Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 44 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Oestrrreichifchr Wochenschrift. Seüe 813 keit und fein Bestand. Wenn nur aber fragen, wie sich die mannigfachen Veränderungen innerhalb des Judenthums vollzogen haben, so müssen wir antworten: sie haben sich gemäß den ihm innewohnenden Gesetzen vollzogen. Deswegen können wir von einer geschichtlichen Entwicklung des Judenthums reden, denn die Entwicklung einer Sache muß nach ihren inneren Gesetzen erfolgen, sonst ist sie keine. Wollen wir also zur Entwicklung und Erhaltung des Judenthums beitragen, so müssen wir seine inneren Gesetze, seine Lebensb din zungen und Ziele kennen, wie sie in seiner Geschichte heroorgeireten sind, nut einem Worte: das Judenthum kann nur als das historische Judenthum sortleben und dazu ist eine allseitige Kenntniß seiner Geschichte erforderlich. Wie ein Arzt seinen Beruf nur dann erfolgreich ausüben kann, wenn er in der Physiologie unterrichtet ist d. h. das Wesen des Lebens und seine Gesetze kennt, wenn er in der pathologischen Anatomie Bescheid weiß, d. h. in den Veränderungen, welche Krankheitszastänoe in dem Organismus herbeiführen, zu Hause ist, so kann es auch für das Judenthum keinen Arzt geben, der nicht seine Geschichte kennt. Die Geschichte ist pathologische Anatomie, und wer nicht die Geschichte eines Volkes kennt, soll ihm keine Recepte verschreiben. Als man im Jahre 1840 in Frankfurt a. M. die Beschneiduny abschaffen wollte, schrieb Zunz, um sein Gutachten befragt: „Ein Selbstmord ist keine Reform." Er wollte eben sagen, daß ein Eingriff in das Judenthum, welcher nicht seine inneren Gesetze, seine Lebensbedingungen berücksichtigt, demselben nicht zum Heile gereichen kann, nicht seine Entwicklung, sondern seinen Untergang befördert. Unser.Jahrhundert aber, welches einen der folgenschwersten Wendepunkte des Judenthums bezeichnet, hat sich diese Wahrheit nicht immer vor Augen gehalten. Durch die von Mendelssohn ausgegangene Bewegung entstand in weiten Kreisen das Bestreb m, das Judenthum mit der Zeitbildung in Einklang zu bringen, ein Bestreben, das ebenso berechtigt wie lobenswerth war. Leider standen die damaligen Rabbiner nicht aus der Höhe der Aufgabe, welche die Zeit ihnen gestellt halte. Die Geschichte des Judenthums war ihnen vollständig fremd, sonst hätten sie wissen müssen, wie geschickt und segensreich in den ganz gleichen Verhältnissen der spanisch-arabischen Periode die damaligen Rabbiner der von der Zeit dargebotenen Erscheinungen sich bemächtigt halten. Sie eigneten sich die arabische Sprache, die arabische Wissenschaft an und stellten beide in den Dienst des Judenthums, das sie eben durch dieses Verfahren zu neuer Blüthe brachten. In der M end els sohn'schen Zeit hingegen wollten d'e Rabbiner weder von der deutschen Sprache, noch von der deutschen Wissenschaft etwas wissen, wie es zum Theil heute noch der Fall ist. Die Folge davon war, daß sie ganz außer Contact mit der Zeitströmung kamen, jeden Einfluß verloren, und daß statt ihrer, welche die berufenen Aerzte hätten sein können, gleichsam Naturärzte ihre Heilversuche an dem Judenthume unternahmen, mit demselben Erfolge, welchen Naturärzte überhaupt zu erzielen pflegen. Einige schlugen einen allmäligen Nebergang zum Christenthum vor, welchen Vorschlag denn auch ihre Kinder ins Praktische übersetzten, Andere ließen sich in die Vorstände der Gerneinden wählen und befriedigten ihren Thatendrang, für welchen sie anderwärts kein Feld fanden, in der Weise, daß sie Einrichtungen und Formen, die sie dem Christenthum abgesehen hatten, auf das Judenthum übertrugen. Ob dieselben zu der historischen Eigenart des Judenthums paßten, war ihnen gleichgültig. S'e wissen, als gute Oesterreicher, daß man die Lebenskräftigkeit unseres Vaterlandes unter Anderem damit bewieseu hat, daß gewisse Regierungen es nicht zu Grunde zu richten vermochten. Ebenso darf man von dem Judenthum sagen, daß es sehr stark sein muß, wenn es gewisse Vorstände ertragen konnte. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ist auf eine ganz unwissenschaftliche, eigenmächtige und gedankenlose Weise von den Vorständen an dem Juoenthum herumprobirt worden, ungeheure Kämpfe wurden in den Gemeinden heraufbeschworen, während die Rabbiner theils mundlodt waren, theils zu Handlangern der Vorstände erniedrigt wurden, oder selbst dazu sich erniedrigten. Damm waren auch jene Kämpfe im Großen und Ganzen erfolglos, oder erzielten das Gegentheil dessen, was man wollte. Denn die angestrebte Assimilation mit der Umgebung ist mehr als je in die Ferne gerückt, und im Innern wurden Jndifferentismus und Abfall eher vermehrt als vermindert. Seien wir aufrichtig! Die Wiedergeburt des Judenthums, die sich vor unseren Augen vollzieht, ist, wie immer, von der Wissenschaft ausgegangen. Seit der Gründung des ersten Rabbinerseminars in Breslau im Jahre 1854 sind deren noch drei entstanden unb ein ferneres ist durch die Wohlthätigkeit edler Mär ne unserer Gemeinde, sowie durch den zu erhoffenden Beistand der Regierung in unserer Stadt im Entstehen begriffen. Zu diesem glänzenden und unerwarteten Erfolge hat Gr ätz durch seine „Geschichte der Juden" am meisten beigetragen. Es ist der leise, allmälige, aber sichere Gang des Geistes, der sich hier offenbart. Dadurch aber wird der Kampf, der weder ausbleiben kann, noch ausbleiben soll, auf dasjenige Gebiet übertragen, wohin er gehört, auf das Gebiet der Wissenschaft, man wird begreifen, daß bloße Unruhe noch keine Lebensäußerung ist, daß Einfälle und Apercu's keine Ideen sind, welche Verwirklichung verdienen, und was die Hauptsache ist: es werden künftig nicht diejenigen am meisten im Judenthume zu sagen haben, die am wenigsten davon verstehen. Im Wesentlichen sind es zwei Eigenschaften, welche ein gründliches Studium der Geschichte in einem Volke ausbildet: Selbstachtung und Schamgefühl, und insofern Gr ätz zu der Ausbildung dieser E genschaften hauptsächlich bekgetragen hat, kann man ihn als einen der vorzüglichsten Erzieher unserer Geminschaft bezeichnen. Das ist ein drittes Verdienst seiner Geschichte Unsere Weisen sprechen die tieffinnige Bemerkung aus, Jerusaleni sei deshalb zu Grunde gegangen, weil Einer sich nicht vor dem Andern schämte. Die Menschen schämen sich aber nur dann nicht vor einander, wenn sie sich nicht vor einander zu schämen brauchen. Auch in unserem Jahrhundert hatte dieser Mangel an Schau: gefühl bedenklich um sich gegriffen. Man schämte sich nur, Jude zu sein, aber man schämte sich nicht vor unserer Vergangenheit, und zwar deshalb nicht, weil man sie nicht kannte und die eigene Nacktheit und Blöße nicht erkannte. Gewiß verdient unsere Vergangenheit nicht schlechthin Lob, sondern sie hat auch vieles aufzuweisen, dessen sie sich zu schämen hat. Aber wer wollte die Züge offenbarer Größe verkennen, die sie ausweist, die zahlreichen Licht- und Heldengestalten, welche alles Unwürdige überstrahlen und welche doch eigentlich in demselben Sinne die Vergangenheit ausmachen, in welchem wir an die großen Minner unserer Zeit denken, wenn wir die Gegenwart preisen, der es gewiß auch nicht an unwürdiger Beimischung fehlt. Die Bekanntschaft mit dieser Vergangenheit hat Gr ätz erst in weite Kreise getragen. Deshalb ist es jetzt nicht mehr so leicht, sich vornehm und geringschätzig von dem Judenthum und seinen Interessen abzuwenden. Es ist auch in Kreisen, von denen man es früher nicht erwartet hätte, äe rigueur geworden, wenigstens ein bischen Judenthum zur Schau zu tragen, weil man sich vor der Vergangenheit schämt, und da der Eine sich schämt, schämt sich auch der Andere vor ihm, und so schämen sich Alle — bis auf einige Unverschämte, welche die Vergangenheit wegen ihrererhofften Zukunft preisgeben. Und mit diesem Schamgefühl, jener wahrhaft adelign Empfindung, welche die Vergangenheit nicht leichthin beurtheitt, da diese ihr bestes Theil ausmacht, hat auch die Selbstachtung unter uns zugenommen, denn diese hängt mit jener aufs Engste zusammen. Wir fühlen: wir sind Wer, und wir sagen uns: wir wollen auch Wer bleiben. Das ist die Wirkung der vermehrten Kenntniß unserer Geschichte, welche wir größtenteils Gr ätz zu verdanken haben. Aber sein Erziehungswerk hat erst begonnen, wenn er selbst auch nicht mehr ist. Je mehr Leser seine Geschichte finden wird, um so mehr wird auch die Achtung vor unserer Vergangenheit und unser aufrechtes Ehrgefühl zunehmen, denn unsere wahre Ehre ist unsere Geschichte.