Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-06 · 44 (6.11.1891) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
44 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020892--00843-3024853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

!MFWW Seite 810 •ff die Welt gekommen? Wenn es das antisemitische Be- Lenntmß oder das arische Rassenbewußtsein noch gestatten, den Goethe zur Hand zu nehmen, dann möchten wir Herrn Dr. Hofmann von Wellen Hof bitter», das Jahrmarktsftft von Plundersweilen nachzulesen und er wird finden, daß MM auch ohne Inserate sich auf die Anpreisung der Waren verstand. Und nicht Alle waren befriedigt wenn sie vom Jahrmarkt nach Hause gingen und die Waren prüften. Aber schon Goethe laßt den „Haman" sagen: „Der Jude liebt das Geld" und darauf Mtwortet „Ahasverus:" „Ich weiß das nur zu gut Mein Freund, ich bin nicht blind, doch thun das Andere mehr, die unbeschnitteu sind." Es gereicht keineswegs zur Kurzweil, wenn man in unserer Zeit über Preßfreiheit, Zeitungswesen, Mißbrauch der Preßfkecheit und die sonstigen damit zusammenhängenden Dinge sprechen soll, über welche die civilisirte Welt, Steiermark miteingerechnet, sich längst im Klaren befindet. Die Freiheit der Preffe bedeutet doch nichts anderes als d'e Freiheit des Gedankenaustausches und mit mehr Recht als Spinoza in seiner Zeit auf die Türkei hinweist, können wir heute an Rußland Md China erinnern, um zu zeigen, was daraus entsteht, wenn der freie Gedanke unterdrückt wird. Die Despoten Asiens aber erscheinen noch iminer milde und duldsam gegen das freie Wort im Vergleiche milden extremen Parteien, gleichviel unter welcher Fahne diese Parteien erscheinen. Für sich verlangen diese Terroristen die ausschweifendste Freiheit und ohne Rücksicht aus den Staat uud seine Institution zu nehmen, appeltren sie an die Elemente der Zerstörung, den Andern jedoch soll jede freie Bewegung entzogen sein; — das ist ihre Preßfreiheit. Sie bemänteln die Fälschungeu, weun sie von ihren Gesinnungsgenossen ausgehen; aber sie prüfen mit strengem Auge die Schneiderwaren, wenn sie ein Inserat im liberalen Blatte ankündigt. So verstehen sie die Freiheit. Die Uhr ohne Werk, die Nähmaschine als Kinderspielzeug, das sind für den Besteller unangenehme UeberraschMgen, aber schließlich sind diese Dinge doch brauchbar für eine Rede im Abgeordnetenhause uud so kommt man aus seine Kosten. Wie soll mm aber über die Fälschungen urtheilen die von der parlam.ntarischen Rednertribüne ausgehen? Da kredenzt man Getränke, die das Herz des Volkes vergiften. Mit welchen Namen soll man die Mittel bezeichnen, welche gewiffe Redner anwenden, um den Beifall zu wecken? Die Ware die in gewißen Volksversammlungen feil geboten wud, ist die schlechteste, die unter das Volk gebracht werden kMN. — Die unleugbaren Mißbräuche der Presse, sie sollen von Ms nicht in Abrede gestellt und nicht in Schutz genommen «erden. Die Presse repräsentirt eine Macht und der Besitz der Macht ist immer mit der Versuchung verbunden, die Gewalt zu mißbrauchen. Wir wissen es, daß Berichtigungen ein unvollkommenes Mittel, um der Wahrheit ihr Recht zu schaffen und daß Preßproceffe oft zu einer Tortur für Denjenigen werden, der sie im Inter sse seiner beleidigten Ehre Mgestrengt hat. Aber wenn umn der Presse es tadelt, daß nicht immer die nothwendige Srlbstbcherrschung vorhanden ist und nicht jenes Verantwortlichkeitsgefühl, welches allein den Gebrauch der Macht zu regeln vermag, dann sollte man doch selber beweisen, daß man diese