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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-30 · 43 (30.10.1891) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
43 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 43 Orsterrrichifchr Wochenschrift. Seite 805 Ein Märtyrer. Von V u i f c ,y v c» h n ii in Breslau. II. Hanna glaubte sich allein. Ta sah sie plötzlich die dunkle Gestalt Pater Antonios zwischen den Gräbern auftauchen. Rasch wischte sie die Thränen aus den Augen, aber der Pater mußte sie doch bemerkt haben, denn als er vor ihr stand und liebreich ihre Hand faßte, sagte er in seiner gewohnten milden Art. „Mau sollte die Todten weder beweinen noch beneiden." Kommt werthe Frau, ich weiß, was Ihr hier sucht, ich will Euch geleiten. Hanna ließ sich willig von dem Greise führen, aber nach einem kurzen innereil Kampfe ries sie mit unterdrücktem Schluchzen: „Ich beweine nicht die Todten, ich beweine mich." Und darf ich fragen warum? Ich weiß, Ihr habt zum Priester kein Vertrauen, aber warum wollt Ihr es zum Greife nicht haben. Zagt teuren Kummer, werthe Frau, sprecht ihn aus, nicht so eigentlich vor mir, sondern hier an diesen Steinen, wo die beiden Besten schwergeprüfter Menschen, die darunter schlafen, stille Zeugen sein können. Da hielt sich die junge Frau nicht länger. „D Pater, ries sie, »vcrdet Ihr mich denn verstehn? Ich bin so unglücklich, weil ich das Vertrauen meines Gatten nicht besitze." „Und habt Ihr schon versucht, es zu erwerben?" „Wie kann ich es erwerben, das muß geschenkt werden." „Habt Ihr es verlangt?" „Ihr wißt nicht, Pater, wie in unserem Stamme die Frau dem Manne angetraut wird/' „Ich weiß es wohl." Der Wille Cures Vaters bestimmte den Gemahl, aber Euer Herz wurde nicht gefragt. Ein schwärnicrischer Ausdruck verklärte die Züge der jungen Iran. „Ja, Pater, der Wille des Vaters, aber \vc‘d) eines Vaters! Des Besten, des gütigsten aller Väter. Sein Wille war wir Gesetz, denn sein Wille war mein Wille. Cr kannte mein Her; und wußte daß der Mann den er liebte, auch meiner Liebe gewiß war. Und so war es auch. Zwar schüchtern, aber voll Vertrauen folgte ich ihm. Da machte er am ersten Abend unserer Heimkehr eine Anspielung aus eine Familiengeschichte, die mir dunkel und seltsam erschien. Stoch fühlte ich mich zu fremd ihm gegenüber, um ihn durch Fragen zu einem Geständnisse zu bringen. Immer hoffte ich, er würde von selbst sprechen. Aber, Pater Anwnio, er chweigt und schweigt. Sagt mir was soll ich davon glauben?" Des Paters Augen glänzten feucht. „Ihr seid noch jung, theure Frau, sonst würdet Ihr bereits aus Erfahrung wissen, daß es Menschen gibt, die nichts sorgfältiger verstecken und verbergen, als die köstlichsten Schätze ihres Herzens. Es ist besonders ein Erbtheil Ettres Stammes daß Euch Scham ergreift, wenn Ihr von den Vorgängen Eurer Väter erzählen sollt." „Sprecht weiter, sprecht weiter, Pater Antonio; werft erst einen Blick auf diese Grabsteine, könnt Ihr sie lesen?" Die junge Fran trat näher, denn die Abendschallen begannen allmählich auch den Friedhof in ihre Schleier zu hüllen. „Hier ruhen Löw's Eltern fuhr der Pater fort." „Wie, ries die junge Frau überrascht. Auch hier eine Gefängnißkette am Grabstein und ein Märtyrer wird er genannt, ein Märtyrer?" Der Pater nickte stumm, und die junge Frau stand still mit gefalteten Händen neben ihm. „Pater Antonio, sagte sie endlich leise, ich Hab den Todten Unrecht gethan, ich habe Schlimmes von ihm geglaubt. Jetzt, jetzt werde ich meinen Gatten fragen. Wie schad, daß er fern ist, daß ich mich nicht gleich an seine Brust werfen und ihm alles gestehen kann." „Vielleicht ist es besser, so hob der Pater nach einer laugen Pause an. Ihr habt mir Eure Zweifel anvertraut, erlaubet sie zu lösen. Der Abend ist kühl, ich begleite Euch nach Hause. Aber kommt, nicht von jener Seite des Dorfes gehen wir den Hügel herunter. Wir machen mit Eurer Erlaubniß einen kleinen Umweg. So erleichtere ich mir meine Erzählung. Seht hier der schroffe Pfad, der abwärts;n den Wiesen führt, verbreitert sich allmählich und endigt vor dem Schlosse der Gräfin Berchthold. Von diesem Schlosse mis führt eine bequeme Fahrstraß ebenfalls zum Dorfe. Nun wer den kürzesten Weg einschlagen will, gehr über den Hügel am Friedhof vorüber." Die beiden Wanderer schritten rasch den steilen Hügel hinunter. Sie hatten den Wiesenpfad noch nicht erreicht, als der Pater stehen blieb. Er fahr sich gedankenvoll