Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 45 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. '!I.. .!■■ I ^Wgsf..■Mhlimita Sette 831 der die Schätze zeigt uitb zugleich ihren Werth erkennen läßt. Aus dem Buche empfangen wir Aufschluß über die Bedeutung der Agada und wiederum sind wir auf das Buch angewiesen, wenn wir wissen wollen, was damtt geleistet ist. Was ist die Agada: Die bekannten Verse des Romanciers beantworten diese Frage genau so, wie es der allgemein n Vorstellung entspricht. Die Agade gleicht der bunten Ornamentik in d r Teppichweberei des Orients; die Gebilde einer Phantasie unterbrechen wohlthätig die Dialektik, in welcher der Verstand allein die Herrschaft behauptet. In den „Fünf Büchern" sind Schöpfungen von unerreichter Poesie. Erzählungen von Einzelnen und die Ereignisse aus der Geschichte eines Volkes gemischt mit Gesetzen, Vorschriften und Institutionen; das Volk wird immer im Zusammenhang mit der Welt gedacht, bis es reif gefunden wird zur Gründung eines Staates und zur Anwendung der ihm gegebenen Gesetze. Dieses erhabene Beispiel äußerte seine Einwirkung auf die Zusammensetzung des Talmuds und so behaupten Poesie und Leben ihr Recht in den Schulen, welche vor Allem bemüht waren, die Wissenschaft von den Gesetzen und Institutionen nicht in Vergessenheit gerathen zn lassen. Die „Agada" jedoch mochte Jahrhunderte hindurch mit der Braut des „Hohenliedes" klagen, daß die Söhne ihrer Mutter sie mißachtet haben. Die Agada war gerade gut genug für das Volk, für die Unwissenden, welche nicht in die Lehrsäleder ta'.mudischen Dialectikvorzudringen vermochten. Die Moralisten benützten Vieles aus der Agada, um Sittenbücher zu schreiben. Man sammelte die zerstreuten Agadas, um Lehrbücher für das Volk herzustellen. Sie wurde in das damals verständliche Deutsch übertragen; Bruchftiicke der Agada fanden Aufnahme' bei christlichen und mohamedanischen Schriftstellern, wie beispielsweise auch im „Don Quixote" des Cervantes. Und man findet ihre Spuren beiden deutschen Nationaldichtern des Mittelalters. Einzelne Agadas wurden für schöir und lehrreich erklärt, manche fanden eine geistreiche Auslegung, aitdere wurden wieder benützt, um falsche Vorstellungen über das Judenthum zu verbreiten und leicht war man geneigt, über die Agada den Stab zu brechen, sprach von Uebertreibungen, tadelte die Unverständlichkeit, wenn man nicht sogar noch weiter ging, um an der Agada wohlfeilen Witz und Spott zu üben. Aber es gelang nicht, dein Wesen der Agada näher zu kommen. Was ist nun in Wahrheit die Agada? Mau wird das Räthsel lösen, wenn man Einblick nimmt in die Geschichte der Religionen, nicht etwa zu dem Zrvecke, um zu einem negativen Resultate zu gelangen, sondern um über die Entwickelung religiöser Vorstellungen die Wahrheit zu erfahren. Man wird dann finden, daß nicht nur die Bibel, nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch die Tradition des Judenthums und die daraus sich entwickelnden Vorträge, daß auch die Lehrer und Schulen des Talmuds ihren Einfluß auf die Gestaltung der religiösen Vorstellungen äußerten. Das ist nun die Bedeutung der Agada, daß die Geschichte der Religionen und die Geschichte aller Religionen durch sie erst in ihrem wahren Lichte erscheint. Die enge Verwandtschaft des menschl chen Geschlechts, die Einheit des Geistes, der die Menschheit durchdringt, tritt uns in deutschen Zügen aus der Agada entgegen, das Trennen der Race und Nationalität ist Eigenheit oder Ueberrest der Barbarei. Jener Rabbi der Agada, der seinen Schülern erklärte, daß die Geschichte von der Abstammung des Mensch n, — daß nämlich alle Menschen von Adam und Eva abstammen, — das wichtigste Capitel in der Thora sei, war weiser und humaner als viele Professoren an den heutigen Universitäten. Die Agada aber ist von größter Bedeutung und wahrhafter Unentbehrlichkeit für die Culturgeschichte. Aus diesem Grunde müssen wir das Buch: „Die Agada der Amoräer" dem eingehenden Studium empfehlen und