s^atzenswerthen Eigenschaften besitzt und daß man daher das stacht |at, über die Andern strenges Gericht zu halten. Nr. 44 Durch die Immunität sind die Abgeordneten auch mit einer großen Macht ausgestattet und auch hier liegt die Versuchung nahe, diese Macht zu mißbrauchen. Es läge doch in der Pfticht des Anstandes, Abwesende, die sich nicht vertheidigen können, nicht zum Gegenstände eines Angriffes im Parlamente zu machen. Wie oft aber wurden im Abgeordnetenhause gerade aus der Mitte der Partei, welcher der Grazer Professor angehört, Abwesende mit voller Namensnennung auf das Empsindlichste und Giftigste angegriffen, in ihrer Ehre gekränkt, in ihrer Stellung geschädigt, und solche Reden dringen weiter als der Schmähartikel einer vereinzelten Zeitung. Wir reden nicht von Staatsbeamten, denn diese können doch wenigstens durch die Chefs ihres Ressorts vertheidigt werden. Aber es sind unter dem Schutze der Immunität wiederholt Privatpersonen mit und ohne Grund angegriffen worden und diese befinden sich dem tmch seine Immunität geschützten Redner gegenüber im Zustande völliger Wehrlosigkeit. Und auch bei diesen Angriffen hielt man sich an das satyrische Wort im „Jahrmarksfest": „Doch geht man niemals fehl, wenn man die Reichsten nimmt." Mit Bezug jedoch aus die Rede des Dr. Hofmann v- Wellenhof müssen wir wiederholen, daß in den Inseraten sich der Kamps ums Dasein abspiegelt und daß es einen sonderbaren Eindruck machen muß, wenn ein Kaufmann bloß aus dem Grunde, weil er inserirt, sich plötzlich an den Pranger gestellt sieht und mit Anwürfen belastet, die seiner Ehre abträglich sind und ihn in seinem Erwerbe schädigen. Der Abgeordnete hat den Schutz einer unverletzlichen Immunität, er ist weniger verwundbar als der in Drachenblut getaufte Sigftied. Der Kaufmann ist Steuerzahler und muß von dem leben, was er durch Fleiß und Geschicklichkeit erwirbt. Niemand sorgt für ihn, er ist ganz und ausschließlich auf sich selber angewiesen. Und nun gebraucht der Abgeordnete die ihm durch die Immunität verliehene Macht, um unter andern Firmen auch die Firma zu nennen: „Moriz Schwarz in Zwittau bei Brün n", ferner die Firma: „V. W as s e r tr i l l i n g in Boskowitz" und er fand es gleichzeitig für angemessen, auch die Inserate dieser Firmen vorzulesen. Gerade diesen Firmen aber wurde von Kunden, welche in der Sitzung vom 29. October anwesend waren, privatim das Zengniß'einer soliden Geschäftsführung ausgestellt. Um ja keinem Zweifel Raum zu lassen, fügte der Redner seinen Citaten den folgenden Commentar bei: „Ich glaube also, daß solche und ähnliche Ankündigungen, welche durch schwindelhafte und geradezu lügnerische Anpreisung von Eigenschaften, welche die betreffenden Waaren unnröglich haben können, geeignet sind, un wissende und leichtgläubige Personen irrezusühren, beide Theile schädigen, einerseits natürlich den Consumenten, anderseits" aber auch den reellen und ehrlichen Geschäftsmann, welcher auf derartige Praktiken verzichtet. Einem solchen Unwesen soll gesteuert werden." In solcher Art wurden Leute traktirt, w lche Notorisch reelle Geschäftsleute sind, die durch derlei üngerechrfeitigte Schmähungen im Parlament nicht allein in ihrer persönlichen sondern auch in ihrer geschäftlichen Ehre schwer getroffen werden. Der Herr Abgeordnete hat den Schutz seiner Immunität und er konnte seiner sittlichen Entrüstung die Zügel ftei schießen lassen. Wir aber fragen ganz bescheiden, ob es den: Orsterreichische Wochenschrift.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.