Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 43 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 804 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 43 angemessen sind. Die erwachsenen Schüler schlafen im Sommer auf den Feü>ern, wo sie täglich 7, 8 oder 9, bisweilen auch 10 Stunden arbeiten. Diese älteren Schüler haben im Winter zwei Klaffenlectionen von 7 bis 9 Uhr Abends und im Sommer nur Aue von 11 bis 13 Uhr Mittags. Früh um 5, beziehungsweise um 6 Uhr (im Winter) stehen alle Zöglinge auf Die Hauptmahlzeit wird um 12 Uhr Mittags eingenommen- und nach 7 Uhr Abends wird in den Gärten und auf den Feldern nicht mehr gearbeitet. Die Zöglinge sind fast ausschließlich Söhne von armen Juden in Palästina. Die Neuangekommenen Knaben verursachen anfänglich viel Mühe. Aber bald werden sie willig, fleißig, ordenllich und sauber. Hin und wieder müssen allerdings auch unverbesserliche Knaben aus der Anstalt ausgeschlossen werden. Ich wohnte selbst dem Unterricht in einigen Klaffen bei. Außer in Religion wird jeder Zögling noch im Rechnen, in der Geschichte, der Geographie, Naturgeschichte, Ackerbaulehre, im Hebräischen und einigen modernen europäischen Sprachen unterrichtet. Von den jüngeren Schülern hat übrigens ein jeder sein eigenes kleines Gärtchen, das er in dm Freistunden sorgsam pflegen muß. Der Begründer und erste Director war der mir sehr befreundete, leider nur zu früh verstorbene Charles Netter, ein geborener Elsässer. Jetzt liegt die Leitung der Anstalt in den Händen des Professor Nitzgo, mit dem zusammen andere tüchtige Lehrkräfte wirken. Was die Entstehung von „Mikwe Israel" anbetrifft, so hatte schon in den Fünfziger Jahren Sir Moses Montefiore versucht, bei Jaffa eine jüdische Ackerbaukolonie in's Leben zu rufen. Er kaufte ein umfangreiches Gartengrundstück an und setzte eine Anzahl armer jüdischer Familien darauf, denen er noch obendrein eine Unterstützung in baarem Gelde auszahlea ließ. Leider hatten diese Leute in ihrem Leben nie eine Hacke oder einen Spaten in der Hand gehabt, sie verschwanden ebenso rasch, wie sie gekommen waren, und der von Sir Moses Montefiore angestrebte Zweck blieb unerreicht. Erst 1868 wurde die Idee wieder ausgenommen, und zwar war es der Franzose Netter, der sich damals im Aufträge der „Alliance Israelite Universelle“ nach Jerusalem begab. Am 3. August jenes Jahres hielt Netter vor einer großen jüdischen Volksversammlung auf dem Plateau des Berges Zion eine Ansprache, worin er die armen Familienväter aufforderte, ihre Söhne nicht mehr dem Müßiggänge und der Bettelei preiSzugebm, sondern sie ihm zur Erziehung zu überlassen, damit sie fleißige, strebsame Männer würden. Zugleich theilte Netter mit, daß die „Alliance Israelite Universelle“ ein größeres Kapital zu dem Zwecke ausgesetzt habe, um in Palästina eine Ackerbauschule zu begründen. Eine Reihe Familienväter erklärte sich sofort bereit, sobald diese Ackerbauschule eingerichtet sein sollte, ihre Söhne in dieselbe zu schicken. Andere Väter hingegen warm zunächst sehr mißtrauisch oder zweifelten übechaupt daran, daß der Plan verwirklicht werden könnte. Der unermüdliche Netter setzte sich nunmehr mit den türkischen Bchörden zu Jerusalem in Verbindung. Wirklich interessirten sich der damalige Statthalter von Palästina, Nassiff Pascha, und der Großvezir zu Konstantinopel lebhaft für das neue und eigenartige Unternehmen. Netter wählte sich ein Terrain von 265 Hektaren aus, das unwett Jaffa an der Straße nach - Jerusalem gelegen war. Dieses Terrain war „Regierungsland" und unbebaut. Die Regierung