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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-06 · 44 (6.11.1891) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
44 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 814 Oesterreichische Wochenschrift. Nr. 44 Betrachtet man Grat/ Lebensgang und die weitverzweigte Wirksamkeit seiner Geschichte, so zeigt sich folgende merkwürdige Erscheinung, die seinen mächtigen Einfluß auf unsere Zeit am besten illustrirt. Gr ätz hat seinen Eintritt in -die Welt vollzogen im Schatten der Hochburg der Orthodoxie. Er hat sich dann aber mehr und mchr von derselben losgesagt und ist deshalb von ihr noch über das Grab hinaus aufs Heftigste angefeiudet worden. Dennoch ist gerade die Orthodoxie bei Gr atz am meisten in die Schule gegangen, sie ist auch und zwar mit Erfolg wissenschaftlich geworden, sie befleißigt sich geschichtlicher Forschungen und Darstellungen, um ihre Position zu behaupten, weil sie dieselbe anders nicht mehr bchaupten kann, und wenn sie Gr ätz trotzdem anfeindet und feine Einwirkungen als unheilvoll bezeichnet, so macht dies Verfahren den Eindruck, den ein Schwimmer hervorruft, welcher das Wasser abwehren will, in welches er bis an den Hals eingetaucht ist. Auch die Orthodoxie — wenigstens in Deutschland — befindet sich bis an den Hals in dem Grätz'schen Fahrwasser. Darin aber zeigt sich die wahre Größe des Einflusses, den ein Mann ausübt, daß sich auch diejenigen ihm nicht entziehen können, die nichts von ihm wissen wollen. Mag auch die Orthodoxie nicht eingestehen, daß sie den Spuren folgt, welche Gr ätz gezogen hat, so ist sie doch instinctiv von dem Gefühle beseelt, daß er im besten Sinne konservativ war, und daß er mehr beigetragen hat zur Erhaltung unseres geschichtlichen Erbtheils, als fromme Wünsche, Augenverdrehen und Händeringeu zu thun vermöchten. . So zeigen sich denn auf dem ganzen Gebiete des Judenthmns die segensreichsten Einwirkungen, welche Gr ätz durch seine Geschichte ausgeübt hat. Er gehört nunmehr selbst der Geschichte an und auf ihn passen die Worte, mit welchen erden elften Band seiner Geschichte einführt: „Ueberhaupt scheint mir, daß in der Geschichte erst der Rechnungsabschluß, welchen der Tod vollzieht, es möglich macht, den Antheil zu bestimmen, welchen die Persönlichkeiten mit ihrer Energie, ihren Illusionen und selbst mit den von ihnen ausgegangenen Friktionen an der Geschichtsarbeit hatten. In der Perspective der zeitlichen Entfernung heben sich die Umrisse besser ab, als in der nächsten Nähe, wo in dem knäuelhaften Gewirre das überangestrengte Auge des Beobachters das Aufgedunsene für groß und bedeutend und das bescheiden Zurücktretende für winzig ansieht." Soweit Grätz. Ich glaube, daß im Sinne dieses Ausspruches die Zukunft in der Verehrung, die wir Gr atz bewahren, mit uns wetteifern, ja daß sie uns darin noch übertreffen wird. Ehre seinem Andenken! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Aufgabe der jüdischen Schule in Palästina. Noch zu keiner Zeit seit achtzehnhundert Jahren ist die Idee zur Wiedercolonisirung Palästinas bei den Juden so lebhaft heworgetreten, so allgemein besprochen und von allen Seiten erörtert worden, wie gegenwärtig. Der Antisemitismus hat das in der Neuzeit fast schon erstorbene Gefühl für das Land der Vater in uns wieder geweckt und es ist lebendiger denn je geworden. Aber das traurige Schicksal der fünf Millionen rrrffischer Juden drängt zur praktischen Bethätigung dieses Gefühles. Denn auf die Frage: Wohin mit diesen Unglücklichen? ist die erste Antwort au? jedem Mund: Nach Palästina! und sie selbst, diese Unglücklichen, die an dem Fortschritt der Zeit und an der Civilisation des Abendlandes verzweifeln, zieht