wie der Rabbi Akiba im „Uriel Akosta" immer wiederholt: „Talmud lesen; fleißig Talmud lesen," so sagen wir: Agada lesen, fleißig Agada lesen." Der Verfasser des Buches, Herr Prof. Dr. Wilhelm Bacher hat mit erfreulichem Fleiße, mit einer Gelehrsamkeit, welche nicht genug anerkannt werden kann, Wege durch den Zaubergarten gezogen, so daß Jeder sich bequem zurecht finden kann. Fünfzehn Amoräer, fünfzehn Lehrer aus den Schulen Palästinas sind hier dargestellt nach ihren Beziehungen im Leben und in der Schule, ihre Aussprüche sind geordnet nach der Materie und nach ihrer formellen Anwendung. In einzelnen Abschnitten erfahren wir was jeder Amoräer über verschiedene religiöse Materien rurd über moralische Verpflichtungen gesagt hat, was er lehrte und wie er die Schrift agadisch interpretirte. Wir sitzen, um uns orientalisch auszudrücken, zu Füßen der Lehrer und hören die Vorträge in einzelnen Schulen. Dadurch ist dem Ganzen Leben, Farbe und Persönlichkeit gegeben. Wir sehen die freie Bewegung eines glaubensvollen Geistes, einer unüberwindlichen religiösen Energie. Denn in der Agada hat die Subjektivität, hat die momentane Eingebung ihr Recht bewahrt. Man muß aber in der talmudischen Literatur bewandert sein, um es würdigen zu können, welche Summe von Hoheit in dem Buche niedergelegt ist. Die größten Schwierigkeiten mußten besiegt werden, um das an den verschiedensten Orten Zerstreute zu sammeln und die getrennten Glieder zu einem Ganzen zu formen. Wir hören die Weisheit Palästinas aus dem drttten Jahrhundert. Die Zeit war wichtig, denn Religion und Dogma fingen an, allein das öffentliche Leben zu beherrschen. Die ganze Welt an den Küsten des Mittelmeeres schien nur damit beschäftigt, den sichersten Sitz zur Seligkeit ausfindig zu machen. Vieles ist uns fremdartig in dieser Welt und Niemand wird jene Zeit zurückwünschen. Aber die Lehrer, die wir hören, find ganze, in sich abgeschlossene Persönlichkeiten. Es decken sich Ueberzengung, Gedanke und Wort; sie sind ftei von jedem Zweifel, sie tragen in sich die volle Gewißheit dessen, was sie als Wahrheit verkünden nnd solche Gestalten, wie das Buch sie uns vorführt, machen immer einen tiefen Eindruck. Die Amoräer Palästinas aber hätten keinen bessern Wiedererwecker finden können als den Autor des Buches, Herrn Dr. Bacher. Die Frage, ob der Jude des Idealismus fähig sei, ist auch durch dieses Buch siegreich beantwortet. Denn nur der edelste Enthusiasmus für ideale Ziele konnte dieses Buch hervorbringen. Der ideale Gedanke, der von Zion aufgegangen, lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht, auch an den Ufern der Donau in d:r Hauptstadt des ungarischen Königreiches. Indem wir mit der Aufforderung aus dem „Westöstlichen Divan" schließen: „Flüchte dich, im reinen Osten, Patriarchenluft zu kosten," fügen wir hinzu, daß das Buch mit Inhaltsverzeichnissen versehen ist, welche das Auffinden einzelner Aussprüche, wie man sie gerade für den Moment wünscht, auf das Bequemste ermöglichen. Diese Inhaltsverzeichnisse gebe» auch Aufschluß über die Fülle des in dem Buche niedergelegten Materials. Allerlei aus Ungarn. Budapest, 8. November 1891. Wir stehen im Zeichen der am 14. und 15. dieses hier stattfindenden Communal-Wahlen. Bei diesem Worte werden in der Erinnerung eines jeden Lesers gewiß alle die widerwärtigen Rassen- und Klassenhaß schürenden Wahlagitationen wieder auftauchen, deren wüster Schauplatz Ihre einst so gepriesene Kaiserstadt noch vor Kürzeln war. Hier aber in unserer vom 100.000 israelitischen Einwohnern „verjudeten", rasch und gewaltig aufstrebenden Metropole ist über allen Gipfeln Ruhe. Wohl stehen sich im 6. und 8. Bezirke verschiedene Parteien gegenüber, doch werden die Wahlversammlungen nicht in Wein- und Bierstuben, sondern in friedlichen Bezirks - Clublocalüäten abgehalten und in allen Lagern schaaren sich die Wähler ohne Glaubensunterschied und Candidaten, unter denen es hüben und drüben Bekenner der jüdischen Confession gibt. Kein Antisemit