Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 43 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 43 OrNrrreichi^chr Wochenschrift. Seite 799 hervorgtr'-lftu. Als im Borjahre der gegenwärtige Bürgermeister von Pilsen, Herr Dr. Krofta, mir einen Besuch a-stattete, sagte er zu mir: „Sie können Sich keine Vorstellung machen, welche wohlthätige und erfolgreiche Wirkung diese «Stiftung aus die socialen Verhältnisse in Pilsen zur Folge hat." Er hatte nicht genug Worte der Dankbarkeit und der Bewunderung. Schließlich bat er mich um ein photographisches Bild, der verstorbenen Frau Stifterin, das ich ihm sofort übergab. Er benöthige, sagte er, das Bild, weil die Eommunal-Vertretung von Pilsen den Beschluß gefaßt hat, ein lebensgroßes Vild der verstorbenen Frau Stifterin anfertigen zu lassen und im städtischen Museum zum ewigen -Gedächtnisse aufzubewahren. — Die nun im Begriffe befindliche Bildung des Antisemiten-Vereines in Pilsen wird zum ewigen Gedächtnisse Zeugenschaft geben, welche Dankbarkeit in der Stadt Pilsen herrscht. Aus der vom kaiserlichen Rathe Herrn W. Frankl beigeschlossenen Abschrift des Testamentes geht hervor, daß die Stiftung für Gewerbsleute jeder Konfession, welche aus Prag oder aus dem Pilsener Bezirke geb irrig sind, bestimmt ist; bei den obwaltenden nationalen Verhältnissen in Pilsen kommt sie zumeist den Czechen zugute. Dies geht auch ans der gleichfalls zur Verfügung gestellten Abschrift feines Berichtes hervor, den der Pilsener Bürgermeister Dr. .Krofta vor zwei Jahren über die Vertheilung der Stiftung in den Jahren 1885, 1887 und 1888 erstattet hat. In jedem dieser drei Jahre hat der Gemeinde-Ausschuß von Pilsen vier Gewerbetreibende mit den Zinsen der Elise Herrschen Stiftung betheilt. Darunter befand sich in jedem Jahre nach den Bestimmungen des Stiftsbriefes ein Verwandter aus der Familie der Stifterin; die übrigen mit je 500 fl. bedachten Gewerbsleute waren: Schneider S t u >n m e r, Sattler B o tl u c k a, Buchbinder Brotanek, Schneider Frank, fHafner Pav, Tischler Kutsera, Tischler Havel, Friseur Prochazka und Schneider Krakes, deren Namen allerdings czechisch genug klingen. Wien. Furchtbar lauten die Nachrichten aus den von der Mißernte h.'imgesuchten Gouvernements in Rußland: in der Stadt S t a r o d n b im Gouvernement Tschernigow ist es zu Raub, Plünderung und Todtschlag gekominen und eine Jndenhetze ist ausgebrochen. Entsetzlich klingen die Schilderungen dieser Krawalle. Binnen wenig Stunden waren alle jüdischen Häuser geplündert und am Abend herrschte allgemeine Trunkenheit; das Gelingen des brutalen Werkes wurde mit Wnlky gefeiert. Dreißig I u d c n w n r d e n e r s ch l a g e n und g e g e« fünfhundert Inden verwundet. Das ist am elften Oktober geschehen, und am v i e ru n d z w a n z i g st e n Oktober wurde von Petersburg aus ein offizielles Telegramm verschickt, das „konstatirt", daß eigentlich volle Zufriedenheit im weiten Zarenreiche herrsche, die Wintersaat sei bestellt, auch für die Sommersaat sei bereits vorgesorgt, von einer Hnngcrsnoth könne also wirklich nicht die Rede sein, geschweige denn von Exzessen, von Akten der Verzweiflung, von Handlungen der Brutalität. Dagegen stehen nun die Meldungen aus Tschernigow und die neuesten Berichte der „K r e u z - Z e i t u n g", welche lauten: „Die HungerSnoth fordert schon jetzt, besonders in den östlichen Gouvernements, wie Kasan, Ssimbirsk u. s. w. täglich zahlreiche Opfer. Schaarenweise verlassen die Leute ihre Dörfer, um vom Hunger getrieben fortzuwandern und dann meistens elendiglich an den Straßen zu verderben; dabei ist der Winter noch nicht eingetreten mit allen seinen Schrecken, noch ist der Boden nicht gefroren und Wurzeln und Kräuter dienen als Ersatz für normale Nahrungsmittel. Es ist ein entsetzliches Bild des Elends, das sich dort darbietet und wundern kann man sich nicht, wenn die unglücklichen bejammernswerthen Leute, durch den Hunger zur Verzweiflung getrieben, alle Bande der Zucht und Ordnung sprengen. Plünderung noch vorhandener Kornvorräthe, Beraubung