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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-30 · 43 (30.10.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
43 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 796 Oesterrei hische Wochenschrift Nr. 43 unserer Universität, ist am 28. d. M. Morgens in seiner Wohnung, IX. Schwarzspanierstraße 7, nach langem, schmerzvollem Leiden verschieden, noch jung an Jahren, denn der geistvolle Gelehrte der schon so vieles Vortreffliches geleistet hat, zählte erst 45 Jahre. An Leid und Leiden war sein kurzes Leben allerdings ebenso reich, wie an wissenschaftlichen Erfolgen. Fleischl war Prosektor Rokitansky's und hatte das Unglück, sich bei einer Section den Damnen der rechten Hand zu verletzen. Er mußte, um schweren Folgen vorzubeugen, das Nagelglied des Daumens amputiren lassen und damit — war nun sein Sterben verlangsamt, auf Jahrzehnte hinaus erstreckt. Im Anschluß an die Amputationswunde entwickelten sich am Laufe der Nerven der Hand und des Armes Neurome (Neubildungen), die durch Billroth entfernt wurden, aber immer wiürer recidivirten und neue Operationen nöthig machten. Fleischl ist daher als ein Opfer seiner Schmerzen, zugleich ein Opfer des Morphiums geworden, welches seinen Organismus vollständig erschütterte. Zeitweilig, wenn ihn die Pflicht zur Vorlesung rief, griff er nach der Morphiunffpritze, machte sich eine Jnjection, deren Wirkung eine Zeit lang anhielt. 'Nach der Vorlesung aber sank er zusammen und lag erschöpft auf dem Sopha. So lebte der arme Dulder, bis sich ihm in bem neuentdeckten Cocain eine neue Hoffnung zeigte. Er erwartete in dem lchteren eine Art Gegengift gegen seine Morphiumsucht — aber auch diese Hoffnung schwand. Er wurde Cocainist und griff später wieder zum Morphium zurück, bis ihm ein hiesiger Chirurg den Vorschlag machte, sich in die Hand ein Stück eines thierischen Nerven einleiten zu lassen. Nach dieser Operation schien das Leiden sich sehr zu bessern und der Kranke und seine Freunde erzählten mit Freude von der 'rohen Aussicht aus Heilung. Auch diese Erwartung war trügerisch. Der alte Zustand kchrte in erhöhtem Maße wieder und es ist wahrhaft bewunderungswürdig, daß der Gelehrte in diesen verzweifelten Zuständen noch die Kraft und Sammlung finden konnte, um Arbeiten von großer wiffenschaftlicher Bedeutung zu vollenden, welche seinem Namen in der deutschen Gelehrten - Republik glänzende Geltung verschafft haben. Von der Anatonrie hatte sich Fleischl der Physiologie zugewandt und arbeitete eifrig als Assistent Brücke's, habilitirte sich dann an der medicinischen Facultät und wurde gegen Ende der Siebzigerjahre zum außerordentlichen Profeffor der Physiologie ernannt. Die von ihm veröffentlichten Arbeiten bewegen sich zumeist auf histologischem und experimentell-electrischem Gebiete: über Nerven- und Muskelströme, über das Zuckungsgesetz, welch' letztere Arbeit ihn in eine wissenschaftliche Fehde mit Professor Stricker gebracht hat. Profeffor Fleischl war Dienstag noch im physiologischen Institut erschienen und hatte wie gewöhnlich Vorlesung gehalten. Dienstag Abends wurde er zu Hause von quälenden Schmerzen befallen und am 22. Morgens ereilte ihn der Tod. Wer ihn gekannt hat, als er noch in der Fülle seiner schwarzen Locken, welche das blaffe, durchgeistigte Gesicht umrahmten, als Bild eines vollendeten Mannes einherging, wird es aufrichtig beklagen, daß der Lebensfaden dieses Mannes so frühzeitig abriß. Noch mehr aber werden um chn die Vielen trauern, die er mit dem wärmsten Geühle der Freundschaft und der wohlwollenden, stets hilfbereiten Theilnahme umfangen gehalten. Sonntag