Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 44 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 OrstrrrriHifchr Wochenschrift. Seile 815 sein, weil nur dort die Brücke zwischen Orient und Occident ist. Diesem Zwecke vollkommen entsprechend ist jedoch die Schule des in Frankfurt a. M. seinen Sitz habenden Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Jerusalem. Es liegt uns der Jahresbericht pro 1890 dieser Anstalt vor. Es ist dies vor Allem eine jüdische Schule, denn es wird da Bibel und Talmud im ausgiebigsten Maße gelehrt und Mt das Hebräischsprechen sogar einige Stunden im Stundenplan aus. Dann nimmt jedoch den meisten Raum im Unterrichtöplane die deutsche Sprache ein und dieser zunächst das Arabische. Die Frequentanten dieser Schule werden also zu Juden, die deutsche und arabische Bildung vereinigen, herangebildet, und können dann im praktischen Leben zwischen den so heterogenen Elementen vermitteln. Die genannte Schule hieß bislang nach ihrem Stifter v. Lämel in Prag, zu deren Realisirung seinerzeit der Dichter Dr. Ludwig August Frankl nach Jerusalem gesendet wurde, sie ist jedoch von dem Vereine zur Erziehung der jüdischen Waisen in Palästina, der in Frankfurt seinen Sitz hat, übernommen worden und ist das Curatorium der Lämel'schen Stiftung im Verwaltungsrath dieses Vereines vertreten. Im vorigen Jahre wurde Herr Hof- und Gerichts-Advorat Dr. Gustav Kohn, Vorstandsmitglied der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, in den Verivaltungsrath des Vereines berufen. Die warmen Gefühle, die Herr Dr. Gustav Kohn allen jüdischen Institutionen entgegenbringt, wird er gewiß auch dem fortschrittlichen Gedeihen des genannten Vereines widmen und sein Eintritt in den Verwaltungsrath desselben muß als glückliche Acquisition bezeichnet werden. Mit der Unterstützung des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina wird auch ein Gefühl befriedigt, das im Wiener Judenthum allzeit rege gewesen, das G.'fühl für arnle Waisen. Möge es dem genannten Verein gelingen, durch allseitiges Wohlwollen in den Stand gesetzt zu werden, den stets wachsenden Aufgaben und Ansprüchen gerecht werden zu können und den ihm würdigen Platz einzunehmen unter den Institutionen, die für die Colonisation Palästinas thätig sind, zum Heile und Zur Ehre des Judenthums. Aus Furcht vor Schande. Eine Geschichte aus dem Leben erzählt von Ernst Lemberger. Die blanken Schläger flirrten aus den Scheiden. Brausende Jubelrufc durchzittertcn den Saal als der angebetete Parteiführer die Tribüne betrat. Und als er seine Rede begann, als er in feurigen Worten, mit dem Brusttöne der Uebcrzeugung, die Juden als die ärgsten Schädlinge germanischer Art bezeichnte,, da stieg die Begeisterung, da wuchs der rauschende Jubel zum donnerndem Beifallsorkan. Am obersten Saalende in unmittelbarer Nähe der Tribüne hatte sich an einer langen Tafel eine Verbindung deutschnationaler Studenten niedergelassen. Kräftige, stramme Burschen in voller Wichs, denen Flaus und Eerevis prächttg standen. Zu oberst saß der Senior der Verbindung der stnä. m. Carl B., eine Hünengestalt voll blühendster Jugend, die mit ihren blonden Haaren und hellen Augen so recht als der Typus unverfälschten Germanenthums gelten konnte. Der Redner schloß mit einem feurigen Appell an die deutschen Söhne der deutschen Ostmark und forderte sie auf, unenttvegt auszuharren in jeglicher Bedrängniß zum Heile des Vaterland es. Ms die Versammlung'ergrisfen, durch die Wucht der Worte