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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-06 · 44 (6.11.1891) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
44 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 812 Oestrrrrichischr Wochen chrifi. Nr. 44 Bande sich geringschätzig über die Arbeiten desselben äußerte. Grätz hat dieses abfällige Urtheil in einer späteren Auflage selbst gelöscht und damit das Unrecht, das er gegen den hochverdienten Nestor der modernen Wissenschaft des Judenthums begangen hatte, wieder gut gemacht. Immerhin war die Zu nz'schc Bemerkung für Gr ätz verletzend, aber sie ist auch an sich selbst höchst charakteristisch. In anderen Literaturen jagen die Geschichtswerke einander und man wird nicht müde, Persönlichkeiten und Ereignisse von uur einiger Bedeutung immer von neuem zu behandeln. Dadurch wird das allgemeine Interesse wach erhalten und das Publikum wird nicht müde, die neuen Erscheinungen zu kaufen und zu lesen, obgleich oder vielmehr gerade weil eine die andere überholt und antiquirt. Hier aber hören wir einen Mann, wie Zunz, sich darüber verwundern, daß 25 Jahre nach der ersten jüdischen Geschichte „schon wieder" eine erscheinen sollte. Zunz mochte sich denken — wir wollen das zur Erklärung seiner Bemerkung annehmen — daß es noch zu sehr an Einzelsorschungen mangle, als daß eine vollkommene Gesammtübersicbt über das Gebiet der jüdischen Geschichte geliefert werden könnte. Dennoch zeugt jene Bemerkung von mangelndem Verständnis; für den Entwicklungsgang einer Literatur. Einzelforschungen können der Natur der Sache nach zumeist nur Gelehrte inieressiren und lassen die große Menge kalt. Ueberdies wollte man eine allgemeine Geschichte hinausschieben, bis Alles im Einzelnen klargestellt wäre, so würde es heute noch, keine Weltgeschichte geben. Wir haben si: aber zu hunderten in allen Sprachen. Dadurch wird das allgenieine Interesse ftir die Geschichtsforschung wach erhalten, ja noch mehr, diese allgemeinen Geschichten regen, weil sie notwendig lückenhaft und stellenweise dunkel sind, erst zu Einzelforschungen an, wodurch dann spätere Geschichtsschreiber in die Lage kommen, die Lücken ihrer Vorgänger auszufüllcn, und das was sie noch im Dunkel gelassen haben, aufzuhcllcn. Es bedurfte nur erst eines Columbus, um Amerika zu entdecken, die Einzelforschungen, welche das Innere des Landes aushellten, kamen dann schon von selbst. So hat auch Grätz durch seine Geschichte erst das literarische Interesse in weiteren Kreisen angeregt, und Zunz ahnte nicht, als er jene Bemerkung machte, wie viel gerade er selbst der von G rätz ausgegangenen, auf das Allgemeine gerichteten Anregung zu danken haben würde. Aber dieses Moment gehört auch zu den Merkwürdigkeiten der jüdischen Geschichte! Das epochemachende Werk von Zunz „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" kostet heute zwanzig und mehr Gulden, wenn es überhaupt in den Handel gelangt, denn es ist zumeist, wenn ich mich börsenmäßig ausdrücken darf, in „festen Händen." Von dieser heutigen Bcwerthung aus habe ich das Buch als epochemachend bezeichnet. Als es aber im Jahre 1832 erschien, war es durchaus nicht epochemachend, weil das Verständnis' für seinen Werth nur auf wenige Personen beschränkt war. Das Buch ward bald nach seinem Erscheinen von den.Trödlern in Berlin für einige Silbergrvschen ausgebotcn, wie ich aus dem Munde eines Augenzeugen vernommen habe. Was ist denn nun seit damals geschehen, daß es zu so hohem Werthe gelangt ist? Das Interesse für die jüdische Wissenschaft hat an Tiefe und Unrfang zugenommen und das hat in erster Linie das Grätz'sche Geschichtswerk bewirkt. Jnsoferne ist dasselbe die wesentlichste Ursache für die Preissteigerung des Zunz'schen Hauptwerkes. Ohne Grätz wurde es bei Weitem nicht so viele Studirende der jüdischen Theologie geben, wie es thatsächlich giebt, ohne Grätz würde die christliche Theologie und Geschichtsschreibung den Leistungen ji discher Gelehrter so wenig Beachtung schenken wie früher, ohne G r ä tz endlich würden die breiten Massen unserer Gemeinschaft sich nicht für die fiüüsche Wissenschaft interessirm und ich würde in Ihnen kaum genügte Zuhörer finden für einen Vortrag über jüdische Geschichte und Geschichtsschreibung. Die Folge davon aber wäre, daß die „Gottesdienstlichen Vorträge" von Zunz höchst wahrscheinlich auch heute noch