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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-30 · 43 (30.10.1891) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
43 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 794 Sesterreichifche Wochenschrift. DU. 43 verlieren müßte», stark in die Wagschale fiel. Schon zur Zeit I als die Ve.staatlichung nur Gegenstand akademischer Erörterung in der Publicistik war, bemächtigte sich der antisemitischen Mrdbahnbeamten eine nervöse Unruhe. Derzeit jedoch, wo die Verstaatlichung als ein fait acompli zu betrachten ist, herrscht in diesen Kreisen die größte Bestürzung. Man sagt sich und ist sich deffen bewußt, daß Baron Czedik weder einen offenen noch verkappten Antisemitismus dulden wird und eine große Zahl der „Gravierten" macht sich schon derzit mit der „Versetzung aus Dienstesrücksichten" vertraut. Mit den jährlichen Remunerationen, die aus dem Säckel der „Judenbahn" stießen, wird's uun bald zu Ende sein und auch betreffs des „Dienstes" ist man in schwerer Sorge. Die schönen Tage von Aranjuez sind vorüber und man sehnt sich förmlich nach dm Fleischtöpfen Israels. Die Verstaatlichung wird förmlich als Kalamität betrachtet und wenn es ein Mittel geben würde, dieselbe zu verhindern, man würde es gerne ergreifen, um sich derselben zu erwehren. Und die Moral der Geschichte? der Antisemitismus, der rüde Judenhaß, für den man sich einsetzte, hat dazu geführt, daß die Nordbahn frühzeitig verstaatlicht wird. Nun möchte man gerne unter der „Judenbahn" weiter amtireu, große Gehalte und reiche Emolumente beziehen. Allein die Nemesis hat die antisemitischen Grünschnäbel der Nordbahn früher ereilt, als sie es geahnt und sie müssen ihr bisheriges rüdes provocatorisches Benehmen büßen. Bedauerlich ist nur der Umstand, daß hierunter auch die „alte Garde" der Nordbahnbeamten leiden wird. Im „Nordbahnfalle" zeigt sich wieder, daß der Antisemitismus auch für diejenigen, die demselben fern sichen, von schädlichster Wirkung begleitet ist, daher es Ausgabe jedes Vernünftigen sein müßte, diese moderne Gefftesoerwirrung in wirksamster Weise zu bekämpfen. 8. Eine Aufgabe für den Friedens- Congrrtz. Man muß sich billig wundern, daß man die Civilisation nach Afrika und anderen entfernten Gegenden zu tragen bemüht ist, wahrend es in Europa noch mächtige Reiche gibt, von denen s Noth thäte, dieselben der Civilisation zuzuführen, und vollends muß man mit Staunen wahrnehmen, mit welchem Gleichmuthe die Regierungen der civilisirten Staaten die russischen Barbareien hinnehmen, während sie sonst für dergleichen Vorgänge z. B. in der Türkei und in China sehr empfindlich sind und unverzüglich mit dem Rüstzeuge ihrer Macht dagegen reagiren. Es ist doch nicht erlaubt anzunehmen, daß das Christenthum als En.schuloigung oder quasi als Freibrief für die Beugung der Menschenrechte der Juden gelten darf, da die erhabenen Satzungen di-ser Religion, einem solchen unmenschlichen Thun schnurstraks zuwidcrlausen, ergo ein solches Vorgehen einem christüchen Staate nicht gestatten. Erkläre mir Graf Orrndur diesen Zwiespalt der Natur!. Angesichts der neuesten an den russischen Juden verübten Bestialitäten, womit man der in neuerer Zeit mit Rußland verbündeten Nation, die die Menschenrechte aller Mensch:» zuerst proklamirte, einen solennen Beweis von dem Stande der sogenannten ruffischen Civilisation liefern wollte, erscheint es dringendstangezeigt, daß alle human fühlenden Menschen ihrer Entrüstung über die zu Tage tretenden ruffischen Barbareien, die sich durch nichts von dem in Marokko oder in China verübten, untersche.den, es wäre denn nur der einzige Unterschied, daß solche in einem christlichen Staate stattfinden, Ausdruck geben mögen, und da der in Kürze zusammentretende Friedenscongreß eine Vereinigung bildet, wo nicht engherzig nationale, sondern allgemeine Interessen der Gesammtmenschheit gefördert werden sollen, so wäre es gewiß eine nicht unwürdige oder nicht minder zeitgemäße Aufgabe für denselben, wenn er mit den russischen Judenverfolgungen, die sich nebst vielen barbarischen Willkür- _ akten, hauptsächlich in Aushungerung, Beraubung und Ermordung von Juden äußern, sich befassen würde. Allerdings stehen diesem Congresse keinerlei physische Machtmittel zu Gebote und moralische Repressalien verfangen bei einer brutalen Macht nicht. Aber es würde die Entrüstungskundgebung über die russischen Barbareien seitens einer so illustren Körperschaft, wie es d:r Friedenscongreß ist, doch insoferne von Nutzen sein, als ec der [nidjt antisemitischen Menschheit zur Kenntniß und Wahcnehmuug bringen würde, wie sehr die im Christenthume begründete Humanität — die vor Allem Nächstenliebe fordert — von Rußland geschändet und infolgedessen wohl allgemein die russische Barbarei voll der nichtantisemischeu Mitwelt verurtheilt werden möchte, womit den unschuldigen Opfern diesen Barbareien, weil» auch kein Ersatz für ihre Einbuße an Gut und Blut, so doch eine moralische Genugthuung für die erlittenen Leiden und Bedrängungen gewährt würde. Dabei möchte auch der Beiveis geliefert werden, daß es in Europa noch Männer gibt, die nicht von antisemitischen Borurtheilen befangen, dem gebeugten Rechte der Juden 511 Hilfe kommen wollen, die freimüthig über die russischeir Greuelthaten ihr Urtheil abzugebrn wagen und die vor dem die Welt verrohendem Kosakenthum sich noch nicht beugen. Es mögen daher alle berufenen Kreise au den Friedenscongreß herantreten um denselben bittlich anzugehen: Daß derselbe auch die russischen Judenverfolgungen zum Gegenstände seiner Berathungen machell und nach gepflogener- Verhandlung documentiren solle: „Daß die russischen Judenverfolgungen unmenschlich, daher auch unchristlich und eines christlichen Staa es unlvürdig sind." Mi. W. Zwei jüdische Vertreter der medirinischen Wissenschaft. 1. Wien, 14. October. In aller Stille beschloß in den jüngsten Tageir eilt guter, edler und uneigennütziger'Mensch sein bewegtes, thatenreiches Leben. Der ehemalige Leibarzt des Schah von Persien, Dr. I. E. Polak, erlag am 8. October im 73. Lebensjahre einem qualvollen Leiden, dem sogenannten Altersbrande. Bereits im März dieses Jahres erkrankte derselbe unter den Erscheinungell einer Gehirn-Embolie, von deren Folgen er sich nicht mehr zu erholen vermochte. Die fenklen Veränderungen in seinem Gefäßsystem äußerten sich immer häßlicher und fühlbarer. Nur zu gut kannte er die wahre Natur seiner Krankheit und schwieg mit erstaunlichem Gleichmuthe über dieselbe. Als ergrauter Arzt mußte er dann seheir, wie der Tod gleichsam stückweise an chm vorschritt. Sein ganzes Leben galt nur unausgesetzter Thätigkeit und dem Wohle der Mitmenschen. Bei aller Anspruchslosigkeit waren doch sein Name und Wirken in Wort, Schrift und That weit über die

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