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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-06 · 44 (6.11.1891) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
44 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 Oestrrrrichifchr Wochenschrift. Sette 811 Rechtsgefühle entspricht, daß in der Mitte der Reichsvertretung ein Bürger so behandelt wird, gegen den kein anderes Beweismaterial vorliegt als das von ihm veröffentlichte Inserat? Die Nennung der Firmen erfolgte in derselben Rede, in welcher Dr. Hofmann von Wellen Hof es den Blättern zum Vorwurfe macht, daß in ihrem lokalen Theile Namen genannt und Privatpersonen bloßgestellt werden. Es ist schwer, sich in den Gedankengang des Redners hineinzufinden; für die Freiheit des Marktes, für die Bedingungen des Verkehrs fehlt jedes Verständniß und man erkennt nur die tiefgreifenden Wirkungen, welche gewiße Richtungen auf das menschliche Denken auszuüben vermögen. Dr. Hofmann von Wellenhof bekannte auch ganz offen, daß er „einer Aufforderung seitens zahlreicher sachverständiger Geschäftsleute Folge leistend, sich dazu entschloß über diesen Punkt einige Worte zu sprechen." Es ist also doch die Concurrenz des Marktes, die auf diese Art sich zum Worte meldete und gewiß, ohne es zu beabsichtig n, hat der Herr Redner in die Concurrenz eingegriffen. Wäre das aber möglich, wenn man sich der Verantwortlichkeit bewußt bliebe, die mit der durch die Immunität verliehenen Macht verbunden ist? Diejenigen aber welche es an der Presse so heftig tadeln, daß sie ihre Macht mißbraucht, sie sollten beweisen, daß sie die Macht, die in ihren Händen liegt, mit größerer Mäßigung anzuwenden wissen. Zn Ermangelung einer Präventiv-Censur sür Inserenten verlangt der Herr Abgeordnete strenge Strafen für die Inserate mit entsprechender Entschädigung für Diejenigen, welche durch ein Inserat sich getäuscht fühlen. Es bliebe zur Weltverbesserung nur noch übrig, daß auch die Wahlaufrufe der Parteien, wo zuweilen ganz Unniögliches versprochen wird, vom Standpunkte der Wahrheit aus einer strengen Prüfung unterzogen würden. Auch wären jene Abgeordneten zu bedauern, welche um ihre den Wählern crtheilten Versprechungen einzulösen, und um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, durch ihre A n k ü n d i g u n g e n getäuscht zu haben, tief hinabsteigen müßten, tief unter das Niveau des Parlaments und tiefer als es mit der parlamentarischen Würde verträglich erscheint. H. Grätz und seine „Geschichte der Juden." Bortrag gehalten in der „österr. israel. Union" am 31. October 1891 von Dr. M. Güdemann. Geehrte Versammlung! Seit dem 7. September d. I. betrauert die jüdische Gemeinschaft einen ihrer besten Söhne, einen Mann, der durch seine schriftstellerische Thätigkeit in unserem Jahrhundert am meisten dazu beigetragen hat, dem Judenthum nach außenhin sein berechtigtes Ansehen zu erobern, der aber auch unter unseren Glaubensgenossen den größten Leserkreis sich errungen hat, dessen — wenigstens in der Gegenwart — ein Schriftwerk jüdischen Inhalts sich rühmen kann. Es ist Professor Dr. Heinrich Gr ätz gesegneten Andenkens, von dem ich rede, und sein vielgelesenes, berühmtes Schriftwerk ist die zwölfbändige „Geschichte der Juden." Er ist Vielen thener gewesen, mir war er es besonders, da ich in, ihm meinen Lehrer, Berather und Freund verehrte. Darum habe ich der Einladung Ihres geschätzten Vorstandes, die diesjährigen Vortragsabende mit einer Vorlesung über die Bedeutung des verehrten Mannes und seiner Geschichte zu eröffnen, gern entsprochen. Ich glaube auch vermöge meiner persönlichen Kenntniß des Mannes mich in der Lage zu befinden, ihn und sein Streben genauer und lebhafter schildern zu können, als dies Jemand vermöchte, der ihn blos aus seinen Schriften kennt, aber des persönlichen Umganges nicht theilhaftig geworden ist. Denn ein Schriftsteller kommt selbst bei der größten Offenherzigkeit in seinen Schriften niemals ganz zum Ausdruck, für einen