die Sehnsucht dahin, mehr als nach der neuen Welt. Ein großer Theil von ihnen ist bereits dahin gezogen und die vielen Zionsvereine in Rußland hatten ihre Blicke dahin gerichtet und sind beseell von dem Gedanken, den Vertriebenen im Lande der Väter die neue Heimat vorzrlbereiten. Aber nicht nur in Rußland, in allen größeren Städten Europas und Amerikas haben sich solche Zionsv.'reine gebildet, überall steht unter diesem Banner die gemeinsame^ Actton für die russischen Juden. Die Bewegung für die Colonisation des heiligen Landes ist eine so intensive, als ob die messianische Zeit herangebrochen wäre und jetzt erfüllt werden sollte der Traum zweier Jahrtausende. Man muß indeß bei teilt Gedanken an die Wi dercolonisirung Palästina's durch Juden nicht gleich auf ein transscendmtales Eingreifen kommen. Die Tendenz liegt vielmehr in der Politik der Zeit, nur bedurfte sie des äußeren Anstoßes und diesen gibt Rußland mit seiner Tyrannei g'gen die Juden. Wenn die europäische Eultur nach dem Osten gettagen, wenn der Orient mit dem Occident verbunden werden soll, so muß die Colonisation Palästina's von Juden vor sich gehen, und wenn es Palästina selbst vordechand noch nicht sein kann, wenigstens die Colonisation Syriens und der Ost-Jordan - länder, die doch auch eigentlich noch zum Lande der Verheißung gehören, das nach 1. B. M. Cap. 15. V. 18 bis zum Euphrat sich erstrecken sollte. Wem drängte sich nicht die Beobachtung auf, daß es den abendländischen Völkern nicht gelingt, im Oriente heimisch zu werden und hier für ihre eigene Art einen neuen Entwicklungsboden zu gewinnen? Es ist ihnen immer im Oriente nur die Herrschaft des Schwertes in Form einer übermächtigen Colonie gestattet. Griechen und Römer, Byzantiner und Kreuzsahrer gingen über solche Versuche, occidentale Staaten im Oriente zu bilden, unter. Die Engländer sind noch heute nicht im Geringsten heimisch in Indien, ihre Krieger, Staatsmänner und Kaufleute kehren immer wieder nach England zurück und werden durch neue Sendlinge ersetzt. So müssen auch die Russen trotz ihrer viel näheren Verwandtschaft mit Asien den Kaukasus immer von Neuem mit ihrem Btute tränken. Diese Thatsachen erhalten eine um so lebhaftere Bedeutung, wenn wir dagegen sehen, wie der weitere Westen, die neue Welt binnen kurzer Zeit völlig europäisch geworden ist. Nur Juden können das vermittelnde Prinzip zwischen Occident und Orient sein, die beiden entgegengesetzten Elemente des geschichtlichen Organismus verbinden, und das scheint ihre endgiltige Mission zu sein, insoferne die Menschengattung sich zur Menschheit entwickeln und alle Völker sich vereinigen sollen. Die Juden haben in beiden Welttheilen ihre Abstammung und ihre Religion bewahrt, trotzdem sie im Oriente Orientalen, im Occidente Occidentalen sind und darum können nur sie und sie allein die Vermittlerrolle zwischen Abendland nnd Morgenland übernehmen, das Bindeglied zwischen beiden sein. Man denke sich Palästina, oder auch nur die Länder um Palästina, von Juden colonisirt, die europäische Bildung haben, müßten diese Länder nicht der Lichtherd der europäischen Cultur für den ganzen Orient werden? Um diese Mission zu erfüllen, genügt es daher nicht, die Juden nur dahin zu versetzen, sondern sie mäßen auch dort europäische Schulen bekommen, sonst werden sie wieder Orientalen, wie es die spanischen Juden vor vierhundert Jahren in der Türkei, Berberei und Marokko geworden sind. Wenn auch sich dessen nicht ganz klar bewußt, verfolgen die Schulen der Alliance Jsraelite Universelle im Oriente diesen Zweck, aber ihnen fehlt die örtliche Bedingung für diese Mission. Der Lichtherd mäßen Palästina oder di? angrenzenden Länder

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