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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-13 · 45 (13.11.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
45 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Oesterreichifchr Wochenschrift. Nr 45 Seite 832 reckt dabei seine Zunge und die paar Reaktionäre, die vor einigen Jahren versuchsweise ihre Häupter erhoben, haben sich wieder wie lichtscheues Gewürm in chre Verstecke zurückgezogen. Der Antisemitismus, er war bei uns eben nur ein flüchtiger böser Traum eines Augenblickes. Die Zusammenstellung jener traurigen Thatsachen, die Sie geehrter Herr Redacteur in Ihrer jüngsten trefflichen Reichstagsrede den antisemitischen Hetzern unter die Nase riebe-,, zeugt wahrhaftig von einer entsetzlichen Verrohung der Gemüther und selbst wir, die wir doch, wie oben erwähnt, auch einst in antisemitisch verpesteter Atmosphäre lebten, hätten solche kannibalische .Ausbrüche wilder Leidenschaften, wie das Ausstechen von Augen, weil sie jüdisch sind, für menschenunmöglich gehalten, so wir sie nicht in den Berichten aus der Wiener Gerichtshalle gelesen hätten. Geist und Herz eines jeden denkenden und fühlenden Menschen muß sich ob solcher unser Ln de siede schändenden Zustande empören und dieselben als Atavismus mittelalterlicher Schandthaten stigmatisiren. Ein unglückseliger Wahn ists, der die Gemmher bei Ihnen verderbt und leider auch die österreichische Jugend verroht. Doch da muß mau zunächst fragen: Wo bleibt den» die Schule mit ihrem moralisch erzielten Einflüße? Könnten ähnliche traurige Erscheinungen unter Kindern auftauchen, wenn die Jugendbildung ihrem hehren Berufe entsprechend den der Jugend zu Hause eingeträufelten antisemitischen Giftstoff in der Schule paralysieren würde? Nächstenliebe und Eintracht sind doch die obersten Prinzipien einer jeden bewußten menschlichen Erziehung und d e müssen doch in einem Lande, das Männer, wie Fel big er, Milde und Dittes aufwei^, ebenso gelehrt werden, wie das Einmaleins. Fast scheint es aber, daß jene Entartungen der kindlichen Augenausstecher und Kleideroerunreiniger ebenso auf das Kerbholz gewisser Lehrer wie in das Schuldbuch der Schneider, Lueger und tutli quanti zu setzen sind. Wie sind doch unsere Volkserzieher, Gott sei Dank, von ganz anderem Schlage. Man kann es ohne Uebertreibung niederschreibcn, daß es in erster Reihe dem nüchtern und gesunden Sinne der ungarischen Lehrer zuzuschreiben ist, wenn der Antiseuütismus bei uns so rasch von der Bildfiüche des gesellschaftlichen und politischen Lebens verschwunden ist. Nie ließen sie sich ihren reinen Idealismus durch j nen finstern mittelalterlichen Geist trüben. Unter den Hoch-, Mittel- und Volksschülern herrscht überall das beste Einvernehmen. Was würden Ihre Wiener Burschenschaftler „reinster Gesinnung" dazu sagen, wenn sie wüßten, daß am jüngsten Allerseelentage bei der von der Universitäts-Jugend zum Andenken ihrer großen Todten im allgemeinen Friedhofe veranstalteten Trauerfeier unter den hiezu designirten Rednern auch drei jüdische Hochschüler waren? Oder wie dachten wohl Ihre antisemitischen Professoren, wenn sie hören, daß die Directoren staatlicher Mittelschulen hier Schüler jüdischer Eonfession an israelitischen Feiertagen zu:n Vortrage gar nicht zulassen mit dem Bedeuten, ft? mögen lieber am Jugendgottesdienste theilnehmen? Ein glänzendes Zeugniß für den durch keine Vorurtheile