von mit Korn beladenen Eifenbahnzügen gehören zu den täglichen Ereignissen, und wenn solche Geschehnisse nur in den seltensten Fällen zu blutigen Konflikten mit den staatlichen Organen führen, so liegt es blos daran, daß diese solchen Handlungen kaum entgegentret.m, dieselben vielmehr noch ge wissermaßrn entschuldigen, in dem sie die Beraubten als Kornwucherer n. s. w. bezeichnen; kurz die Lage ist eine schier verzweifelte." Was werden wir wohl in den nächsten Wochen noch an schrecklicher Kunde erfahren, welche Hiobsposten stehen uns für den kommenden Winter aus dem russischen Reiche bevor? Das ist nicht mehr Kühnheit, angesichts der Exzesse von Tschernigow, angesichts der Zustände in K a s a n u. s. w., die Lage in Rußland, die Situation der Bevölkerung in rosigem Lichte zu schildern, wie es der offizielle russische Telegraph zu thun wagt, das bezeichnende Urcheil liegt da auf Allee Lippen, und Empörung erfaßt Einem über d'e Frivolität, welche derartige Erzeffe als „nicht geschehen" bezeichnen will. Ueber die I u d e n h e tz e in S t a r o d u b w'rd der „Köln. Ztg." ans Petersburg vom 24. Oktober d. I. gemeldet: „Die am 23. Oetober bereits kurz gemeldete Judenhetze fand in Slarodub (Gouvernement Tschernigow) am Sonntag, den 11. October statt. Schon am Sonntag vorher kam es zu Lärmscenen gegen Juden, welchen gestartet worden war, am Sonntag von 11 bis 6 Uhr zu handeln. Das hierüber wüthende orthodoxe Volk erklärte, es würde den jüdischen Sonntags- Handel gewaltsam unterdrücken. Demgemäß wurde die Polizei durch berittene Kreisgensdarmen verstärkt. Die Juden zögerten am 11. Ortober ihre Baden zu öffnen, da am dem Marktplatze Haufen lärmenden Volkes, meist 15 bis 20jährige Burschen, sich angesammelt hatten. Als dieselben der Aufforderung der Polizei, auseinanderzugchen, Folge leisteten, öffneten die Inden ihre Läden, jedoch sofort waren die lärmenden Schämen wieder auf dem Platze, überrannten die Polizisten und stürmten mit wildem Geschrei die Magazine. Andere Haufen zertrümmerten mit Steinen die Fenster der Synagoge. Plötzlich ging von Mund zu Mund die Behauptung, ein Fude habe einen vor einer Apotheke haltenden jungen Russen „erschlagen". (In Wirklichkeit hatte er ihn nur geprügelt.) Daraufhin begannen die Volkshausen in großer Wuth die Judenhäuseo za demoliren, Man schlug die Fensterkreuze ein, stieg in die Wohnräume warf Möbel, Wäsch' und Betten auf die Straße und zerschlug Alles, was den geringsten Werth hatte. Die jüdischen Besitzer flohen und versteckten sich. Die Polizei war vollständig machtlos. Das Gesindel erbrach auf dem Marktplatz einen Weinkeller und Bierbuden, betrank sich und demolirte darauf das Haus, in welchem das Bankgeschäft von Elfenstadt feinen Sitz hat. Zwei orthodore Geistliche erschienen jetzt unter Glockengeläute und baten entblößten Hauptes die Rasenden, um Ehristi ivitlen aufzuhörcn. Ihre Bitten verhallten unbeachtet. Ein jüdischer Mazaz'nsbesitzer feuerte sechs Revolverschüffe gegen die anstürmende Menge und verwundete mehrere Angreifer. Fetzt begann der Pöbel zu rauben. Bisher hatte er nur Allez zerstorc Abend) um 7 Uhr lagen ganze Reiben Betrunkener in den Straßen. Plötzlich brannte eine Traetirbudc. Der jüdische Besitzer selbst sollte sie in seiner Verzweiflung angesteckt haben. Das Feuer griff bei starkem Winde mit großer Schnelligkeit um sich. Das Volk ließ die Feuerwehr nicht löschen. Das Feuer erfaßte das Schlachthaus und die Wände der nahen Kathedrale rauchten bereits, als zum Glück der Wind umsprang. Zehn Häuser auf der andern Seite sanken binnen drei Stunden in Asche. Unterdessen waren Bauern aus der Umgebung massenhaft mit Wagen hieher geeilt. Sie halsen die Judenhäuser ansrauben, verluden alles werhvolle Gut und fuhren es johlend in ihre Dörfer. Bis m die tiefe Nacht hinein plünderte der trunkene Pöbel noch die Magazine der Kansleute Jakobsohn und L pkin und steckte ue in Brand. Erst gegen Morgen wurde es still. Das bewegliche Eigenthum fast aller Juden ist vernichtet. Mordthaten sollen nicht vorgekommen sein."