Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 45 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020893--00860-3024871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 826 Orstrrrrichifche Wochenschrift. Nr. 45 eine kranke Krau den Saum seines Kleides berührte, in dem Pertrauen, sie werde dadurch gesund werden, und wie Christus sich umwendete und sagte: „Weib, geh' hin, Dein Glaube hat Dir geholsen". „Sehen Sie, die ungeheure Menge von Forschungen seit 190V Jahren, welche die Naturwissenschaft geschassen, sie führen heute zu demjenigen Glauben hin, von welchem Christus schon sprach : der Glaube ist es, welcher Hilst. Ja der Glaubet Sie wissen es ja selbst, daß Sie so häufig dem Glauben in der vollkommensten Weise unterworfen sind; nur dadurch, daß Sie Glauben für gewisse Erscheinungen hegen, werden diese Erscheinungen Wahrheit. Käme aber jemand, welcher dcm bestehenden herrschenden Glauben widersprechen würde, welcher es wagen würde, dem heutigen Materialismus entgegen zu sein, ich zweifle nicht, wenn unsere Zeit überhaupt nicht humaner geworden wäre, er müßte auch den Kreuzestod erleiden. Sie kennen der Beispiele genug, wo die Verfolgung von Männern der Wissenschaft platzgegrisien hat." „Stellen Sie sich nur den Fall vor, daß die Heilung so vieler Kranken durch die Hypnose erfolgt durch Gedankenübertragung, so müssen Sie sich sagen: ja der Gedanke kann doch unmöglich die Stoffe unseres Leibes chemisch beeinflussen, es muß ein anderes Princip in dem Menschen vorhanden sein, auf welches der Gedanke wirken kann, und dieses Princip ist nicht das Princip der Materie, es sind nicht die Stosftheilchen, sondern es muß ein neues, geistiges Princip sein, neu, insofern dasselbe uns noch nicht bekannt ist." „MeineHerren! So wahr der Bibelglaube nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, so wahr der Bibelglaube, dem Worte nach genommen, nur für naive Völker. eine Bedeutung hatte, so wahr ist es auch, daß der Materialismus unserer Zeit auch nur ein Glaube ist." Daß den katholischen Geistlichen, welche Mitglieder des Abgeordnetenhauses sind, vor dem solcherart gepredigten antisemitischen Christenthum bange zu werden anfing, begreifen wir vollkommen. Gelegentlich einer Controverse entfuhr dem „Vaterland" das Geständuiß, „daß das „DeutscheVolksblatt" an Christenfeindlichkeit selbst die vielgeschmähten Wiener „Judenblätter" übertrifft, und daß auf die in dem Organe Vergani's gepflegte Verspottung des katholischen Glaubens das Strafgesetz Anwendung finden müsse." Allein es war ja nie dem „Vaterland" und seinen Leitern fremd, daß sämmtliche Vertreter des wissenschaftlichen Antisemitismu > dcm Christenthum feindselig und gehässig gegenüberstehen. Einer der ersten Träger des antisemitischen Gedankens in der Wissenschaft ist unstreitig „der heilige Paulus von Göttingen". Dabei wimmelt es in den „Deutschen Schriften" von Paul de La gar de — der deutfchnationale Professor hieß früher Bötticher, — von frivolen Bemerkungen über die Religion, über die christliche so gut, wie über die jüdische. So fragt er Bd. 2 S. 22, ob irgend welche der in Deuffchland thatsächlich bestehenden Religionsgesell chaften so beschaffen ist, daß wir uns ihrer zu entledigen wünschen müssen. Die Antwort lautet: Heut sind alle mit einander unerwünscht". Und S. 29 heißt es:--- — — —* — — — — — — Confiscirt! Welche Frivolität, die religiösen Gefühle auch des Christen mffs Tieffte verlchend, spricht aus den Worten, welche S. 104, 108 u. a. a. O. zu lesen sind: „Daß der jüdische Stamm nicht der Welt die Verehrung des einigen Gottes gegeben hat, ist nicht wahr. Einmal weiß die Mehrheit der Bewohner der Erde — Welt sagt man für die Erde nur, wenn man nicht nachdenk — sie weiß von einem ewigen Gotte noch heute nichts, da die Mehrzahl dieser Bewohner, wie der jüdische Ausdruck lautet, heidnisch ist;---- —- -—-drittens haben die Juden den angeblich einigen Gott selbst erst später entdeckt.-—-- — — — — — — — — — Confiscirt! Eugen Dühring ist der Liebling der Wiener „vereinigt:« Christen"; das „Deutsche Volksblatt" füllt täglich seine Spalten mit Auszügen und Citaten aus bcu Schriften Dnhr i n g's, nm sie populär zu machen, um sie in den breiten Volksmassen zu verbreiren. Bon ihm, dem Kirchenvater des Antisemitismus, stammt das bezeichnende Wort: „Ein Christ, wenn er sich selbst versteht, kann kein ernsthafter, vo!lständiger Antisemit sein." Wenn dieses Wort richtig ist, dann ist auch seine Umkehrung richtig, dann kann auch ein vollständiger Antisemit kein Christ sein. Dühring sagt sogar vom Christenthume: — — — — — — — — — Confiscirt! Ueber eine bekannte Parabel der Evangelien läßt er sich folgender Weise aus: „Ein Herr gibt seinen Knechten Pfunde, d. h. Geldsummen in seiner Abwesenheit zur Verwaltung. Als er wiederkommt, präsentiren ihm einige Knechte diese Summe mit hundert oder mehreren hundert Proccutcn Gewinn, und er belohnt sie dafür dadurch, daß er ihnen noch weit mehr anvertraut und sie so zu sagen zu Dberknechten über ganze Theile seiner Herrschaft macht, u. z. letzteres in größerem oder geringerem Umfange, je nachdem sie mit seinem Gelde mehr oder weniger Procente gemacht haben. Einer der Knechte hat aber aus Furcht vor deni harten Herrn, der ernten wollte, wo'er nicht ge sä et, sein Pfund blos sorgfältig verwahrt und liefert cs nun zurück, ohne Procente gemacht zu haben. Er erhält von dcm Herrn den Bescheid, daß er es doch mindestens hätte in die Wechselbank thtln sollen, alsdann hätte er, der Herr, sein Pfund „mit Wucher" zilrücknehmen können. Dem nicht wuchernden Knecht wird übel mitgespielt, nicht davon zu reden, daß bei der Fortnahme seines Pfundes, welches dcm erfolgreichsten Procentmachrr zugctheilt wird, der leitende Grundsatz-zur Verkündigung gelangt: Wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das noch genonrmen, was er hat." — — — — — — — — — Confiscirt! So lautet das Urtheil Diihring's (Seite 59, 60) über die Moral des Neuen Testaments. Dem Dr. Dühring ebenbürtig an die Seite gestellt zu werden verdient Wilhelm Morr („Religiöse Streifzüge eines philosophischen Touristen" Berlin 1876), der ständige Mitarbeiter der Wiener antisemitischen Wochenblätter. Nachstehende Cüate von ihm empfehlen wir den Wiener „vereinigten Christen" zur Beherzigung. S. 18, 19 sagt er: — ________ Confiscirt!