getrübten collegialen Geist unter den Lehrern Ungarns liefert uns der soeben versendete Bericht über die im Angust 1890 hier ak gehaltene allgemeine Lehrcrversammlung, zu der auch viele jüdische Lehrer erschienen sind und hervorragenden Antheil nahmen. Wir finden ihre Namen in aller, Fachsectionen unter den Referenten und Debattern. Ueberall und immer wurden chre Ausführungen mit Interesse und Beifall angehört. Vom Schrrlinspectorat der Pester isr. Gemeinde wurde dieser Tage der Gesamrnt-Stundenplan des Religionsunterrichts herausgegeben, zu dem als Anfang ein in cultureller Hinsicht interessanter statistischer Ausweis über die hauptstädtischen jüdischen Volks-, Bürger- und Mittelschüler beigegeben ist. Wir entnehmen dieser Zusammenstellung folgende Daten: Städtische Volksschulen besuchen: Knaben . . . 3579 Mädchen . . . 3820 Zusammen 7399 Die israelitischen Volksschulen der Gemeinde werden besucht von 756 Knaben und 404 Mädchen, zusammen 1160 Schülern. Städtische Bürgerschulen besuchen 643 Knaben und 1275 Mädchen, zusammen 1918 Schüler. In Gymnasien und Realschulen gehen 2087 jüdische Studenten. Die Talmud-Thoraschule frequentiren 105, die hebräische Schule 145 Schüler. Jnsgesammt besorgt daher die Pester isr. Gemeinde den Religionsunterricht von 11.654 Schülern und den Gesammt- Volksschulunterricht von 1160 Kindern und zwar durch 5 ordentliche, 3 außerordentliche Religionsprosefforen, 11 ordentliche und 21 Hilfs-Religionslehrer, 13 Klassenlehrer und 5 Klassenlehrerinnen, zusammen durch 48 Lehrkräfte. Daß unser berühmter Landsnann Moriz Wahr mann zum Präses der Budapester Handelskammer gewählt wurde hat Ihr geschätztes Blatt bereits berichtet. Diese Thatsache, so interessant sie auch für manche Leser ist, kann an und für sich, angesichts der vielen Ehrenstellen, die diese Capazität bereits einnimmt — er ist Reichstagsabgeordneter, Präses des Finanzausschußes, Delegations-Mitglied, Präses der Lloyd - Gesellschaft lt. s. w. nichts Auffälliges sein. Was aber seiner Wahl ein b sonderes Jllustre verleiht, sind die, die einstimmige Wahl begleitenden Umstände. Kammer - Viceprästdenk Karl Rath, der ebenfalls zum Präsidenten candidirt wurde, bat gleich bei Beginn der mit der Neubesetzung der Präsidentenstelle sich befassenden Plenarsitzung, man möge bei der Wahl im Interesse der Sache seine Person außer Acht lassen und that nach der mit Acclamation erfolgten Wahl Wahrmaun's folgende Enunciation: „Ich schätze mich glücklich, die mit Acclamation erfolgte Wahl Moriz W a h r m a n n's zum Präsidenten der Budapester Handels- und Gewerbekammer verkünden zu können. (Lebhafte Eljenrufe). In dem soeben stattgehabten Acte und in dem Namen des Erwählten liegt ein ganzes Programm. Es ist hier jedwedes persönliches Interesse in den Hintergrund getreten und blos höhere Gesichtspunkte waren maßgebend. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß mit dem Namen Wahrmann's die Richtung, wonach die Kammer nicht nur sachlich, sondern auch ungarisch und national sein möge, verwirklicht wird. (Beifall.) Ich beantrage, den neuerwählten Präsidenten morgen oder übermorgen im Wege einer Deputation von dem Resultate der Wahl zu verständigen. (Zustimmung). Wir hoffen, daß er die Wahl nicht nur annehmen, sondern daß er sich durch dieselbe in hohen Maße geehrt fühlen und daß er seine Aufgabe als Karl Rath ist und war kein Jude. AL

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