Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 44 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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SKe §l& Oesterceichifche Wa^eaftzcift. Nr. 44 . Und trotzig.«rhob«Lem Hauptes setzte Carl seinen Weg fort. Er pfiff dir Melodie eines-,Gassenhauers vor sich hin. Er versuchte sich einzureden, er hätte seinen Gleichmttth wieder gewonnen. Er spöttelre über di« Unruhe, die sich seiner im ersten Au gcnblicke bemächtigt hatte und veMlchte an die gleichgiltigsten Dinge zu denken. Vor wenigen Tagen haue er in dein Auslagenfcnster eines Pfeifenschneiders eine prächtige türkische Pfeife gesehen, die wollte er kaufen. Ja die Psssif« . ... die Pseisc .... Er blieb vor den Ankündigungssäulen stehen und las die Plakate von oben nach unten, dann von nuten nach oben . . . . Immer und immer wieder gellte ihm der Nus in den Ohren: „Frage nur deinen Barer!" Sein Kops Lcgaim ihn zu schmerzen. Er setzte sich auf eine Bank, stützte den Kopf in die Hand und grübelte und grübelte. Er spielte eine Rolle in der Partei, die Studenten folgten ihm blindlings, er haue sich wiederholt crponirr, auf seiner Vergangenheit durfte absolut auch nicht der allerleiseste Mattel haften. Gewißheit um jeden Preis! Nach Hause! Er wollte den Vater fragen, ob ... . „Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!" Er zweifelte nicht mehr. Es war ihm klar, der elende Bube hatte ihn nur beschimpfen, seinen chrlichen Namen in tGn Koth zerren wollen. Er der Smdentensührer! Er ein Vorkämpfer der deutschnationalen Bewegung — er ein Jpdenstämmling! „Hahahaha!" Scheu blickte er sich um, ob ihn niemand lachen gehört. Bis spät in die Nacht hinein irrte Carl fiebernd, mit bleichen Wangen und glühenden Augen in den Straßen umher. Es war lange nach Mitternacht als Carl in das Elternhaus zurückkehrte. In dem Studirzimmer seines Vaters brannte noch Licht. Carl eilte athemlos die Treppen hinauf. Lange blieb er vor der Thüre stehen endlich trat er schüchtern ein. Der greise Gelehrte saß an seinen Schreibtisch über eine Arbeit gebeugt. Am nächsten Morgen fand mau Carl auf den Dielen seines Zimmers ausgestreckt, leblos, mit durchschossener Brust, in einer Blutlache . . . Englisch-jüdische Literatur. Ein kurzer Aufsatz des verstorbenen Professor Gr ätz, mit dem das Oktoberhest der Jewish Quarterly Review eröffnet wird, verleiht dieser Nummer ein schmerzliches Interesse. Professor Gr ätz behandelt die Kapitel 24 und 25 des Jesaia, welches letztere er als verschoben und zum 51. Kap. des 2. Jesaia gehörig, das ersten (24. Kap.) indeß als einer noch spateren Hand angehörend zu erweisen sucht. Hierauf folgt Dr. Neubauer's Artikel über die bei den Juden für die Literatur verwendeten Sprachen außer dem Hebräischen, unter denen vorzugsweise aufgezählt werden die aramäische, griechische, persische, arabische, spanffche, portugiesische, französische und deutsche. Zu den für literarische Zwecke früher nicht verwendeten Sprachm rechnet Dr. Neubauer das Englische, die slavischen Sprachm, das Rumänische, Ungarische und Türkische. Dann kommt der Aufsatz von Dr. Chotzner über das Leben und die Werke Immanuel di Romi's (Immanuel ben Schelomeh's) eines mit Dante freundschaftlich verkehrenden jüdischen Dichters aus der letzten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Mr. S ch e ch t e r berichtet. alsdann