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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-06 · 44 (6.11.1891) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
44 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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N r. 44 Oesterreichifthr Wochenschrift. Seite 817 dictionen, je nach den äußeren Umständen übergangen werden, z. B. die Benediction die der Beter nur zu sagen brauchte, wenn er wirklich am Morgen den Hahn krähen hörte. Die kurzen Formeln der Amidah und d.s Tischgebetes nach den Mahlzeiten sind bereits in diesem alten englischen Gebetbuche gewissenhaft eingetragen. Das Interesse an seiner Wiederentdeckung ist um so größer, als ^gerade wegen der Zusätze und Auslassungen in ihrer Liturgie die Juden des alten England von den hervorragendsten Männern des (Kontinents als Schismatiker verurtheilt wurden, ohne daß wir sonst diesen eigentümlichen Vorwurf auf seine Berechtigung controlliren könnten. Immerhin muß uns der Muth und die Festigkeit unserer Ahnen mit Bewunderung erfüllen, die sich diejenige Form des Gebetbuches, die ihnen am besten diente, zu Eigen machten und hartnäckig festhielten. Es gab noch dazumal keinen Schulschan Aruch. (^srresMllmLLn. Wien. (Qesterreichisch-Jsraelitische Union.) Samstag, den 31. Oktober d. I. hielt dieser überaus rührige Verein seine erftc Versammlung in dieser Vereinssaison ab. Dieselbe war äußerst zahlreich besucht, und bemerkten wir u. A. die Herren Cultusvorsteher Salo Cohn, Max Fleische r, Dr. Gustav Kohn, Moriz Karpeles und Professor Dr. Ad. Pollitzer, den Neichsraths-Abgeordneten Dr. Bloch, Gemeinderath Ludwig Lang und Bezirksausschuß Ludwig Waldstein. Der Vorsitzende, Präsident Dr. Grünseld widmete dem kürzlich verstorbenen Leibarzte des Schah's von Persien, Dr. Pollak, welcher seinerzeit in der Union einen Vortrag hielt, einen ehrenden Nachruf, und ehrte die Versammlung das Andenken dieses Gelehrten durch Erheben von den Sitzen. Hierauf hielt H'rr Oberrabbiner Dr. Güdemann, den mit hohem Beifall aufgenommenen Vortrag über: H. Graetz und seine Geschichte der Juden. Ueber Aufforderung des Präsidenten gab die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ihrer Trauer um den dahingeschiedenen Historiker, Professor Dr. H. Graetz Ausdruck. Der Vorsitzende bringt hierauf zur Kenntniß der Vereinsmitglieder, daß der Präsident der Wiener Cultusgemeinde, Herr Wilhelm Ritter von Guttmann, sowie Prediger Dr. Adolf Jellinek der Union als Mitglieder beigetreten seien, und daß dem Abgeordneten Dr. Bloch in Anerkennung seines mannhaften Auftretens im Reichsrathe seitens des Vorstandes der Union ein silberner Pokal überreicht wurde. Beide Mittheilungen wurden mit großem Beifalle ausgenommen, und dem anwesenden Abgeordneten Dr. Bloch eine spontane Ovation dargebracht. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. M. Landesberger begrüßt mit Freude die Thatsache, daß die Mitglieder der Union in so zahlreicher Weise die Vereinsversamnilungen besuchen und nennt den ersten Abend dieses Vereines einen Weihe-Abend, der seine Weihe nicht nur durch den Vortragenden selbst, sondern auch durch die Persönlichkeit, der der Vorttag gegolten, erhalten hat. Redner hebt hervor, daß es im Judenthume stets Männer gegeben habe, die den Gegnern energisch entgegengetreten sind, und auch heute fehlt es an solchen Männern nicht. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Moriz Frankl besprach an der Hand der letzten Nummer des Vereinsorganes das in demselben angekündigte Programm des Vorstandes für die laufende Bereinsperiode und mißbilligt es, daß der Vorstand der Union in Folge der langjährigen Wahlpause den Vorträgen selbst mehr Aufmerksamkeit widmen will. Herr Dr. Frankl erklärt sich entschieden gegen die Abhaltung geschichtlicher Vor* träge, die seinem Ermessen nach, viel wmiger zur Bekämpfung des Antisemitismus beitragen, als die stete Besprechung actueller Tagesfragen. Vicepräsident Hof- und Gerichts-Advokat Dr, Marcus Spitzer tritt init Entschiedenheit gegen den Vorredner auf, und begrüßt es mit Freude, daß die Vereins-Abende mit einem Bortrage des Herrn Dr. Güdemann eröffnet wurden, welcher durch seine wissenschaftlichen Werke nicht nur unter den jüdischen Gelehrten hervorragt, sondern sich auch einen ehrenvollen Platz unter den Gelehrten überhaupt errungen hat. Jnsbesonders ist es höchst dankenswerth, daß der Vortragende über den Historiker Graetz gesprochen, welcher das Judenthum sich selbst wiedergegeben und ihm seine eigene Vergangenheit erschlossen hat. Die jüdische Geschichte führt uns auf jeder Seite Lichtgestalten vor, zu welchen wir mit Verehrung emporblicken, sie ist die unversiegbare Quelle, aus der uns immerfort Begeisterung zuströmt, und wir mäßen der Union zum größten Danke verpflichtet sein, wenn sie uns durch die daselbst gehaltenen Vorträge diese Wissenschaft erschließt. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Abgeordneter Dr. Bloch, mit lebhaftem Beifalle empfangen, dankt für die ihm dargebrachte Ovation und bemerkt, daß nur derjenige mit der ganzen Kraft der Ueberzeugung für das Judenthum eintreten könne, welcher von dem Bewußtsein des Judenthums getragen werde, und die 4000jährige Geschichte des Judenthums kenne. Redner wendet sich sodann in scharfen Worten gegen die Ausführungen d s Dr. Frankl, wirst die Frage aus, wie sich Dr. Frankl eine Vertheidigung des Judenthums vorstelle, wenn nicht mit den Waffen des Geistes. Der herrtige Antisemitismus trägt selber ein wissenschaftliches Mäntelchen, hat mit Argumenten aus de n Arsenal einer Afterwiss nschaft den Kampf und die Agitation unternommen. Speciell die jüdische Jugend müsse mit der vollen Kenntniß der jüdischen Geschichte, der Ergebnisse unserer 4000jährigen Bergangenheit vertraut und bewaffnet werden, solle sie ja berufen sein, für uns in die Bresche zu treten. Rur aus der Geschichte des Judenthums könne die Jugend die Kraft der Ueberzeugung schöpfen, ohne welche eine Vertheidigung des Judenthums überhaupt nicht gedacht werden könne. Diese mit wahrer Begeisterung gesprochenen Worte erweckten einen Sturm von Beifall und wurde Dr. Bloch von allen Seiten vielfach beglückwünscht. Auch die Herren Dr. Feuchtwang, Bielitz, Markus und Jacob Jaiteles treten für das vom Vereinsvorstande aufgestellte Programm ein, während Herr Wald st ein den Ansichten des Dr. Frankl beipflich'ete. Dr. Frankl bemerkt zum Schlüße, daß er im Prinzipe nicht gegen die Abhaltung geschichtlicher Vorträge sei, es jedoch für angezeigt halte, den Tagesfragen die vollste Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Gewissen Fälschungen müsse man mit der Macht der Wahrheit entgegentreten. In vorgerückter Stunde schloß die Versammlung. Wien. Im Briefkasten des „Deutschen Volksblatt" vom Dienstag, 3. November schreibt Herr Emst Vergani einem Herm Hellmig, Berlin: „Die Behauptung des Rabbiners Bloch, daß sich unter den Anarchisten kein Jude befinde, ist selbstverständlich unwahr. 'Auf dem Brüsseler focialistischen Kongresse erschien der Jude Levy unter dem Namen Merlino, und wurde als Anarchist von der belgischen Regierung ausgewiesen. Nobiling war ein Werkzeug des Juden Goldstein. (Näheres siehe „Der Eid eines Juden"). Goldstein entwich nach dem Attentate nach Paris." Diese Mittheilungen sind selbstverständlich erlogen. Der Anarchist auf dem Brüsseler focialistischen Congreß heißt mit dem wahren Namen Merlino, ist ein Italiener von Geburt und nannte sich blos „Leoi" run nicht als Anarchist erkannt zu werden und am Congresse theilnehmen zu können, geradeso wie

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