mit der Hand über die Stirne und jagte: „Hier begegnete ich ihn zum ersten Male. Es war als spräche er zu sich selbst." Die junge Frau blickte erwartungsvoll ihm auf. „Ja hier, sagte er und wandte das Antlitz dem Kirchhof zu. der jetzt nur noch in dunklen Umrissen erschien. Dann fuhr er in dem Tone des Selbstgesprächs fort. Der siebenjährige Krieg war ansgebrochen. Zwar war nur Böhmen davon ergriffen worden, aber zuweilen pflanzten sich seine Schrecken bis in unser Mähren fort. Eigene oder fremde Soldaten drangen hie und da auch in unsere stillen Dörfer ein und verübten Mord und Gewalt. Ich war damals ein junger aufstrebender Priester, hatte Dank meiner Familie und hohen Protektion bereits in Wien die Stellung eitles BeralherS bei dem herrlichsten aller Fürstensöhne dem Erzherzoge Joseph. /Air vertraute der Jüngling seine menschenbeglückenden Pläne an. Ich begeisterte mich dafür, ich wollte die Welt durchwandern, um sie zu verwirklichen. Als Prediger wollte ich ausziehen, bei den Armen und Unglücklichen glaubte ich das reichste Berftändniß zu finden." „Auf dem Gute der Gräfin Berchthold war eine Vacanz, ich riest mich von meiner Idee begeistert von meinen Prinzen los und kam hieher Die Gräfin zog mich freundlich in ihr Haus. Zuweilen blieb ich bis zum Abend im Schlosse und kehrte dann auf diesen kürzesten Wege in meine Clause zurück. Da geschieht es eines Abends, als ich mich eben anschicke den steilen Pfad zn ersteigen, daß mir von oben in rasender Eile eine seltsanie Gruppe entgegenkommt. Voran mit todtbleichcn Wangen, fliegenden Haar, von tödtlicher Angst getrieben flieht ein junges Mädchen den steilen Pfad herab verfolgt von mehreren Burschen, deren Soldatentracht, deren rohes Lachen keinen Zweifel über die Scene lassen. Die furchtsam spähenden^ Augen des /Rädchens haben mich entdeckt, wie ein Pfeil schießt sie herab, sinkt wie ein genossenes Reh vor mir nieder und mit keuchender Brust stöhnt sie: „Schützt mich Priester." Ich täuschte mich keinen Augenblick über unsere gefahrvolle Lage. Es waren handfeste, vom Kriege verwilderte Burschen, sie waren bewaffnet und in der Ueberzahl. Ich legte meine linke Hand auf das Haupt des geängstigten Mädchens, beugte mich rasch, hob einen Stein auf, um doch nicht ganz waffenlos zu sein, und titj den heranstürmenden Burschen ein gebieterisches Zurück entgegen. Was ich gefürchtet hatte, geschah. Ein Hohngelächter antwortete mir. „Gieb die Dirne heraus, schrien die Burschen; Priester, Du erschreckst uns nicht. Gieb die Dirne heraus, rief der keckste unter ihnen und hob seine Flinte gegen meine Brust. Doch im selben Augenblick sank er von meinem Steine getroffen nieder. Eine momentane Pause folgte. Es war die Stille vor dem Sturme, dann brach ein Wuthgeheul aus. Wie im Traum sah ich eine hohe Gestalt rasch den Hügel herunlersteigen. Ich wußte nicht war cs Freund, war es Feind. Ich hatte den einen Arm schützend um das "Mädchen geschlungen, ich wußte, wir waren beide im nächsten Augenblicke verloren. Da plötzlich sank der nächste wie vom Blitze getroffen zu Boden, anderer folgte, kurzes Ringen, lautes Schreien, dann war alles um uns her still. Ich blickte um, vor mir stand ein junger jüdischer Manu in der Tracht unserer Dorfbewohner, das schöne von Locken umwallte Haupt krönte einen gewaltigen Gliederbau und stolz und triumphierend überblickte er das kleine Schlachtfeld. „Simson, rief ich lächelnd, Ihr habt selbst ohne des Esels Kinnbacken die Philister in die Flucht geschlagen." Heiße Isaak, gab er heiter zurück und habe diese Esel nur ein wenig mit meinen Fäusten traktirt. Sehet Ihr die Beiden schleppen sich lendenlahm weiter. Nur Ihr, ehrwürdiger Herr, habt gleich David diesen Goliath etwas härter zugesetzt. In diesem Augenblicke hatte sich das junge Mädchen erhoben und stand, noch blaß und geängstet, zwischen uns. Esther, rief der junge Mann und trat überrascht einen Schritt zurück, Du hier? Du warst in solcher Gefahr? Sie nickte und indem sie ihre Rehaugeu dankbar mir zuwendte, sagte sie: „Ich war's, die der Priester beschützte/' Ein Schatten glitt über die Sttrne des Jünglings; er bezwang sich aber und sagte ruhig: „Wie kamst Du so spät an diesen Ürt?" „Ich erzähle es Euch auf dem Wege, sagte das Mädchen, indem es sich zu dem Verwundeten wandte, „denn ich glaube, dieser hier bedarf unserer Hilfe. Wohin wollten wir ihn bringen?" fragte ich. „Hinüber ins»' .

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