Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 43 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 Oefferrrichifchr Wochenschrift. Sette 793 Stadt und die Lampe in der Studirstube des Rabbi in der Judengasse macht sich nur durch einen matten Schimmer kennbar. Man hört die Stimme, welche die Weishett des Orients verbirgt, die Thora ohne fremde Beimischung. Und in welcher Stunde immer Du wandelst bis Moses Mendelsson seine Uebersetzung bringt, immer hörst du diese Stimme. Das war eine lange Nacht bis endlich die Morgendämmernng kam und mit dem Bildungsideale auch das Erziehungswesen unter den deutschen Juden sich änderte. Diese Stimmen hat der Verfasser mit seltener Liebe, aufopferndem Fleiße und staunenswerther Beherrschung des Stoffes gesammelt. Denken wir uns einen Phonographen, aber einen solchen, der bei der Wiedergabe in gar nichts sich von der menschlichen Stimme unterscheidet, die in dem Mechanismus hinein gesprochen hat und wir haben eine Vorstellung von der Wirkung des Güdemann'schen Buches. Wir hören die Stimmen, wir durchwandern die Jahrhunderte, wir durchleben das Mittelalter mit seinen Leiden und Oualen und mit dem einzigen Tröste, der den Verfolgten und Gequälten geblieben mit der Thora und dem Glauben. Diese Wirkung wird erreicht durch die sprachliche Kraft der Uebertragung und durch die künstlerische Anordnung des Stoffes. Diesen acht Jahrhunderten fehlt sehr Vieles und was fehlt, hat der Verfasser schonungslos hervorgehoben. Es fehlen Klarheit und Eleganz, es fehlt die Logik des Aristoteles und selbst mit der Grammatik stehen die deutschen Rabbiner zuweilen nicht auf freundlichem Fuß. Diesseits und jenseits der Pyrenäen, dießseits und jenseits der Alpen, das sind zwei verschiedene Welten auch innerhalb des Judenthums. Aber dafür finden wir bei den deutschen Jude«: eine Tiefe und Innerlichkeit des Gemüths, eine Echtheit des Glaubens, die den Eindruck machen, die etwas Ganzes und Abgeschlossenes immer hervorbringt. Da wird nicht erst eine schwankende Brücke, die einen festen Schritt nicht auszuhalten vermag, zwischen Wissen und Glauben gebaut und es bedarf nicht der Künste der Dialektik, um Scheingefechte gegen Negation und Skeptizismus zu führen. Das Herz ist hier ganz und unverletzt, dem Zweifel ist' die Thüre verschlossen und die Sprache ist eine aufrichtige und ehrliche. Und durch diesen Glauben, der keinen Zwüfel kennt, stellt sich die Verbindung her zwischen Thora, Talmud und den von Dr. M. Güdemann gesammelten Stimmen. Das hier besprochene Buch hat vermöge seiner Einleitung und der Anordnung des gesammelten Stoffes die Bedeutung und den Werth eines Gcschichtswerkes! Aber auch das Herz findet hier wahre Befriedigung. Auch innerhalb der Weltanschauung unseres Jahrhunderts müssen wir noch immer den Glauben als die Musik des Völkerlebens betrachten. Wenn man die Stimmen hört, die so freundlich zu uns reden und dabei sich erinnert, daß diese deutschen Juden stets von Feinden umlagert waren, jeden Tag den Mord fürchten mußten und in solcher Bedrängniß die Schule zu wahren wußten und das Studium pflegten, um dadurch gegen Versinken und Verödung sich zu schützen, leitet das Buch hinüber zu den ernstesten Problemen und es hat dann Nutzanwendungen für Jedermann. So schließen wir denn wie es am Ende des Märchens heißt: wer nicht glaubt, der zahle so und soviel Silbergroschen und — kaufe das Buch. Er wird es nicht bereuen; das Buch ist ein Schatz für jedes Haus und eine Zierde für jede Bibliothek. Verstaatlichung der Nordbahn. Die stürmischen Debatten iin Reichsrathe anläßlich der Concessions-Erneuerung der Kaiser Ferdinands-Nordbahn sind wohl noch in aller Erinnerung. Dagegen durste nur den Wenigsten bekannt sein, was sich hiebei hinter den Coulissen abgespielt hat. Noch ist die Geschichte dieser Concessions-Erneuerung nicht geschrieben und nur einem ganz kleinen Kreise Eingeweihter sind die Motive bekannt, welche die maßgebenden Factoren bestimmte, eine Neuordnung zu schaffen, gegen welche die öffentliche Meinung mit den schärfsten Waffen ankämpfte. Die einerseits schlecht berichtete, andererseits irregeführte „öffentliche Meinung" war der Ansicht, daß bei den Verhandlungen der sogenannte „Großactionär" dem Finanzärar, resp. dem Handelsministerium gegenüber stand, sowie daß sich der „Großactionär" gegen die Verstaatlichung mit allen denselben zu Gebote stehenden Machtmitteln zur Wehre gesetzt hatte, was eben auch den Thatsachen nicht entspricht. In der That aber hat der Jncognito-,,Großactionär" aus zur unrichtigen Zeit angewendeter Noblesse aus den Gang der Verhandlungen leider viel zu wenig Einfluß genommen. Maßgebend hiebei war der Umstand, daß dieser „Großactionär" de facto nicht der „größte" Actionär der Nordbahn ist, da es ja bekanntlich einen arischen Privatier gibt, der thatsächlich über einen noch größeren Actienbesitz der Nordbahn verfügt. Dabei blieb aber die Nordbahn im Volksmunde und bei den Antisemiten noch immer die „Judenbahn." Um dem antisemitischen und dem andern höherstehenden Mob eine Eoncession zu machen, wurde der früher in Mehrheit aus Juden zusammengesetzte Verwaltungsrath der Nordbahn purificirt und aus lauter Ariern zusammengesetzt, die Administration und Erecutive „ju den rein" gemacht. Man ging hiebei so scropulös vor, daß kein Jude als Beamter neu angestellt wurde und nicht einmal die kärglich dotirte Stelle als Conducteur mehr erlangen konnte. Man tolerirte Pflege und Ausbreitung des rüdesten Antisemitismus im Beamtenkörper, der daselbst bekanntlich wahre Orgien feierte. Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß zahlreiche Nordbahnbeamten bei Wahlen in die verschiedenen Vertretungskörper für die antisemitischen Candidaten agitirten und aus ihrem Antisemitismus kein Hehl machten. Die wenigen jüdischen Nordbahnbeamten mußten die gröbsten Beschimpfungen und Verhöhnungen über sich ergehen lassen. Als der Nordbahnantisemitismus zn bunt wurde, erschien allerdings seitens der Generaldirection eine Verwarnung, die dem gröbsten Unfug steuerte, allein der krasseste Judenhaß wucherte im Süllen weiter und wirkte um desto intensiver. Und soviel auch dem Moloch „Antisemitismus" geopfert wurde, hieß die Nordbahn noch immer „Judenbahn" „Ro th s ch i ld bah n." Darf es dann Wunder nehmen, daß der ei devant „Großactionär" der Sache überdrüssig wurde tmd zur ultimo ratlo griff, um den sich stets erneuernden Angriffen nnb Wuthansällen des unbesrackten und befrackten Mob ein für allemal zu begegnen. Als solche erwies sich am probatesten die Verstaatlichung, zu der man sich entschloß, ttotzdem die Autonomie der Gesellschaft und den Actionären weit größere Bortheile bietet und auch die Rücksicht für die alten Beamten und Directoren, ferner auf die hochstehenden Personen im Verwaltungsrathe, die ihre wohldotirte Stellung