Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 45 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 830 Oesterreichifche Wochen christ. Nr. 45 fanatischen Sekte erinnert, welche nicht das Reden verlernt hat, wohl abe. das Denken. Das neue große Wien braucht Waarenmagazine, welche mit seiner Bedeutung coreespondiren, wiche die Fremden anziehen und befriedigen. Das ist, was man von berufenen Firmen erwarten muß und das ist das Ausschlag gebende Moment. Das elektrische Licht in den Prachtyewölben der Firma Zwieback erleuchtet die Straße und die Plätze, aus welcher Vergangenheit und Gegenwart so lebendig zu uns sprechen; ein neidischer Geselle aber schleicht ingrimmig von dannen, um in einer antisemitischen Kneipe seinen Haß zu löschen und — seinen Durst. Zur Geschichte der Chewra Kadischa. Von G. W olf. Als jüngst der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch den Abgeordneten Schneider „abführte", gedachte er auch in gebührender Weise der Chewra Kadischa. Wie man weiß, ist das der vornehmste Verein unter den Juden, da er sich mit den schönsten und edelsten Liebeswerken besaßt. So weit bekannt, ist er auf dem ganzen Erdenrunde, wo Juden wohnen vorhanden. Es dürften jedoch nur wenige den Ursprung und den Anfang der heiligen Bruderschaft in ihrer heutigen Gestaltung kennen und es dürfte daher nicht überflüssig sein, wenn ich einiges hierüber mittheile. Wir haben seinerzeit eine Einladung einer „Ühabura Kedoscha“ in Wien zu einem Festmahle aus dem XlV. Jahrhundert veröffentlicht. Dieser Verein hat wahrscheinlich, ähnliche Zwecke verfolgt wie jetzt die Chewra Kadischa; ob jedoch jener Verein dasselbe wie dieser bedeutet, ist noch die Frage. Man Heißt bei uns jede jüdische Gemeinde: Kehilla Kedoscha, so mag auch der damalige Verein gewiß löbliche Zwecke gefördert Haben, die aber vielleicht oder wahrscheinlich nicht identtsch mit jenen waren, die die jetzige Chewra Kadischa Hat. Die jetzige Chewra Kadischa ist in Folge einer Pest entstanden. Während wir Boccaccio's Decamerone der Pest in Florenz zu verdanken haben, ist die Chewra Kadischa in Folge einer Pest in Prag entstanden. Die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen: Wie bekannt, wurden die Juden aus Prag im Jahre 1561 vertrieben. Aus welchem Grunde dies geschah, ist nicht bekannt. In den Acten, die sich in den hiesigen kaiserlichen Archiven befinden, ist diesbezüglich kein Grund angegeben. In dem Gutachten. welches die Hofkammer (jetzt Finanzministerium) im Jahre 1670, als die Juden aus Wien ausgewiesen werden sollten, erstattete, welches wir in unserem Buche: die Juden in der Leopoldstadt S. 106 mittheilten, heißt es, daß die Juden 1559 wegen eines in Prag gedruckten gotteslästerlichen Buches Ms Böhmen vertrieben wurden (was das für ein Buch war, ist nicht angegeben) und wird auch der römischen Jntercession gedacht. Wie berichtet wird (vergl. Gr ätz 1 X, 389) soll Mardechai Zemach auder berühmten Druckerfamilie Soncino unter vielen Mühsalen eine Reise nach Rom gemacht haben, um den Papst Paul IV. zu veranlassen, den Kaiser Ferdinand I. von dem Eide, den er, wie es hieß, geleistet, die Juden zu vertteiben, zu entbinden, und die Intervention Mardechai Zemachs war von Erfolg begleitet. Wir lassen es nun dahingestellt, ob sich wirklich die Dinge so zugetragen haben (Steinschneider Hamaskir V. 127 hat Bedenken dagegen, wir halten es auch nicht für glaublich, daß der Kaiser einen Eid abgelegt hatte); aber jedenfalls haben noch andere Factoren mitgewirkt, um das drohende Unheil abzuwenden. Wie wir in unseren Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität S 181 mitgetheilt haben, hat der damalige