bei den Trödlern für ein Billiges zu haben waren. So haben wir hier eine lehrreiche Illustration zu hem alte« Satze, daß „d e Bücher ihre Schicksale haben." Zunächst also beruht das Verdienst von Grätz darin, daß er die jüdische Wissenschaft populär gemacht hat und das will bei uns etwas sagen. Dabei soll nicht der Antheil verkannt werden, welcher dem von Philippson ins Leben gerufenen Literaturverein an diesem Erfolge zukommt. Aber die Hauptsache bleibt doch, daß das Grätz'sche Geschichtswerk geschrieben war und wie cs geschrieben war. Es stieß den Ungelehrten nicht ab durch eine krause Darstellung, durch eine Fluth von Anmerkungen, durch Kälte des Vortrages und allzulanges Verweilen bei Einzelheiten, sondern von allem Diesen zeigt sich bei Grätz das Gegentheil. Sein Vortrag ist klar und flößend und von einer Wärme durchzogen, die sich den Lesern mittheilt und ihnen ebenfalls warm macht, die Hanptgesichtspunkte stehen im Vordergründe und von ihnen aus überblickt der Leser in klarer Fernsicht das weite und verzweigte Gebiet der jüdischen Geschichte. Grätz gehörte zu den schreibeudcn Gelehrten. Sein mündlicher Vortrag war schleppend und unbelebt, wie ihm denn die freie Rede überhaupt nicht zu Gebote stand. Aber was die Statur ihm auf dem Katheder v'rsagt hatte, das ersetzte sie ihm reichlich am Schreibtische. Seine schriftstellerische Fruchtbarkeit war eine außerordentliche, und wenn auch nicht mit dem Munde, so konnte er doch wie Wenige mit der Feder Tausenden zu Herzen sprechen und sie für die Sache des Judcnthums begeistern. Was verschlägt es gegenüber dieser Thatsache, ob Grätz in dem einen oder anderen Punkte geirrt, hier oder da Nachstrebendcn noch Manches zn thun übrig gelassen hat. Die wiederholten Auflagen, die natürlich auch immer verbesserte waren, sowie die Ucbersetzungen ins Hebräische, Englische und Französische, sind die beste Kritik des Merkes, sie sind lebendige Zeugen dafür, daß der Sinn für die jüdische Geschichte in weiten Kreisen unserer Gemeinschaft wachgerusen ist und hoffentlich nicht wieder cinschlafen wird. Für den Bestand des Judcnthums aber ist diese Erweckung des geschichtlichen Sinnes von der unschätzbarsten Bedeutung und als einer der vorzüglichsten Erwccker desselben hat Grätz zur Erchaltung des Judenthums wesentlich beigctragen. Das ist ein zweites Verdieitst seiner Geschichte. Ich muß aber hier vor Allem des ersten Directors des „jüdischtheologischen Seminars" zu Breslau, meines hochverehrten Lehrers Dr. Zacharias Frankel, gedenken. Dieser war cs, welcher zuerst da; historische Judenthum als ein Programm aufgestellt und dasselbe zur Richtschnur für das von ihm geleitete Rabbinerseminar gemacht hat. Obgleich Dr. Geiger in Breslau die Gebrüder Fränkel daselbst zur Gründung des Seminars bewogen hatte, so sah doch das von ihnen eingesetzte Kuratorium von der Anstellung G e i g c r's als Director der Anstalt ab und berief Frankel auf diesen Posten. Eben wegen des von ihm ausgestellten Programmes. Die Gesinnungsverwandtschast und Uebereinstimmung vcranlaßte dann Frankel, Grätz an das Seminar zu berufen, und wie sehr dieser als Lehrer und Geschichtsschreiber der eigentliche Apostel Frankel's und der Vollstrecker seines Programmes war, das trat auch in der unbegrenzten persönlichen Verehrung zu Tage, mit welcher er zu ihm, der allmälig berühmter Gewordene zu dem weniger Gekannten, hinaussah und von deren Kundgebung ich durch acht Jahre hindurch Zeuge war. Grätz beobachtete Frankel gegenüber, wie unsere Alten sagten, das Verhältniß eines Dieners zu seinem Herrn. Das finden Sie nicht in seiner Geschichte. Aber ich darf diesen schönen Zug als einen wesentlichen Beitrag' zur Charakteristik des Mannes, dem dieser Vortrag gilt, nicht unerwähnt lassen. Er ist selbst ein Stück historischen Judenthums und findet allein darin seine Begründung. Sie werden aber wissen wollen, was es rnii dem historischen Judenthume eigentlich auf sich habe, und ich will Ihrem Verlangen zu cntsprccken versuchen. Das Judcnlhum hat, wie Alles was innerhalb der realen Welt zu Tage tritt, seine Geschichte. Es ist nicht immer dasselbe gewesen, und wird nicht immer dasselbe sein, es hat sich im Laufe der Zeit wiederholt mit veränderten Verhältnissen abfinden müssen und hat dies zu thun vermocht. Ju diesem Vermögen beruht seine Lebensf. hig-

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