Tugendhaften" von Moses Luzzano und anderes. Dr. Hr. Goldschmied, das ist der Name des Lehrers, der in dem jungen Mädchen schrifstellerisches Talent entdeckte, hielt sie auch zu Uebersetzungen aus dem Deutschen ins Hebäische an. Jetty war kaum vierzehn Jahre alt, als ihre Eltern sie mir L. Rofanes aus Brody, einem jungen Manne in gleichem Alter, verlobten. Das junge Brautpaar eröft'nete einen Briefwechsel in hebräischer Sprache, der nach dem Urtheile des verstorbenen Prager Dberrabbiners S. L. Rappoport, dessen Töchter Jugendgespielinnen Jettis waren, fiir ein treues Echo des „Hohenliedes" gelten durfte. Dem dringenden Wunsche, diese „Liebesbriefe" der Desfentlichkeit zu übergeben, widerstand sie aus Bescheidenheit; sie sammelte sie indeß sorgfältig und war nicht abgeneigt, sie später nach ihrer Vermälung drucken zu lassen. Da starb der Geliebte kur; vor der Hochzeit,. Sie war untröstlich; nirgends fand sie Ruhe. Da griff die bigotte Mutter zu einem von einem polnischen Finsterling ihr angerachenen Mittel: sie entriß der Tochter die Liebesbriefe und übergab sie dem Feuer. Das arme Mädchen, ihres literarischen Schatzes, des theuersten Andenkens ihres Geliebten beraubt, war der Verzweiflung nahe. Die Zeit heilte ihre Wunde, und sie verheiratete sich mst Samson Wohlterner, einem intelligenten Manne aus geachteter Familie, mit dem sic in glücklicher Ehe lebte. Die literarischen Producle dieser Frau sind um so mehr zu schätzen, als ihre Zeit fast ganz dem Geschäftsleben angehörte. Ihre in verschiedenen hebräischen Zeitschriften erschkenenen Briefe ttagen das Gepräge inniger Vertrautheit mit dem Geiste der Sprache und zeugen von Geist tlnd Talent. Tief gebeugt durch den Tod ihres Gatten und eines hojjnungsvollen Sohnes, fand sie im Alter ihre einzige Erholung in der Wissenschaft und der Pflege derselben. Die Briefe, welche sie nach dem Erscheinen meines Buches „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kumt", in dem auch sie ihren Platz fand, an mich richtete, sind mir ein liebes Andenken an diese seltene Frau. Gleich Rahel Morpurgo, Mirjam Mosessohn und einigen anderen wird Jetti Wohllerner stets mit Verehrung genannt werden, i Allg. Ztg. v. Judenth. > chol'reripontlenLen. Wien. (Tas Emigrationswerk des Baron Hirsch.) In Hamburg wurde, wie dorther die „Frkf. Ztg." meldet, die Expedition ausgewiesener russischer Juden nach Argentinien, aus Anordnung des Baron Hirsch einstweilen eingestellt, da die Eomites in der letzten Zeit zu viel ungeeignete Personen nach Hamburg dirigirt hätten. Vorläufig werden die Aus gewiesenen von dem Hamburger Comitö nach Nordamerika und England expedirt. Nach unseren Informationen wird in Sachen der russischen Emigration überhaupt nicht mehr die Mitwirkung der bisherigen sämmtlichen österr. und preußischen Comitös beansprucht werden nachdem der Delegirte des Herrn Baron Hirsch, Herr Arnold White, derzeit in Rußland damit beschäftigt fit, Comitös zu bilden, welche die Auswahl und die direkte Beförderung der Auswanderer zu besorgen haben werden. Da die mit dieser Aufgabe betrauten Personen und Körperschaften hohe Qpserwilligkeit und Personen- und Sachkenntniß der Sache der Emigratton entgegenbringen, so stcht zu erwarten, daß derselbe in kürzester Zeit wieder in Fluß kommen wird. — Was Herrn Baron Hirsch anbelangt.