Statthalter in Böhmen, Erzherzog Ferdinand, Sohn des Kaisers, Gatte der schönen Welserin, seinen Vater in einem Schreiben vom 6. März 1561 darauf aufmerksam gemacht, daß es bei den fremden Mächten einen schlechten Eindruck machen wird, wenn man die Juden vertriebe, ohne ihnen ihr zukontmendes Recht zu gewähren. Es möge daher der Termin bis zu Georgi verlängert werden. Thatsächlich kam der Kaiser diesem Wunsche nach und es wurde den Juden gestattet bis Georgi 1562 bleiben zu dürfen. Hierauf stellten stch neue Fürbitter für die Juden ein u. zw. keine geringeren als der römische und böhmische König, nachmal- Kaiser Maximilian. TL, Sohn des Kaisers Ferdinand und seine Gemalin Maria (eine Tochter Kaiser Karls V). Sie begründete ihre Bitte mit dem „eingefallenen L>terbelauf." (Es scheint eine Pest allsgebrochen zu sein, wie solches in ftüherer Zeit öfters vorkam.) Der Kaiser sträubte sich anfänglich, erklärte aber dailn von Innsbruck aus (7. April 1563) wo, er sich zur Zeit befand, daß er seinem Sohne und seiner Schwiegertochter zu Liebe, diesen Wunsch erfüllen wolle und erstreckte „unnachsichtlich" diesen Termin biauf Sonntag Trinitatis (ersten Sonntag nach Pfingsten.) Die Sache lag nun so: Als im Jahre 1561 der Ausweisungsbefehl erfolgte, zogen thatsächlich jüdische Familien von Prag weg, um. sich anderswo ein Heim zu suchen; ein Theil jedoch blieb zurück. Als dann Erstreckung nach Erstreckung erfolgte, fanden inanche von denen, die bereits weggezogen waren, wieder den Muth nach Prag zurückzukehren. Diese anden jedoch die Zustände in Prag trostlos. Zudem kam, daß eine Pest Herrschte und wie es in dem Stiftbriefe der Chewra Kadischa in Prag, den uns. der vielverdiente Herr Koppel mann Lieben*) mittheilte, heißt, niemand beschäftigte sich.zur Zeit der Pest mit der Bestattung der Tobten als die beiden Wichter des Krankenhauses Da wurde geschlossen, daß von nun an das Liebeswerk der Todtenbeftattung re. nicht mehr von Dienern, sondern von Gemeindemitgliedern besorgt werde.**) Die Statuten der Chewra Kadischa verfaßte, wie Hock in Gal. Ed. S. 4, berichtet: 1564 Lewabeu Bezalel genannt der hohe Rabbi Löb In die Chewra Kadischa werden auch Knaben, wenn sie das 13. Jahr erreicht haben, ausgenommen, und werde» diese mit der ezechischen Bezeichnung Mladsi (die Jungen) genannt. Dies ist ein kurzer Abriß der Geschichte der Entstehung der heiligen Bruderschaft und sind die Liebesw.n'ke, die sie. aller Orten übt zahllos. *) Es ist dies der Later des vorirefslichrn Lecretärs der israel. Enltusgemeinde in Wien, des Herrn Dr. Theodor Lieben. **) Weiteres hierüber, wie die pieces jix.stifsiüitivc.s veröffentlichen wir in dem Artikel: Zur Geschichte der Inden in Böhmen in Brandeis' illustr. israel. Lolkskalender V. 1889. Die Agava der Palästinensischen Amoräer. Erster Band. Vom Abschluß der Mischna bis zum Tode Jochanans (220 bis 270 der gew. Zeitrechnung.) Von Dr. W i l h e l m Bacher, Professor der Landes-Rabbinerschule zu Budapest, Straßburg im Elsaß, Karl I. Trübner 1882. Preis 10 Mark oder 6 Gulden. - Das Buch „Die Amoräer" versetzt uns in die reine Luft des Ostens, in einen von unserer modernen Eivilisation weit-ins verschiedenen Eulturzustaud und läßt den Geist eines vergangenen Jahrhunderts vor uns wieder lebendig erscheinen. Trotz seiner rein wissenschaftlichen Zwecke jedoch und unbeschadet seiner wissenschaftlichen Autorität, ist das Buch angelegt aufklärend auf die Zeit zu wirken und auf einem Gebiete, wo es dringend nothwendig erscheint, Jrrthümer zu verbannen, welche unter der Maske der Wiffenschaft mit leidenschaftlicher Anmaßung sich auf den Markt stellen. Das Bltch gleicht eineru Zauberspiegel