einige Augenblicke in lautlosem Schweigen verharrte, erhob sich Carl und forderte seine Commilitonen in schwungvollen Worten auf, dem kühnen Verfechter des deutschnattonalen Gedankens, dem unerschrockenen Vorkämpfer für Wahrhett und Recht, dem wackeren Volksmanne und selbstlosen Führer ein markiges „Heil!" darzubringen. Laute Heil- und Prositrufe ertönten, die Studenten schwenkten enthusiastisch die Mützen und der Parteiführer mußte wieder und immer wieder die Tribüne betreten und sich dankend verneigen. Carl gab ein Zeichen. Und plötzlich erklang, mächtig und gewaltig, wie Meeresbrausen und Donnerhallen, das deutschnaüonale Sturmlied: „Die Wacht am Rhein!" *' Der übrige Theil des Commerses verlief in harmloser Gemüthlichkeit. Stur einmal drohte die Unterhaltung etwas erregter zu werden» An einem der zahlreichen, dichtbesetzten Tische war nämlich darüber debattirt worden, ob ein getaufter Jude, oder ein Judenstämmling Ersp rießliches für die deutschnationale Sache zu leisten im Stande sei. Die verschiedensten Ansichten wurden laut. Das Thema wurde von anderen Tischen ausge^rissen, es bildeten - sich Gruppen, die Discussion wurde hitziger. 1 Da.schwang sich Carl auf einen Tisch und schrie mit Stentorstimme in die Versammlung: „Was der Jude glaubt ist einerlei. In der Rasse steckr die Schweinerei!“ Das zündete. Schallende Heiterkeit begleitete diese Worte und Wacker! Wacker! tönte es ihm von allen Setten entgegen. Selbst der Parteiführer, nickte Carl wohlwollend zu. (nwar der Held des Abends. Man hob ihn auf die Schultern und trug ihn im Saale herum. Das ,>est hatte seinen Höhepunkt erreicht. In früher Morgenstunde gingen die Burschen nach Hause. Am nächsten Tage, es war ein Samstag, fand der Univerfitätsbummel statt. Carl's Worte gingen von Mund zu Mund, der Ausspruch wurde geflügelt. Er stand stolz aufgerichtet inmitten seiner Couleur und berauschte sich an den ihm dargebrachten Huldigungen. Die ganze Gruppe wiederholte im Chorgesang so oft ein nichtarischer Commilitone sich ihr näherte die Verse: „Was—der—In—de—denkt—ist—ei—ner—lei— In—der—Ras—se—steckt—die—Schwei—ne—rei!" Hatten Me richttgen Takt gehalten, so klatschten die Mitglieder anderer Verbindungen Beifall und riefen: „Bravo! Bravo!" Eben als Carl sich anschickte den Bummel zu verlassen, eilte ein kleiner, verkrüppelter Jude an ihm vorbei, dem Ausgange zu. Carl schlug in die Hände und rief: „Was—der— Der Chor fiel lachend ein:-In—de—denkt—ist—ei—ner—lei— der—Ras—fe—steckt—die—Schwei—ne—rei!" Der also Verhöhnte wandte sich um, erblickte Carl und «ntgegnete halb mitleidig, halb spöttisch, es wundere ihn, diese Worte aus dem Munde einer Persönlichkeit zu hören, deren Abstammung, wie Eingeweihte behaupteten, unverfälscht femüisch sei. Carl wollte in sinnloser Wuth vorstürzen, um den unerhörten Schimpf auf der Stelle blusig zu rächen. „Frage nur deinen Vater!" klang es ihm spöttisch entgegen und ehe Carl seinen Gegner erreichen konnte, war derselbe bereits in der auf der Straße angesammelten Menge verschwunden. Carl's Freunde schienen sehr bestürzt. Die einen zogen sich scheu von ihm zurück, andere drückten ihm theilnehmend die Hand und andere erboten sich wieder den elenden Verleumder ausfindig zu machen, um ihn einer exemplarischen Züchügung zuzuführen. Carl verabschiedete sich in niedergeschlagener Ssimmung von seinen Freunden. Der Zwischenfall hatte ihn tief verstimmt. Es war sicher nur eine Luge!-Aber wie hatte es dieser Wicht nur wagen können-oder sollteLächerlich!