Vormittags um y210 Uhr hat vom Tranerhcmse aus, Schwarzspanierstraße 16, das Leichenbegängniß unter reger Betheiligung der medizinischen Kreise stattgefunden. Im Trauerhause, wo nach israelitischem Ritus die Trauerceremonie vorgenommen wurde, waren erschienen: Die Hofräthe Billroth, Dittel, Stellwag v. Carion, Albert, Ludwig und Vogel, kaiserlicher Rath Professor Winternitz, Generalstabsarzt Neudörfer, die Professoren v. Stoff ela, Obersteiner, Ebner und Basch, die Assistenten des physiologischen Institutes und viele Aerzte. Die Leiche wurde auf dem Centralftiedhofe beigesetzt. Am offenen Grabe hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann dem berühmten Physiologen einen ergreifenden Nachruf, worauf Hofrath Profeffor Billroth an den Sarg trat und dem Heimgegangenen College» folgende Abschiedsworte zurief: „So ruht denn wieder jetzt ein edler Mensch von seiner Lebensarbeit aus und läßt in tiefem Schmerze uns hier zurück! In der Verschwendung der Natur geboren, hat er rastlos gestrebt, geforscht und unser menschliches Wissen erweitert, in nimmermüden Lehren den konnnenden Geschlechtern zugerufen: Hier sind die Wege! folgt mir! vorwärts! Sein Geist schwang sich kühn hinauf zu den höchsten Problemen der Wissenschaft vom Leben alles Lebendigen, deren Lösung er zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Seine Arbeit wird fortwirken und nimmer vergehen; denn sie war lebendige, schöpferische Kraft! Die ewige Sehnsucht, mehr noch und immer mehr von dem zu erkennen, was zu ahnen ein Gott in unser Herz verlegte — dies höchste Menschenleid war ganz sein eigen . . . Ach, daß uns armen Erdengeistern die Grenzen des Erkennens und des Wissens nur allzu eng gesteckt. Er hat es schwer, wie Keiner, an sich fühlen müssen! Und wenn wir alle, muthlos geworden durch die Erfolglosigkeit unseres Bemühens, den bewunderten Forscher den edlen Menschen, den Freund von seinen schweren körperlichen Leid zu befreien, endlich an unserer Wissenschaft verzweifelten — er trug das Leid, er strebte, forschte, grübelte stets weiter und genoß unter tausend körperlichen Oualcn glücklichste Stunden, wenn er den Fachgenossen die Früchte seines Denkens und Forschens mittheilen konnte und Theilnahme fand an bem, was ihm im tiefsten Leid das Leben inuner noch de) Lebens werth erscheinen, fühlen ließ. Und welch' ein golden treues Herz erhielt in sanfter stetiger Bewegung den warmen Blutstrom, der diesen Geist aus unerschöpflicher O.uelle immer neue, leuchtende Funken sprühen ließ! Wie warm schlug dieses Herz für alle Lieben, mit denen es durch die Bande der- Familie und der Freundschaft verbunden war! Wie warm schlug es für die ganze Menschheit! Ein gut Theil allgemeiner Menschenliebe, der Menschheit höchstes, langsam uns erworbenes Gut senken wir in diese Gruft! Nun that dies goldene Herz den letzten Schlag! Als wär' das Schicksal, das ihm so vieles gab, mehr noch ihm zeigte, um es zu versagen, sich plötzlich seiner Grausamkeit bewußt geworden — so sandte es, von so viel Dulden selbst gerührt, zum Schlaf den Zwillingsbruder Tod! Entschlafen ist nun unser lieber Ernst! Wir Alle liebten dich und werden in treuer Liebe Deiner stet) gedenken. Ist doch. die Liebe das Höchste, Beste, was wir einander bieten können! Leb wohl! Die Erde sei dir leicht!" Herr Professor Dr. David Kaufmann in Budapest schreibt uns: „Der Tod Fleischls von Marxov ist ein Schlag für die Wissenschaft und für uns. Unvergessen sei es dem genialen Manne, daß er in einem hochbedeutenden physiologischen Gutachten für die jüdische Schlachtmethode eingetreten ist, obwohl er

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