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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-30 · 43 (30.10.1891) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
43 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 Oeyrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 797 ein jüdischer Professor war. Ich habe die Briefe gesehen, die er an Rabbiner Dr. Kahn in Fulda in dieser Sache geschrieben hat. Rastlos fortschreitend ron jedem Tage belehrt und gefördert, sah er bald auf sein Gutachten, das Bewunderung erregt hatte, wie auf etwas Ucberholtcs herab, bereit, die Zweckmäßigkeit und den Zeiten voraneilende Weisheit der jüdischen Schlachtweise mit neuen, aus der Tiefe seiner fortgeschrittenen Forschung geholten Argumenten sieghaft zu stützen und leuchten zu lassen. Ein Wort aus solch einem Briefe verdient der Vergessenheit entrissen und geflügelt zu werden. „Jeder ist in dem, was er weiß, Laie, in allem Uebrigen Ignorant." Professor Theobald Ziegler itt’j! Stratzburgüber den Antisemitismus. In seiner von Blättern aller politischen Parteien rühmend besprochenen Schrift: „Die soziale Frage eine sittliche Frage" äußert sich der Verfasser über den Antisemitismus folgendermaßen: „Der Antisemitismus hat eilte dreifache Wurzel. Eine religiöse: da ist er der Ausfluß christlicher Unduldsamkeit und Unversöhnlichkeit und als solcher durchaus verwerflich. Eine nationale: die Juden sind ein ihre Rasseeigenthümlichkelten zäh sesthaltendes und vererbendes Volk, und indem die Christen sie Jahrhunderte lang in ihren Ghettcn einschloßen und isolirten, haben sie wesentlich zur Verfestigung derselben beigetragen; nun sind ne seit wenigen Jahrzehnten erst uns gleichgestellt und ist das Conubium mit ihnen ermöglicht, und jetzt klagen wir, daß sich in Jahren noch nicht geändert haben, lvas in Jahrhunderten durch rrns künstlich gezüchtet und großgezogen worden ist, und wollen darum aufs neue Schranken aufrichten, deren Dasein wir eben anstößig finden. Das ist widerspruchsvoll und zeigt sich so in seiner ganzen Thorheit jedesmal dann am deutlichsten, wenn — ein Antisemit ein jüdisches Mädchen heiratet und dann natürlich aus einen: Saulus ein Paulus wird. Es ist aber zum dritten auch eine sociale Frage und hier liegen allerdings die Wurzeln der Kraft des Antisemitismus. Zünfte und Innungen waren den Juden im Mittelalter verschlossen, also ein Handwerk auszuüben ihnen unmöglich gemacht; Landbesitz war ihnen verboten, also Ackerbau zu treiben nicht gestattet; Aemter und Würden gab es für sie ohnedies keine, Ausnahme in das Heer auch nicht, und so blieb ihnen nur der Handel, kund da die Kirche in einem thörichten Vorurtheil das Zinsnehmen für Sünde erklärt und den Christen das Geldleihen, verboten hatte, der Wucher. So sind sie ein handeltreibendes Geschlecht geworden, und der Handelsgeist hat sich in ihnen immer mehr ausgebildet; sie sind reich geworden und weil man sie um dieses ihres Reichthums willen schnöde geplagt und verfolgt hat, sind sie auch hart geworden; sie haben auf Zins geliehen und darum hastete und haftet immer noch an ihnen der von der Kirche daraus gelegte Fluch; und viele von ihnen haben Wucher getrieben und sich dadurch mit, Recht verhaßt gemacht. So schlingt sich hier wie bei allem Menschlichen Schicksal und Schuld eng zusammen; aber die größere Hälfte dieser Schuld wälzt sich ans unsere, auf der Christen Schultern. Und nun kommt der Antisemitismus, verallgemeinert, was vereinzelt, meinetwegen vielfach von Juden gesündigt wird, schiebt ihnen dabei nicht bloß unseren christlichen, sondern auch den Antheil des Schicksals zu und macht sie schließlich auch noch für den Wucher verantwortlich, den Christen treiben. Und nun bläst er sich zur Hilfe aus allen Ecken und Enden die häßlichsten menschlichen Leidenschaften zusammen —, den Neid und die Begehrlichkeit, die Rachsucht und die Rohheit, den ' Haß und die Grausamkeit. Und wenn ich das alles längst schon wußte und mich mit Eckel von der Bewegung aogewendet habe, so sehe ich nu'i vollends seitdem mir als Mitglied des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" anonyme Briese und Drucksendungen in Menge zugehen, wie diese Gesellschaft mit allen Waffen der Gemeinheit und der Niedertracht, der Lüge und der Verleumdung das Feuer schürt und zur Verfolgung^ hetzt. Für die sociale Bewegung aber hat der Antisemitismus keine andere Bedeutung als jdie unter der Landbevölkerung z B. in Lberhessen den Boden auszuwühlen und für den Samen der Socialdemvkratie vorzubereiten'; und dieser selbst leistet er einstweilen den unbezahlbaren Dienst, sie von gewissen schlechten Elementen, welche sich als Bodensatz jeder großen Bewegung anzusammeln pflegen, von den Leuten, die praktischere Ziele verfolgen und denen der ideale Kern des Socialismus ewig verschlossen ist, zu entlasten. Antisemiten und Anarchisten bilden so gewissermaßen den rechten und den linken Flügel der Socialdemokratie, in deren Mitte diese selbst, gehoben durch die dunklen Gegensätze auf beiden Seiten, leidlich sauber und reinlich sich abhebt. Daß aber auch Gebildete, daß namentlich ein Bruchtheil unserer akademischen Jugend sich durch den Aushängeschild der nationalen Phrase haben täuschen oder durch persönliche Antipathien haben verleiten lassen, Bundesgenossen jener skandalösen antisemitischen Bewegung zu werden, das ist auch für denjenigen fast unbegreiflich, der das Treiben einer vielfach 'von Juden mißleiteten Presse uitd die gemeinschädliche Betriebsamkeit einzelner jüdischer Vertreter der Literatur und Wissenschaft kennt und verurtheilt. Es ist dies eine Schmach für uns Deutsche; und wahrlich nicht um seinen Ruhm zu beneiden ist der Historiker, der die Vertheidigung dieser Volksinftinkte übernommen hat und es sich nun gefallen lassen muß, daß der Antisemitismus ihr: zu seinen Gönnern und zu seinen Helden zählt." ^orrrsponämren. Wien. jPrivilegiumsbruch im englischen Parlament). Jede Fälschung und jeder Betrug bei Anfertigung von Petitionen, bei der Zufügung der Unterschrift, Mitschuld oder Mitwissenschast dabei wird Privilegiumsbruch gestraft", heißt es in der Geschäftsordnung des englischen Parlaments, einer gesctzgebenden Versammlung, welche eine vielhundertjährige Vergangenheit hinter sich hat. Die Parlamentsmitglieder sind zwar den gewöhnlichen Gerichten des Landes gegenüber während der Dauer der Seffion unverletzlich, aber das Haus der Gemeinen übt als Oourb of record seine eigene Gerichtsbarkeit und hat auch die Macht, renitente Mitglieder empfindlich zu strafen. Ein noch so dickhäutiges M. P. würde aus die Anrede des Sprechers „Mein Herr, nach Feststellung der Thatsache, daß Sie einen Privilcgiumsbruch begangen haben, hat das Haus den Beschluß gefaßt, sie nach Newgate zu senden", sich es kurios überlegen, ungefähr zu antworten: „Mir liegt an ihrem

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