Geschichtsschreiber zumal ist eine gewisse Zurückhaltung der Persönlichkeit sogar geboten, denn er soll nicht sich schildern, sondern die Ereignisse, wenngleich durch das Medium seiner Anschauung. Immerhin setzt sich allein durch den näheren, vertrauten Umgang das Bild des Menschen in dem Menschen fest und ein solches w'll ich versuchen, Ihnen von Gr ätz zu entwerfen. Wenn ich als eine bemerkenswerthe Erscheinung den großen Umfang des jüdischen Leserkreises hervorgehoben habe, dessen sich Gr ätz erfreute, so habe ich, wie Sachkenner zugeben werden, damit einen seiner größten Erfolge, aber auch eine der traurigsten Seiten unseres inneren Lebens berührt. Die G r ä tz'sche Geschichte hat unter allen Schriften jüdischen Inhalts in unserem Jahrhundert am meisten Leser unter unseren Glaubensgenossen gefunden, wenn ich die Bibel und das Gebetbuch ausnehme, und ich weiß nicht einmal, ob ich für unsere nächste Umgebung diese ausnehmen darf. Seitdem die Juden in Westeuropa in die Zeitbildung eingetreten sind, haben sie nicht blos größtentheils das Verständniß der hebräischen Literatur eingebüßt, sondern auch das Interesse an wissenschaftlichen Darstellungen aus dem Bereiche des Judenthnms verloren. Diese unerfreuliche Erscheinung erklärt sich allerdings und vielleicht hauptsächlich daraus, daß die jüdischen Schriftsteller, welche zuerst in unserem Jahrhundert im Geiste und in der Sprache der modernen Bildung jüdische Dinge bearbeiteten und welche als die Schöpfer der jüdischen Wissenschaft zu betrachten sind, ihren Arbeiten einen allzu esoterischen Charakter gaben und das große Publikum zu wenig berücksichtigten. Im Mittelalter hatte man die Sache besser verstanden. Damals gab es eine reiche Literatur, zum Theil in hebräischer Sprache, zum Theil im jüdisch-deulschen Idiom abgefaßt, welche die Herzen und Gemüther der großen Menge, besonders auch der Frauen und Jungfrauen zu gewinnen sich angelegen sein ließ und thatsächlich auch gewann. Ans den Titelblättern vieler jüdischdeutfcher Schriften liest man ausdrücklich die Anpreisung, welche dieselben Frauen und Mädchen empfiehlt. So hatte die jüdische Literatur im Mittelalter, auf das wir so geringschätzig hinabsehen zu dürfen vermeinen, insoferne ein goldenes Zeitalter, als es ihr nicht an Lesern, demnach auch nicht an Käufern gebrach. Diese gingen ihr im Anbruch der neueren Zeit verloren und die Gelehrten, welche wieder nur siir Gelehrte schrieben, thaten nichts dazu, sie wieder zu gewinnen, und hatten niitunter bei allen ihren hohen Geistesgaben nicht das Verständniß für die Thatsache, daß eine Literatur nicht bestehen kann, sondern verküiumern muß, wenn sie sich nicht populär macht und in der breiten Masse des Volkes wurzelt. Ich theile Ihnen zur Illustration dieser Bemerkung die folgende Anekdote mit, die mir Grätz selbst erzählt hat. Als er den ersten Band seiner Geschichte, in der Reche der Bände den vierten, vollendet hatte, fand sich kein Buchhändler, der den Verlag desselben übernehmen wollte, obwohl doch bereits 35 Jahre früher die J ost'sche Geschichte der Israeliten erschienen war, von der, als einer neuartigen Erscheinung, man stch wenigstens den Erfolg hätte versprechen dürfen, daß sie das Interesse für derartige Arbeiten und die Kauflust unter unseren Glaubensgenossen angeregt haben würde. Es war der Vermittelung des berühmten Rabbiners der Berliner Gemeinde, Dr. Michael Sachs zu danken, daß der Inhaber der Veit'schen Buchhandlung sich bereit erklärte, die G r ä tz'sche Geschichte zu verlegen. Bei einem Besuche, den Grätz bei Sachs machte, stellte dieser ihn dem zufällig anwesenden Dr. Zunz mit den Worten vor: „Herr Dr. Grätz, Verfasser einer jüdischen Geschichte." Zunz bemerkte darauf: „Schon wieder eine Geschichte!" worauf aber Sachs entgegnete: „Erst eine Geschichte." Vielleicht war es diese Bemerkung, durch welche Zunz verschuldete, daß Grätz in dem Vorworte zu seinem fünften

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