überließ diese bedeutende Fläche Herrn Netter, beziehungsweise der „Alliance" ohne jede Auahlung, nur mußte ihr dafür eine jährliche Abgabe voll 2000 Francs entrichtet werden. Später hat die „Alliance" das volle Eigenthum über diese Strecke Landes erworben. Waren auch anfangs noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, so verringerten sich dieselben von Jahr zu Jahr. An den verschiedensten Versuchen und Experimenten, von deneil auch manche fehlschlugen, fehlte es natürlich nicht. Aber bereits Mitte der Siebziger Jahre war das Bestehen der Anstalt durchaus gesichert und schon seit Langem bewegt sich Alles in geordneten Bahnen und werden immer bessere Resultate erzielt. Mehr aber als die materiellen, wiegen hier die moralischen Erfolge, denn das geistige Elend unter den niederen Juden Palästinas spottet noch heute vielfach jeder Beschreibung. Vom Arab.er scheel angesehen, von wohlhabenden Israeliten aller Länder durch die Chaluka unterstützt, verfallen zahlreiche Familien fast ausnahmslos der Bettelei und dem Nichtsthun. In diese Burg der Trägheit, der Unwissenheit und der Selbstverachtung legte „Mikwe Israel" eine unausfüllbare Bresche. In einein Jahresberichte der „Alliance Israelin Universelle“ über die Ackerbauschule auf Mikwe Israel heißt es: „ . . . . Was den Zweck der Anstalt betrifft, so bedarf derselbe wohl keiner besonderen Erörterung. Gerührt von der Armuth, welche in Palästina so weit verbreitet und andauernd ist, hat die „Alliance" festgestellt, daß dieselbe größientheils von der fteiwilligen oder gezwungenen Unthäligkeit der Bevölkerung herrührt, einer Unthätigkeit, welche obendrein von einer unverständigen Barmherzigkeit erhalten, um nicht zu sagen, ermuthigt wird: sie hat festgestellt, daß wenn man auch alle Ursache hat, mit der Unterstützung der Greise und Schwachen daselbst fortzufahren, man sich beeilen muß, die Jugend einem solchen Elend zu entreißen, und daß das einzige Hilfsmittel hierfür die Arbeit ist, die Arbeit, ohne welche es keine Ehre, keine Wohlhabenheit, keine Familie g ebt, die Arbeit, welche uns unsere Religion nach dem Vorbilde des Schöpfers selbst unter ihren Geboten vorgeschrieben hat...." Es war nahezu Abend geworden, als ich die Ackerbauschnle wieder verließ. Schnell sank am westlichen Firmament der feurige Sonnenball herab, während es im Osten schon zu dunkeln begann und blaffe Sterne aufstiegen. Von der Bethalle der deutschen Tempel-Ansiedlung trug der Wind melodisches Glockengeläute zu mir herüber und die Luft war angefüllt mit dem würzigen Duft der Gärten, an denen ich mein Pferd vorbeitrieb. Auch dieser Tag hatte mir wieder die freudige Gewißheit verschafft, daß der Fluch mehr und mehr gehoben wird, der lange auf dem „heiligen Lande" so schwer lastete. In christlichen, jüdischen und muhammedanischen Kreisen regt es sich überall für eine wirthschastliche Neugeburt dieser wohl am meisten gedrückten türkischen Provinz. Möge die Zukunft noch größere und bessere Resultate aufweisen und vor Allem unter den in Palästina ansässigen Juden die Liebe zur Landwirthschaft erwecken. Heute schon arbeiten in der Türkei wie in Europa tüchtige Gärtner und Landwirlhe, die aus „Mikwe Israel" ihre Erziehung und Bildung empfingen und an den jüdischen Kolonien in Palästina sind zahlreiche ehemalige Schüler von „Mikwe Israel" thätig. Möge letzteres uns auch weiter Männer und Bürger schenken, welche in der menschlichen Gesellschaft einen ehrenvollen Platz ausfüllen zur Freude und zum Ruhm ihrer Glaubensgenossen, zum Segen des syrischen Landes! Theodor Hermann Lange.