über hebräische Ll88 in der Universität Cambridge. Prof. Ch eyne nimmt nochmals die Discussion der critischen Probleme des zweiten Theiles des Jesaia auf, und mit den üblichen Recensionen und Notizen, letztere von Dr. Neubauer, Rev. Isidor Harris, Israel Abrahams und Claude G- Montefiore kommt das Heft zum Abschlüsse. Wir haben jedoch absichtlich in der Aufzählung der Artikel dieser Nummer den interessantesten von allen übergangen. Prof. David Kaufmann's Artikel über das dem Ritual von England vor 1290 angehörende Gebetbuch verdient nämlich eine besondere, ganz separate Erwähnung. Man hatte bisher von dem Vorhandensein eines Specimens der unter den Juden von England in der Zeit vor ihrer Vertreibung bestehenden Liturgik keine Ahnung, derart, daß selbst Zunz die Identität der englisch-jüdischen Liturgie mit der der französischen Juden für wahrscheinlich hielt. Prof. Kaufmann hat nun jüngsthin in der Stadtbibliothek von Leipzig ein Werk entdeckt, das betitelt ist „Ez Chayim“ (ein Compendium der Ritualgesetze und juristischen Fudamentallehren), verfaßt von Jacob ben I ehud ah, Chazan von London, drei Jahre vor der Vertreibung. In diesem Werke ist miteingeschlossen die alte Liturgie der Juden von England. Aus dem vollständigen Gebetbuche, wie cs in der Review abgedruckt ist, ergeben sich nun die vielen Abweichungen von dem alten französischen Siddur, dem es im Allgemeinen jedoch, wie zu erwarten war, nahe kommt. Prof. Kaufmann's wichtige Entdeckung, zu der unsere Gemeinschaft ihn beglückwünschen darf, hat den Werth, daß wir jetzt, um uns seines Ausdruckes zu bedienen, „ein klareres bestimmteres Bild von dem englischen Ritual besitzen, als es das französische bietet." Kenner von Zunzens „Ritus" natürlich werden nicht überrascht sein zu finden, daß die Liturgie der englischen Juden in der Zeit vor der Vertreibung sich sehr wesentlich von den jetzt gebräuchlichen Formen unterschieden hat. Es wäre unmöglich an dieser St lle eine annähernd vollkommene Anführung der Differenzpunkte zu versuchen. Wer all' diese zu kennen wünscht, möge das wiedergefundene alte Siddur an der Hand der bewunderswerthen Analysis des Pro'. Ka ufmann durchmustern. Von den wichtigeren Unterschiedenheiten dieser Liturgie sei bloß hervorgehoben, daß dem Morgengebet riDtW TlSK in dem das bisher unverständlich gewesene 'OK ITTIÖ (»ich bekenne vor Dir") jetzt erklärlich wird, ein langes Sündenbekenntniß (Vidui) voranging; daß wie bei den heutigen Sephardim, die mit,1^1^ *0^ beginnenden Psalmen am Sabbathabend nicht „gesagt", daß weder beim Ausheben des Sepher VT>1 noch beim Zurücklegen desselben in die heilige Lade"citir-t wurde, daß am Sabbathtag' von dem splD DliT nur ein einziges, eine Verschmelzung der beiden jetzt gebräuchlichen Gebete im Morgengebete gesagt wurde; daß die *0^2K an den Bußtagen und die 3’KtDfi b}? am Versöhnungstage von dem im modernen Gebetbuche bestehenden Formeln sehr wesentlich abwichen. Das von Prof. Kaufmann entdeckte Siddur ist mit Ueberschriften zu den einzelnen Gebeten versehen, die oft sehr eigenthümlich und höchst anregend sind. So wird nach dem Nachtgebete, das gegen die jetzige Form kürzer erscheint, die Vorschrift ertheilt, daß, wenn man schon sehr schläfrig ist, man bloß einen einzigen Vers aus dem Schemagebete wiederholen solle. Nach einer anderen Vorschrift können die das Morgengebet eröffnenden Bene-